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Donnerstag, 20. Juli 2017

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Zeit der Mega-Konzerne vorbei

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Neue Arbeit durch mobile Fabriken und dezentrale Produktion. Ein bisschen mehr arbeiten. Ein bisschen mehr Bildung. Ein bisschen mehr Innovation. "Diese Maßnahmen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit zu benutzen, ist das Gleiche, als würde man eine Tasse Wasser zu einem Waldbrand bringen," so der Philosoph Frithjof Bergmann.

Der Geisteswissenschaftler muss es wissen, den er hat sich theoretisch und praktisch sein ganzes Leben mit der Beziehung zwischen Mensch und Arbeit beschäftigt. Zum ersten Mal war es in den Wäldern von New Hampshire. Dorthin hatte Bergmann sich zurückgezogen, nachdem er sich als Tellerwäscher, Preisboxer, Hafenarbeiter und Bühnenautor in den USA durchgeschlagen hatte. Er suchte ein alternatives Leben, wollte unabhängig sein und hatte beschlossen, sich selbst zu versorgen. Nach zwei Jahren gab er auf. Denn statt frei, fühlte er sich als Sklave der harten körperlichen Arbeit, die er mit einfachen Werkzeugen zu verrichten hatte, um sein karges Dasein zu sichern. Er fing an, Philosophie zu studieren, promovierte und lehrte in Princeton, Stanford, Chicago und Berkeley. Und während um ihn herum immer mehr Arbeitsplätze abgebaut wurden, analysierte Frithjof Bergmann das klassische Lohnarbeitssystem und entwickelte ein Alternativmodell. Er nannte es neue Arbeit. Das war vor mehr als 20 Jahren. Bergmann hat seine Erkenntnisse jetzt für den deutschen Markt aufbereitet in dem Buch „Neue Arbeit, Neue Kultur“. Seine zwei wichtigsten Arbeitshypothesen werden uns jeden Tag in der Wirtschaftspresse präsentiert. In Zukunft werden weltweit noch viel mehr Arbeitsplätze abgebaut, als wir uns heute vorstellen können. Grund sei weniger die Verlagerung in Niedriglohnländer, sondern die zunehmende Automatisierung von Arbeitsprozessen.

Ein wachsender Dienstleistungssektor könne niemals hier Ersatz schaffen, da gerade hier die Automatisierung noch schneller Platz greife als in der Industrie.
Die Lösung von Bergmann klingt zunächst simpel: Die Arbeitszeit eines Menschen wird gedrittelt: ein Drittel der Zeit verbringen wir mit der bisherigen Lohnarbeit. Das zweite Drittel gehen wir einer Beschäftigung nach, die wir "wirklich, wirklich wollen". Und ein Drittel unserer Zeit nutzen wir dazu, uns selbst zu versorgen. Und zwar mit "High-Tech-Eigen-Produktion".

„Sie basiert im Wesentlichen auf der Idee, unsere brillanten Technologien nicht nur dazu zu benutzen, aus unseren Flüssen Kloaken oder aus unserem Regen Säure zu machen, sondern auch noch für etwas ganz anderes. Wir könnten eine Reihe von Geräten, Apparaten, Materialien, Maschinen und Herstellungsarten entwickeln, die es uns ermöglichen würden, 60 bis 80 Prozent von dem, was wir zum Leben brauchen, selbst herzustellen. Dann könnten wir das fabelhafte, unabhängige Leben führen, von dem ich einen Vorgeschmack erhalten habe – ohne im Schweiße unseres Angesichts mit einer Bogensäge Holz schneiden zu müssen“, schreibt Bergmann.

