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Mittwoch, 23. August 2017

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Geburt der Wirtschaftsmaschine

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Meiner Meinung nach ist das Ausmaß an Veränderung, das dazu nötig wäre, die Wirtschaft nach tragfähigen Werten – wie Gemeinschaft, Gesundheit, Fürsorge, Vertrauen – arbeiten zu lassen, innerhalb des gegenwärtigen Apparates nicht realisierbar. Das ganze System ist zu groß und zerstörerisch. Meg Wheatley, Autorin des bahnbrechenden Buches Leadership and the New Science [Führung und die neue Wissenschaft]


Kann der Kapitalismus eine treibende Kraft für ein neues globales Bewusstsein werden?

Ihre Antwort trifft die Sache ins Herz, oder besser gesagt, ins fehlende Herz. Der Apparat ist das Problem – nicht nur das mahlende Getriebe eines globalisierenden Wirtschaftssystems, sondern die gesamte Denkweise oder Bewusstseinsebene, die alles in mechanistischen Begriffen versteht. Diese Geisteshaltung war der Katalysator für die genialen Erfindungen der Moderne, die einen beträchtlichen Anteil der Menschheit aus dem Aberglauben und der Armut der prämodernen Welt heraus katapultiert haben. Die ersten Wissenschaftler der Aufklärung – Genies wie Newton, Descartes und Bacon – erforschten die Natur, um die Arbeitsweise Gottes, dieses ultimativen Uhrmachers, zu verstehen. Und als Theorie und Praxis der objektiven wissenschaftlichen Forschung der materiellen Welt das Heilige nahmen, fiel Gott mit der Zeit aus dem Bild heraus, was zu der Annahme führte, dass die gesamte körperliche Welt – uns Menschen eingeschlossen – eine seelenlose Maschine wäre. Von der Knechtschaft des Kirchendogmas befreit, haben wir unsere Gott gegebene Intelligenz dazu benutzt, selber Schöpfer zu sein. Diese befreite Kreativität war das Öl im Getriebe der industriellen Revolution. Und die Maschine war die perfekte Metapher für das Zeitalter.

Die kreative Explosion der Moderne führte dazu, dass an allen Fronten geforscht wurde – und aus einem jener Vorstöße in der Forschung wurde das kapitalistische Unternehmen geboren. Viele von uns erinnern sich vielleicht aus dem Geschichtsunterricht noch daran, dass die Vereinigten Staaten von einem Unternehmen gegründet wurden: der Massachusetts Bay Company, einer Handelsgesellschaft, die 1628 von König Charles I. die Konzession erhielt, die Neue Welt zu kolonialisieren. Diese Handelsgesellschaften kamen zustande, als der herrschende Monarch der offensivsten Handelsnationen – Holland, England und Spanien – Kaufleuten, die nach Investoren für globale Unternehmen suchten, die für sie selbst nicht finanzierbar waren, über einen festgelegten Zeitraum und für spezifische Zwecke einen Freibrief erteilte. Das Entstehen der Nationalstaaten ging Hand in Hand mit dem Kapitalismus: Als Gegenleistung für den Freibrief erweiterten die beteiligten Unternehmen die Macht ihrer Regierungen durch Kolonisation und Einverleibung von Ressourcen (einschließlich der Sklavenarbeit) und Märkten, wo sie ihre Güter verkaufen konnten.

Die Kapitalgesellschaft ist der finanzielle Mechanismus, der die moderne Welt erschuf. Ursprünglich diente dieses Gebilde dem Gemeinwohl – es wurde beispielsweise das Bahnsystem entwickelt, das weltweit einen effektiven Handel ermöglichte. Weil man den Kapitalgesellschaften einen Freibrief gewährte, wurden sie nach und nach als eigenständige juristische Einheiten anerkannt – juristische Einheiten, die ihre Investoren vor Rechtsverletzungen und Fehlverhalten seitens der Gesellschaft beschützen konnten. Wenn die oft riskanten Geschäftsvorhaben fehlschlugen, konnten weder die Investoren noch die Geschäftsinhaber verklagt werden: Ihre Haftpflicht war auf das Geld beschränkt, das sie in das Unternehmen hineingesteckt hatten, und das machte die Investition in eine Kapitalgesellschaft sehr attraktiv. Allerdings wurde dadurch auch die Möglichkeit des Betrugs sehr verlockend. Schon die ersten Aktiengesellschaften waren von Skandalen geplagt, als skrupellose Aktienhändler (die Ur-Ur-Urgroßväter der heutigen Börsenmakler) naiven Investoren Anteile an fiktiven Unternehmen verkauften. Im Laufe der darauf folgenden Jahrhunderte, während derer der Kapitalismus seinen Aufstieg erlebte, veränderte sich sein Zweck vom Gemeinwohl zur Anhäufung von privatem Reichtum und Besitz. {josquote}Die Maschine des Kapitalismus{/josquote}, die Aktiengesellschaft, gewann im 19. Jahrhundert – einer Zeit großen Unternehmergeistes und sozialer Ungleichheit – ungeheuer an Macht und Dynamik.

