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Freitag, 21. Juli 2017

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Occupy Money - Prof. Dr. Margrit Kennedy

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Geld regiert die Welt! Das ist heute offensichtlich. Doch wer regiert das Geld? Darüber sind sich selbst die Fachleute selten einig. Die weltweite Wirtschaftskrise belegt, dass diese Frage für die meisten Menschen zur Überlebensfrage geworden ist. Sie ist nicht die erste Banken- und Währungskrise, die wir in den letzten Jahrzehnten erlebten. Die Datenbank des Internationalen Währungsfonds (IMF) weist zwischen 1970 und 2007 „124 Bankenkrisen, 326 Währungskrisen und 64 Staatsverschuldungskrisen auf nationaler Ebene“ auf. Nur dieses Mal trifft uns die Krise global statt nur national und ist damit von völlig anderer Wucht und Dauer.

 

occupy-moneyÜberlassen wir es an diesem Punkt weiterhin den Spekulanten an den Börsen, den großen Investmentbanken und Versicherungen oder dem sogenannten „freien Markt“ zu bestimmen, was unsere Währung wert ist? Oder sind wir in der Lage, selbst zu bestimmen, mit welcher „Münze“ wir wen bezahlen?
Vor genau dreißig Jahren lernte ich einen kleinen, aber bedeutsamen Konstruktionsfehler in unserem Geldsystem kennen, der mich bis heute beschäftigt: den Zins. Innerhalb von zwanzig Minuten verstand ich, dass ich als Architektin und Ökologin in diesem Geldsystem keine Chance hatte, ökologische Projekte im notwendigen Umfang finanziert zu bekommen, und das, obwohl es eine Lösung für dieses Problem gab. Ich brauchte sechs Monate, bis ich sicher war, dass dies stimmte. Und es dauerte fünf Jahre, bis ich dazu ein kleines Buch schrieb, das bis heute in dreiundzwanzig Sprachen übersetzt wurde.

Nachdem ich drei Jahrzehnte lang Vorträge gehalten und Bücher und Artikel darüber geschrieben hatte, durfte ich im Jahr 2008 – nach der Pleite von Lehman Brothers und dem Anfang der weltweiten Finanzkrise – erleben, dass die Menschen plötzlich betroffen zuhörten. Ich gab zahllose Interviews, und es schien, als bewege sich etwas in den Köpfen der Menschen. Mehr und mehr Ökonomen fingen an, den Neoliberalismus mit dem Credo „Der Markt wird alles richten“ scharf zu kritisieren.

Dennoch sprach kaum jemand über diesen Konstruktionsfehler im Geldsystem. Parallel dazu wuchs die Menge der nicht rückzahlbaren Schulden und Finanzprodukte, die keiner mehr durchschaute. Statt Milliarden hatten wir es bald mit Billionen und Billiarden Euro oder Dollar zu tun. Größter Posten laut aktueller Statistik sind die Derivate mit ca. 601 Billionen, in Zahlen ausgedrückt:
601.000.000.000.000 USD.

Wir kauften Zeit, indem wir die großen Banken retteten und den Crash hinauszögerten, denn wirklich fundamental änderte sich nichts. Für uns Steuerzahler eine teure Verschnaufpause vor dem Kollaps, der durch Rettungsschirme, eine teilweise Beteiligung der Banken und einige neue Bestimmungen nicht aufzuhalten ist.