Das klingt sehr nach Sozialromantik im Sinne des Dichters Henry David Thoreau. Davon ist Bergmann allerdings weit entfernt. Seine Vorschläge sind pragmatisch und die Analyse des klassischen Arbeitsmarktes können auch Wirtschaftswissenschaftler nicht von der Hand weisen. Die gute alte Zeit des Industriezeitalters ist vorbei. Was industriell gefertigt wird, erledigen heute technisch ausgebildete Menschen in Niedriglohnländern günstiger und besser. Daran können auch Verordnungen, Gewerkschaftsproteste oder Steuerangleichungen nichts ändern. Unser Denken verharrt immer noch in den goldenen 50er und 60er Jahren – einen wirtschaftlichen Aufschwung schaffen wir mit dieser Mentalität nicht. Die Massenproduktion reicht nicht mehr aus, um die Arbeitslosigkeit zu beseitigen.

Dazu Bergmann:{xtypo_quote}„Es ist eine Tatsache, dass die Fabriken, wie wir sie heute kennen, auf geradezu absurde Weise ineffizient sind – innovativere und ideenreichere Ingenieure werden das jederzeit bestätigen, und sie meinen dabei keine Kleinigkeiten.{/xtypo_quote} Sie reden hier nicht von Aspekten wie ‚Just-in-time-Lieferung’, ‚Total Quality’, ‚Lean Management’ oder ähnlichen oberflächlichen Modeerscheinungen. Nein, sie meinen damit die grundlegendere, sozusagen ‚archetypische’ Tatsache, dass wir immer noch kilometerlange Fließbänder haben und entlang dieser Fließbänder Hunderte von einzelnen Robotern, die im Grunde nur eine einzige, eng begrenzte Funktion erfüllen. Für viele Ingenieure erscheint dies heute plump und offensichtlich überholt. Die Planung kleiner Produktionswerkstätten wird also nicht nur von der Neuen Arbeit vorgeschlagen. Was ich beschrieben habe, bringt nur etwas pointierter zum Ausdruck, was viele Menschen, die auf diesem Gebiet tätig sind, sich schon seit einiger Zeit vorstellen“.

Dieser Trend zeichnet sich selbst in Konzernen ab. Auch große Unternehmen haben erkannt, wie vorteilhaft es sein kann, „klein“ zu sein, Produktion und Dienstleistungen auszulagern und von Spezialisten übernehmen zu lassen. Renault baut in Rumänien ein Auto, das alle westlichen Standards erfüllt und nur 5000 Euro kostet. Bei der Produktion setzt man nur wenige Roboter ein: Nur vier Arbeitsschritte der gesamten Logan-Produktion, etwa die Lackierung, wurden automatisiert - selbst auf die jahrelange Produktionszeit gerechnet sind Arbeiter billiger als die einmalige Investition in Automaten. Nach Auffassung von Experten führt die Renault-Strategie zu einer Zäsur in der Massenproduktion: Man konzentriert sich auf das Wesentliche, vereinfacht die Produktionsschritte und kombiniert die handwerklichen Fähigkeiten der Arbeitskräfte mit flexiblen High-Tech-Verfahren. So kann man sich den Veränderungen von Märkten schneller anpassen, in Kundennähe produzieren und sorgt für neue Arbeit.

Nach Ansicht von Bergmann ist die Zeit der Riesenunternehmen vorbei: „Die Kultur der meisten Mega-Konzerne mit ihren ausgeprägten Hierarchien, ihren starren Formalitäten, ihren unbeholfenen Kommunikationsmechanismen und als Resultat davon ihren langsamen Reaktionszeiten passt offensichtlich nicht mehr zu dem heute herrschenden Tempo. Sie ist nicht mehr vereinbar mit der heute existierenden Wirtschaftskultur und erscheint im Vergleich dazu alt und atemlos...Die neuen Industrien – und das sind auch diejenigen, die sich in kleinen Fabriken und kleinen Organisationen entwickeln – nennen ihr Gelände oft einen Campus. Das ist ein Ausdruck, der sehr viele Dinge zusammenfasst...Über die reine Tiefe und Breite dieser Kluft hinaus gibt es einen Aspekt, der für die ‚alten’ Industrien jedoch besonders schmerzlich ist, für die ‚neuen’ Industrien jedoch besonders vielversprechend ist. Er besteht, kurz gesagt, darin, dass die machtvollen sich gegenwärtig entwickelnden Technologien ganz eindeutig auf der Seite der ‚neuen’ Unternehmen sind, während sie genauso eindeutig die ‚alten’ und großen Unternehmen benachteiligen. Was sind die drei modernen Erscheinungsformen der Technologie mit der größten Signalwirkung für Modernität? Viele würden wohl darin übereinstimmen, dass es das Internet, das Mobiltelefon und der Laptop sind. Wenn wir auch nur einen Augenblick nachdenken, wird sofort deutlich, dass alle drei dezentrale Strukturen fördern“.