Der Schutz der Investitionen der Aktieninhaber wurde zum alleinigen Auftrag der Unternehmen. In einem Verfahren nach dem anderen standen die Gerichte auf der Seite des Kapitals. Sie verfügten, dass Aktiengesellschaften fast ausschließlich ihren Aktionären, sprich: Eigentümern – gegenüber verpflichtet sind, nicht aber ihren Angestellten und Arbeitern oder Außenstehenden gegenüber, die unter den negativen Auswirkungen ihrer Handlungen zu leiden haben. Nun, da die Märkte weltweit vernetzt sind, stellt der Druck des Aktienhandels an börsennotierte Unternehmen unablässig die Forderung nach kurzfristigen Profiten per Dividende oder höheren Aktienkursen. Diese Rechtsauffassung, dass den Eigentümern/Aktionären Profite zu erwirtschaften sind, ist der Grund dafür, dass so viele Unternehmen die Städte und Gemeinden ihrer Gründung verlassen haben, um billigere Arbeitskräfte im Ausland zu finden. Die Aussicht auf kurzfristige Profite veranlasst große Aktiengesellschaften auch, kleine Unternehmen sowie Erfindungen aufzukaufen, die ihr Geschäft mit potenziell kostspieligen Innovationen "bedrohen" – nutzen jedoch diese Erfindung anschließend selbst gar nicht. Sie ist auch der Grund dafür, warum BP – ein Unternehmen, das mehr Umweltverantwortung übernimmt als die meisten anderen Ölkonzerne – sich zwangsläufig um Ölbohrungen in Alaskas arktischer Küstenebene bemühen wird, ungeachtet der Tatsache, dass sie damit riskieren, Flora und Fauna sowie die Kultur der dort lebenden Ureinwohner zu zerstören. Schneller Profit ist auch der Grund dafür, dass Pfizer, welches umfangreiche gemeinnützige Hilfsprogramme unterhält, wenig bis gar nicht in den Versuch investiert, einfache Krankheiten, wie Malaria oder Tuberkulose, zu heilen, denen weltweit Millionen Menschen zum Opfer fallen, stattdessen jedoch Unsummen in die Erforschung von Haarausfall steckt, weil der Verkauf eines "Heilmittels" dafür an die Reichen einen Riesengewinn abwerfen würde.

Wohlmeinende Unternehmensführer werden durch dieses Rechtsmandat im Grunde daran gehindert, sozial und moralisch verantwortungsbewusst zu handeln. Bob Hinkley, ein ehemaliger Partner der angesehenen Anwaltskanzlei Skadden Arps, nahm sich eine Auszeit von seiner Tätigkeit in der Praxis, nachdem er diese erschreckende Wahrheit erkannt hatte. Er beschreibt die Auswirkungen von Aktiengesellschaften mit einer simplen, aber treffenden Analogie: "Wenn man einen Haufen Kinder auf einen Schulhof schickt und ihnen keinerlei Beschränkungen auferlegt, so würde das für eine Weile gut gehen. Aber dann würden die Rabauken in der Gruppe alles übernehmen und man bräuchte Regeln. Um 1850 herum führten wir die Aktiengesellschaft, diese neue Art von Person in den metaphorischen Schulhof ein, welche im Wesentlichen ein Zusammenschluss von Menschen ist, der Kapital in Millionen- und manchmal Milliardenhöhe hinter sich stehen hat. Sie wurden die Rabauken auf dem Schulhof." Hinkley weist darauf hin, dass Aktiengesellschaften heutzutage in der Lage sind, das Rechtssystem zu überlisten: Sie verfügen über eine gut finanzierte Lobby, die für Regeln sorgt, mit denen sie leben können. Sie können ganz einfach an Gerichtsständen mit laxerer Gesetzgebung verhandeln lassen. Manchmal missachten sie geradezu aggressiv das Gesetz und riskieren eine Anklage, weil sie genügend Geld für einen langen Rechtsstreit haben – und es sich sogar leisten können, zu verlieren. Er vergleicht die heutigen Aktiengesellschaften mit Hal, dem Computer in 2001: Odyssee im Weltraum, der sein eigenes Überleben über das der Crew setzte und beinahe jeden an Bord tötete, bevor sein Stecker gezogen wurde. "So ungefähr ist das", sagt Hinkley und lacht kurz auf. "Sie wurden falsch programmiert. Wir haben diese Aktiengesellschaften, die hinsichtlich der Wahrung ihrer Eigeninteressen keine Grenzen kennen, in unsere Kultur eingeführt. Natürlich werden sie darauf bedacht sein, Geld zu verdienen. Manchmal finden sie legale Wege. Aber da es außerhalb der Gesetzbücher keine weiteren Einschränkungen für das{josquote}Prinzip der Gewinnmaximierung{/josquote} gibt, versuchen sie oft, ihre Ziele auf eine Weise zu erreichen, die dem Gemeinwohl schadet."