Im Laufe der Jahre verstand ich, wie solide das „Denkgefängnis“ ist, in dem wir uns in Bezug auf das Thema „Geld“ eingerichtet haben, und wie recht der erste Ökonom hatte, mit dem ich seinerzeit sprach, als er sagte: „Die Kritik am System stimmt zwar, aber wir verfügen nicht über die Macht, es zu ändern.“ Erst viel später begriff ich, dass ich an den Grundfesten der ökonomischen Wissenschaften rüttelte. Denn der Zins gehört zum Eingangsparadigma, das alle Ökonomen akzeptieren müssen – vom Studienanfänger bis zum anerkannten Experten der Betriebs- oder Volkswirtschaftslehre. Alle ökonomischen Modelle und Berechnungen setzen den Zins als gegeben voraus. Ich konnte das System wohl nur deswegen unbefangen in Frage stellen, weil ich keine Ökonomin war. Ebenso wie viele andere Systemkritiker, die ich später traf, kam ich aus einer anderen Fachrichtung und durfte meinen gesunden Menschenverstand benutzen, um den Fehlern im System auf die Spur zu kommen. Wollen Sie ein Geldsystem, das Stabilität gewährleistet und verhindert, dass sich jemand auf Ihre Kosten bereichert? Oder bevorzugen Sie ein System, das Ihnen durch risikoreiche Spekulation ermöglicht, großen Wohlstand auf Kosten anderer zu erzielen, aber vielleicht auch alles, was Sie besitzen, zu verlieren?
Gehören Sie zur ersten Gruppe, dann ist dieses Buch für Sie richtig. Ich will ein Buch für Laien schreiben, weil nur sie eine Veränderung herbeiführen können. Die Proteste an der Wall Street, die sich inzwischen zu einer weltumspannenden Bewegung entwickelt haben, waren ein erstes und notwendiges Aufbegehren. Fachleute hingegen – und dazu gehören Ökonomen, CEOs großer Banken und Börsenspekulanten – interessieren sich nicht dafür, ob die große Mehrheit versteht, was passiert. Mit Fachausdrücken, Formeln und einer Sprache, die nur ihresgleichen versteht, verklausulieren sie die tatsächlichen Sachverhalte. Ein Grund dafür ist: Solange das Spiel weitergeht, verdienen sie immer daran – selbst noch an dem Chaos, das sie anrichten. Wie es um diejenigen steht, die die Zeche bezahlen, interessiert sie nicht.  
Martin Zeis beschreibt in seiner Rede bei der Occupy-Aktion in Stuttgart am 15.10.2011 eindrucksvoll, wie etwa 200.000 „guys“ (es sind vor allem Männer) im Alter zwischen 25 und 40 Jahren mit Hilfe ausgefuchster Trading-Programme versuchen, jeweils als Erste von den geringen Wertschwankungen von Währungen zu profitieren, weil sich die Gewinne daraus letztlich in ihren Boni und denen ihrer Vorgesetzten niederschlagen. Sie bewegen auf diese Weise täglich Währungen in der Größenordnung von 4,5 Billionen US-Dollar – ein volkswirtschaftlich nutzloses Treiben, das bei gezielten Attacken auf „Opfer-Währungen“ ganze Länder schwer schädigt.

 

Finanzwelt weicht aus in Pferdewetten + Casino Mentalität bei Milliardenumsätzen. > Deutsche Börse, Deutsche Bank...
Euro-Krise: Verunsicherung wächst - Gelddrucken gegen die Panik > manager-magazin
Dirk Müller - Occupy-Bewegung, Zukunftsaussichten, Wirtschaftsethik > LOHAS-Fillm.de
Don’t Occupy Wall Street—Transform It? > Time for a new generation of social change leaders to move beyond

Ich will das, was ich weiß, in diesem Buch so aufbereiten, dass alle es verstehen, die es wissen müssen, damit sich endlich etwas ändert. Denn immer noch wissen zu wenige Menschen, wie fundamental sich die Konstruktionsfehler im Geldsystem auf ihr Leben auswirken. Die meisten Menschen glauben, dass sich Veränderungen nur herbeiführen lassen, wenn eine Mehrheit sich dafür einsetzt. Dem ist aber nicht so. Wenn nur 10% der Bevölkerung etwas verstehen und sich deshalb anders verhalten, folgen alle anderen nach, wie die Ergebnisse eines amerikanischen Forschungsprojekts belegen.

Ich werde aufzeigen, dass Zins mit Zinseszins langfristig jedes Geldsystem zusammenbrechen lässt. Das muss jeder wissen, damit Geld nicht zur Glaubenssache pervertiert. Lloyd Blankfein, CEO von Goldman Sachs, bezeichnete 2009 in einem Interview mit der Sunday Times seine Arbeit und die seines Geldhauses als „Gottes Werk“. Kein Symbol repräsentiert diese Haltung deutlicher als die Banktürme der Weltmetropolen, die Kathedralen
der Gegenwart. Banker sind allmächtige Schöpfer – sie schöpfen Geld und verdienen gut daran, was Max Otte als „Sozialismus für Banken und Finanzdienstleister“ bezeichnet, als „eine Wirtschaftsordnung, die Banken weitgehend vom Risiko der Spekulation freistellt und leistungsfreie Einkommen für Banken, Finanzdienstleister und Super reiche schafft“.

Doch unser Geldsystem ist nicht gottgegeben. Wir Menschen haben es geschaffen und können es verändern. Es liegt nicht allein an der Gier von Investmentbankern oder Investoren, die gern für das Finanzdesaster verantwortlich gemacht werden. Es liegt an unser aller Bequemlichkeit, Unwissenheit und Unsicherheit – und auch daran, dass wir unser Geld „vermehren“ wollen. Denn wer von uns will nicht, dass die Bank oder der Rentenfonds aus dem eigenen Geld das „meiste“ macht? In diesem Buch geht es nicht um Schuldzuweisungen, sondern um Lösungsansätze. Es geht um neue Geldentwürfe, die einen Nutzen optimieren und helfen, Geld zu schaffen, das weder einem krankhaften Wachstumszwang unterliegt noch eine ständige Umverteilung von der großen Mehrheit der Menschen zu einer kleinen Minderheit verursacht – wie unser heutiges Geld das tut.

Was also ist verkehrt an unserem Geldsystem? Was hindert uns, es dauerhaft zu gestalten? Wie können wir die Konstruktionsfehler des Geldes beheben? Und was kann jeder Einzelne tun?

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