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Montag, 18. Dezember 2017

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Die Neue Industrie

chemie

Wenn es nach Michael Braungart, Professor für Chemische Verfahrenstechnik und laut Financial Times um den 25. in der Liste der 101 besten Köpfe der deutschen Forschung geht, ist intelligente Verschwendung und intelligentes Produktdesign ein Muss in einer kommenden industriellen Revolution.

Befreiung von der mechanistischen Haltung 

"Augenblicklich sind wir für diesen Planeten eine echte Qual", meint Dr. Michael Braungart eines Abends zu mir am Telefon. "Aber das ist nur deshalb so, weil wir uns nicht von der Vorstellung befreien können, dass wir schlecht für den Planeten sind und deshalb weniger Menschen sein sollten oder weniger ökologische Fußspuren hinterlassen sollten."
Zunächst fällt es mir schwer, ihm zu folgen – vielleicht wegen seines deutschen Akzents – , aber als er mit seinen Erläuterungen fortfährt, eröffnen mir seine inspirierten Ideen über menschliches Unternehmertum eine neue Perspektive auf die Zukunft, die ebenso großartig und Ehrfurcht gebietend ist wie das Erscheinen des Schmetterlings aus dem Kokon. Da Braungart nicht mehr im Bann der Maschinenmentalität fest steckt, kann er eine Vision der Veränderung nach der anderen weben. Aus dem Auto wird ein "Nutra-Fahrzeug" – er nennt es den Büffel des 21. Jahrhunderts. In seinem Auspuff wird nicht nur Stickstoff gewonnen und zu Dünger weiter verarbeitet, sämtliche Abgasemissionen sind wiederverwertbar, und auch das Auto selbst kann in der Produktion der nächsten Serie recycelt werden. Industrielle Polsterstoffe, die weithin als toxisch in Verruf gerieten, sind nun unschädlich und können auf wundersame Weise die Raumluft filtern, während man auf ihnen sitzt. Das ist keine Science-Fiction. Braungart ist ein brillanter Chemiker, sowie Mentor und Partner des Architekten Bill McDonough, mit dem zusammen er das bahnbrechende Buch Cradle to Cradle [Von der Wiege zur Wiege] verfasste. Seine Perspektive der lebenden Systeme ist ein atemberaubender Sprung aus dem mechanistischen Paradigma heraus: Menschen sind grundsätzlich nicht von den Zyklen der Natur zu trennen und sollten im Einklang mit den Prinzipien arbeiten, die den lebenden Planeten informieren. Überdies trägt sie uns weit über die gegenwärtige Annahme hinaus, dass das Leben auf der Erde nur dann von Dauer sein kann, wenn wir unsere Aktivitäten und Auswirkungen auf den Planeten drosseln.