Die Aktiengesellschaft ist nach Joel Bakan, dem Autor von The Corporation "eine externalisierende Maschine". Aktiengesellschaften mussten noch nie für den Schaden aufkommen, den sie Dritten zugefügt haben – ihren Arbeitern, Gemeinden und Kunden. Es gibt dafür sogar einen eleganten Ausdruck: "externe Effekte". Externe Effekte fließen in die Kosten-Nutzen-Analysen aller Aktiengesellschaften ein, auf deren Basis Geschäftsentscheidungen getroffen werden. Ist es billiger, fehlerhafte Maschinen auszuwechseln oder Schadensersatz an durch sie verletzte Arbeiter zu zahlen? Ist es profitabler, die Umweltschutzgesetze zu brechen und eine Strafe zu riskieren, als das Werk mit neuen Maschinen auszustatten, welche die Emissionsgesetze erfüllen würden? Diese Entscheidungen verursachen oft irreparable Schäden für den Menschen und für die Gesellschaft im Allgemeinen. Aber, wie Bakan es beschreibt: "Alle Kosten, die [die Aktiengesellschaft] auf jemand anderen abwälzen kann, sind ein Nutzen für sie, der direkte Weg zum Profit."

Die Logik dieser Wirtschaftsmaschine, dass ein positives Resultat erzielt wird, wenn jedes Individuum und jede Aktiengesellschaft ungeniert ihre eigenen Interessen verfolgt, scheint erstaunlich fehlerhaft. Inzwischen hat sich klar herausgestellt, dass es so nicht funktioniert. Aber diese Logik ist typisch für die Moderne. Unser moderner, mechanistischer Verstand hat den Kapitalismus, die Aktiengesellschaft und unsere Gerichtshöfe geschaffen. Nichtsdestotrotz kann er nicht mit dem Grad an Komplexität umgehen, der aus der globalen Vernetzung resultiert, zu deren Erschaffung er wesentlich beitrug. Mechanistisches Denken ist bekanntermaßen reduktionistisch und beruht auf simplen, linearen Verkettungen von Ursache und Wirkung. Wie bei jedem anderen Mechanismus geht es entlang eines Denkmusters nur in eine Richtung – alles außer Acht lassend, was sich ihm in den Weg stellen mag. Peter Senge, Autor des Klassikers Die fünfte Disziplin und Gründer der Society for Organizational Learning [Gesellschaft für organisatorisches Lernen], sagte im Gespräch mit mir: "Man kann ein Unternehmen nicht als Maschine betrachten und gleichzeitig erwarten, dass es gegenüber größeren Gesellschaften und lebenden Systemen, von denen es ein Teil ist, nicht entsprechend auf blinde, maschinenartige Weise operiert."

Aber man kann Wirtschaftsunternehmen auch anders betrachten. Senge meint: "Man kann in ihnen Geld produzierende Maschinen sehen oder eine menschliche Gemeinschaft." Wie man über seine Arbeit denkt und wie man funktioniert, ist seiner Ansicht nach sehr unterschiedlich, je nachdem, welche Haltung man hat. Toke Møller von der Inter Change ApS stimmt zu: "Wir müssen begreifen, dass der Arbeitsplatz ein menschliches Dorf ist. Es ist ein lebendes System. Und wenn wir begreifen, dass wir eine Menschheit auf dem Globus sind, befinden wir uns im Übergang zwischen zwei Paradigmen." Das menschliche Dorf in Møllers neuem Paradigma ist jedoch ein anderes als das der Prämoderne. "Das Dorf muss wiederkommen", meint Møller, "aber dieses Mal mit Bewusstsein" – als lebendes System seiner selbst bewusst.