Neue Techniken forcieren die Entwicklung, die sich von der überholten, ineffizienten industriellen Massenproduktion wegbewegt und kleine, agile und computergesteuerte Handwerk-Shops aufkommen lässt. Es entstehen mobile Fabriken, die sich per Baukastensystem aus vielen Einzelelementen zusammenstecken und ebenso schnell ab- wie aufbauen lassen können. In verschiedenen Größen und je nach Bedarf an verschiedenen Orten. Mit "Plug and Produce" könnten damit Unternehmen sich rascher als bisher an Veränderungen im Markt anpassen, preiswerter produzieren und eine kostengünstige Logistik zum Kunden realisieren. So bietet die Pegnitzer Firma BellandVision für Großveranstaltungen wie dem Köln Marathon Einweg-Getränkebecher an, die sofort nach Gebrauch zusammen mit den restlichen Abfällen eingesammelt werden. Die Belland-Becher werden anschließend in einem Recyclingmobil verwertet. Den Kunststoff kann man selbst aus vermischten und verschmutzten Abfällen maschinell herauslösen und molekular reinigen. Aus dem Material kann man wieder neue Becher herstellen im Gegensatz zum klassischen Plastikrecycling.

Eine weitere Innovation, die zur Idee von Professor Bergmann passt, nennt sich "Rapid Prototyping". Gemeint ist damit eine Art Druck für Objekte in 3D. Man gibt den Datensatz eines Artikels in eine generative Maschine ein, und im Inneren wird er dann Schicht für Schicht aus staubfeinem Material exakt so aufgebaut. Ein Verfahren, das heute schon in der Luft- und Raumfahrtindustrie verwandt wird. Die Ideen von Bergmann sind also keine weltfremden Spinnereien. Etliche nüchtern denkende Fachleute arbeiten bereits mit ihm zusammen. So gibt es im sächsischen Zschopau ein 2001 gegründetes "Zentrum Neue Arbeit", eines von mehr als 30 bereits bestehenden Zentren weltweit. In Zschopau arbeitet man an der Verwendung von Kleie als Verpackungsmaterial, einem Abfallprodukt, das bei der Herstellung von Getreide entsteht. Das Verpackungsmaterial ist stabiler als Styropor und landet nach Gebrauch im Biomüll und kann kompostiert werden. Auch dieses Produkt lässt sich in mobilen Fabriken herstellen. Die Zukunft, da sind sich viele Wissenschaftler einig, liegt in der Individualisierung der Massenproduktion. Das Grundlagenwerk von Bergmann liefert viele Anregungen, die Arbeitsgesellschaft neu zu organisieren und die Massenarbeitslosigkeit zu beseitigen. Im Gegensatz zu den Ritualdebatten über Lohnerhöhungen, Lohnkürzungen, Wochenarbeitszeit, Hartz IV, V oder VI.

Quelle: Online-Nachrichtendienst NeueNachricht" (www.ne-na.de) Verfasser: Gunnar Sohn
Frithjof Bergmann, Neue Arbeit, Neue Kultur, Arbor Verlag 2004, Würzburg, 433 Seiten, 24,80 Euro
 

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