"Ich schlage eine positive Agenda vor, welche besagt: ‚Hey – ist es nicht toll, dass es Menschen auf diesem Planeten gibt?'", sagt er am Telefon in seiner Hamburger Wohnung, wo er gerade seine Tochter zu Bett gebracht hat. Hastig, aber mit weicher Stimme erklärt er weiter: "Anstatt uns um Schadensbegrenzung zu bemühen, sollten wir lieber darüber nachdenken, wie wir Menschen andere Lebensformen unterstützen können. Denn‚ {josquote}weniger schlecht' ist noch lange nicht gut.{/josquote} Wir nennen es ‚Umweltschutz', wenn wir ein bisschen weniger zerstören. Das ist ungefähr so, als würde ich zu meiner kleinen Tochter sagen: ‚Schätzchen, ich beschütze dich – ich schlage dich daher nur fünfmal am Tag anstatt zehnmal.' Das ist nicht Beschützen. Wir schämen uns dafür, auf diesem Planeten zu sein, weil wir einen Prozess der Emanzipation von der Natur durchgemacht haben. Und wir schämen uns für das, was wir während dieses Prozesses alles getan haben. Wir versuchen, damit zu kompensieren, dass wir uns für unser Dasein schuldig fühlen." Die Emanzipation von unserem Eingebettetsein in der Natur hat uns den Verstand der Maschine gebracht. Nichtsdestotrotz "war diese Spaltung nötig", wie Braungart insistiert. Und er erinnert daran, dass wir vor jener die Lebenserwartung steigernden Kreativität der Moderne "alle mit 30 Jahren bereits zu Kompost geworden wären." (Interessanterweise gebraucht man das Wort "Kreativität" erst seit Ende des 19. Jahrhunderts, der Blüte des Maschinenzeitalters.) Erst, nachdem die Menschheit fähig war, die Natur objektiv zu betrachten, und versuchte, sie zu verstehen, ging es mit den menschlichen Erfindungen voran – die Entkernungsmaschine für Baumwolle, die Dampfmaschine, die Eisenbahn, der Telegraf, elektrisches Licht und so weiter. Als uns jedoch die Konsequenzen dieser kulturellen Errungenschaften dämmerten – die Auswirkungen unseres mechanistischen Bewusstseins auf die natürliche Welt und auf einander – war unsere kollektive Reaktion ein schuldbewusster Versuch, unseren negativen Einfluss zu minimieren. Ironischerweise befindet sich dieser Standpunkt jedoch noch immer im Rahmen mechanistischer Denkmuster, denn es wird im Grunde unsere Getrenntheit von der Natur vorausgesetzt. In diesem Zusammenhang enthüllt Braungarts "Von-der-Wiege-zur-Wiege"-Konzept im wahrsten Sinne des Wortes eine neue Bewusstseinsebene. Es befreit nicht nur unser kreatives Potenzial von seiner rigiden mechanischen Prägung, sondern auch uns selbst von unserer Trennung von der lebendigen Welt, wodurch menschliche Kreativität nutzbringend und lebensspendend wird. Braungarts Geist ist ein Beweis für die Wirksamkeit eines Bewusstseins, das sich des lebendigen Universums gewahr ist, mit dem es untrennbar verbunden ist und aus welchem wir hervorgegangen sind – eines Universums, welches durch einen natürlichen Impuls zu Wachstum und Evolution gezwungen ist.
{josquote} "Abfall ist Nahrung"{/josquote}, lautet Braungarts Motto. "Wir sind die einzige Spezies, die nicht wieder verwertbaren Abfall produziert. Wir sind also im Begriff, den gesamten Planeten in einen großen Friedhof zu verwandeln. Jedes andere Tier hinterlässt ausschließlich Dinge, die wiederum auch von anderen verwertbar sind. Von der Natur müssen wir lernen, dass sie nur in Kreisläufen arbeitet." Anstatt sich ein Unternehmen als ein lineares System vorzustellen, das sich mechanisch bei Ressourcen bedient, um Waren zu produzieren und zu verkaufen, die schlussendlich weggeworfen werden, schlägt das "Von-der-Wiege-zur-Wiege"-Konzept – so Braungart – vor, alles als Nährstoff zu betrachten – entweder als wieder verwertbares technisches Baumaterial oder als biologischen Nährstoff. Vielleicht ist das der "Schleim", von dem sich die nächste Stufe der menschlichen Zivilisation ernähren wird: die Demontage und Neuerfindung unbrauchbar gewordener Produkte aus der ersten industriellen Revolution zur Erschaffung neuer für die nächste.
Braungart stellt fest, dass viele junge Wissenschaftler Produkte entwickeln wollen, auf die sie stolz sein können. Deswegen ersinnen sie ihre Entwürfe auf eine Weise, die "viel evolutionärer ist als alles Vorhergegangene." Braungart und diese Aktivisten der Neuen Industrie sind sehr erfinderisch. Er sagt: "Wir haben beispielsweise eine Eiscremeverpackung erfunden, die sich innerhalb von Stunden auflöst, indem sie sich langsam verflüssigt, wenn man sie aus dem Kühlschrank nimmt. Aber das Schöne daran ist, dass sie nicht einfach nur biologisch abbaubar ist. Das ist das Minimum. Schauen Sie, viele von uns werfen Sachen einfach weg, die Eiscremeverpackung zum Beispiel, weil es eine Möglichkeit ist, unser ‚Gebiet abzustecken' und zu zeigen, dass wir wichtig sind. Aber jetzt können wir dazu ermutigen, einen großen Fußabdruck zu hinterlassen, anstatt zu versuchen, unsere Spuren zu verringern. Denn die Verpackung der Eiscreme enthält Samen von seltenen Pflanzen, sodass man durch das Wegwerfen der Eiscremeverpackung die Artenvielfalt unterstützt, genauso wie jeder Singvogel es tut."

Video-Beitrag (neues Browserfenster)

Jedoch werden diese Aktivisten innerhalb der Industrie, genau wie die Imagozellen des Schmetterlings, von der profitgierigen Maschine, metaphorisch gesprochen, aufgefressen. Ihre neuen Produkte und Materialien können, laut Braungart, nicht auf den Markt gelangen. "Das mittlere Management bildet eine große Blockade", sagt er, sich auf jene beziehend, die für die Umsetzung des Profitauftrags der Unternehmen zuständig sind. Weil sie in den Vereinigten Staaten an restriktive Verordnungen gebunden und dennoch vom Profitinteresse getrieben sind, verlegen westliche Unternehmen ihre Produktion nach China und Malaysia, um weiterhin "Produkte von geringer Qualität viel billiger und mit niedrigeren Umweltschutzanforderungen herzustellen". Diese Produkte – zum Beispiel Spielzeuge, die Weichmacher beinhalten, welche unfruchtbar machende Gase absondern, wenn Kinder darauf herumkauen – sind wahre "Massenvernichtungswaffen". Und trotzdem werden derlei Geschäfte weiter geführt, denn – wie er es ausdrückt: "Wir haben das Risiko kollektiviert und den Profit privatisiert, und das macht einfach keinen Sinn." Damit eine Veränderung tatsächlich passieren kann, so Braungart, "brauchen wir in der Industrie Führungskräfte, die nicht nur den schnellen Gewinn im Sinn haben, sondern langfristig denken". Und sie müssen sich "ganz persönlich dem ‚Von-der-Wiege-zur-Wiege'-Konzept verpflichtet fühlen". Es ist klar, dass das System verändert werden muss, und es bedarf mutiger Menschen, die gegen seine Dynamik angehen wollen. Die Unternehmensmanager werden einfach das Risiko eingehen müssen, ihren eigenen Geist von mechanistischen Denkmustern zu befreien.

 Artikel der Serie: Kann der Kapitalismus eine treibende Kraft für ein neues globales Bewusstsein werden?
von Elizabeth Debold

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