Ist es also die Aufgabe unserer Zeit, die gesamte Wirtschaftsmaschinerie in eine Ansammlung von Unternehmensdörfern zu verwandeln? Ja, aber ... ist die Antwort von Meg Wheatley. Und ihr "Aber" ist ein großes: "Meiner Erfahrung nach funktioniert das Leben nicht so. Aus der Perspektive eines lebenden Systems lässt sich etwas nur noch schwer verändern, wenn es erst einmal in Erscheinung getreten ist. Das große System, das da entstanden ist, muss sich auflösen." Unter Bezugnahme auf die Arbeit der Evolutionsbiologin Elisabet Sahtouris erklärt sie: "Wenn eine Raupe sich verpuppt, erscheinen nach und nach Zellen des Imago, des Schmetterlings, in ihrem Innern, die das Immunsystem der Raupe zerstören. Die erste Reaktion des Systems auf die neue Arbeit, auf die neuen Modelle, ist, sie aufzufressen, denn sie stellen eine Bedrohung dar. Zu der Zeit ist die Raupe in ihrer gefräßigsten Phase." Wheatleys Bemühungen konzentrieren sich derzeit darauf, die Zellen des Imago des neuen Paradigmas miteinander zu verbinden, damit "sie nicht aufgefressen, sondern miteinander verbunden werden, sodass wir wachsen und uns in etwas viel Mächtigeres verwandeln können. Wenn die Raupe letztendlich den Kampf verliert, wird sie zu einem klebrigen Schleim – einem totalen Chaos – aber dieser Schleim nährt die Zellen, aus denen dann der Schmetterling wird." Wheatley befürchtet, was die Vernunft nahe legt, nämlich, dass diese Veränderung nur durch Leid und massive Zerstörung erreicht werden kann. "Vor Jahren habe ich von dem Physiker und Schriftsteller Fritjof Capra erfahren, dass wir bereits wissen, wie wir sehr starke, zukunftsfähige Modelle kreieren können", sagt sie mit Nachdruck. "Mir ist bekannt, dass wir durchaus wissen, wie man Hochleistungsorganisationen entwickelt. Ein Mangel an Informationen ist also nicht das Problem. Dieses liegt viel tiefer und ist weitaus erschreckender, nämlich, dass wir entweder von unserem gegenwärtigen Paradigma total gelähmt werden oder, dass wir einfach nicht genügend Kraft, Willen oder Mut haben, um zu sagen: "Es reicht!" Wheatley hat Recht. Es ist tiefer und Furcht erregender, denn das {josquote}Problem ist unsere eigene Bewusstseinsebene{/josquote}. Ohne es zu erkennen, sind die meisten von uns in derselben mechanistischen Mentalität gefangen, die auch die moderne Kapitalgesellschaft erfunden hat. Diese Haltung ist verantwortlich für unser Gefühl des Getrenntseins von einander und von den lebenden Systemen, von denen wir ein Teil sind.

Generell wendet sich Wheatley gegen den Versuch, die Maschine selbst ändern zu wollen. "Es ist nicht die Zeit für Revolutionen", stimmt Toke Møller ihr zu. "Jetzt ist nicht der Augenblick, gegen das Alte zu kämpfen. Wir müssen hinter uns lassen, was nicht funktioniert, und das erschaffen, was funktioniert – um an der Evolution teilzunehmen." Damit könnte Møller richtiger liegen, als ihm vielleicht bewusst ist. Der Begriff "Revolution" ist eine Metapher für das Maschinenzeitalter mit seinen Walzen und Motoren, während "Evolution" nur auf natürliche Systeme anwendbar ist. Und wir müssen unser Bewusstsein über den maschinellen Verstand hinaus entwickeln, der die moderne Welt und das moderne Selbst geschaffen hat.

 Artikel der Serie: Kann der Kapitalismus eine treibende Kraft für ein neues globales Bewusstsein werden? von Elizabeth Debold

Quelle: www.enlightennext.de

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