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Donnerstag, 19. Oktober 2017

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Peak Oil - Die Ära nach dem billigen Öl

Peak Oil

Was geschieht, wenn der Förderhöhepunkt von Erdöl überschritten sein wird? Eine Reihe von Autoren kommt zu dem Schluss: Ja, der Förderhöhepunkt, der Peak, steht unmittelbar bevor. Und er wird gewaltige Auswirkungen haben: auf den Alltag, auf die Wirtschaft, auf die globale Kultur insgesamt.

Die Energiekrise wird lange andauern, sie wird schwierig zu meistern sein, immerhin, sie wird nicht zu einem völligen Niedergang der Zivilisation führen, möglicherweise sogar zu einem nachhaltigeren, einem erfüllteren Lebensstil als heute. Dies ist eine sehr amerikanische Diskussion: Ein Land, das mit Abstand den größten Ölverbrauch der Welt hat und dessen Siedlungsstrukturen in Zeiten entstanden sind, als Benzin billiger war als Mineralwasser in Flaschen, wird sich seiner Abhängigkeit bewusst. Im Kern geht es um einen dringenden Aufruf zur Dematerialisierung.

Was ist der Peak?
Wenn der globale Peak von Erdöl erreicht sein wird, gibt es immer noch riesige Mengen Öl im Boden – genau so viel wie seit dem Beginn der kommerziellen Gewinnung im Jahr 1859 bis zum Peak gefördert sein wird. Aber: Von diesem Zeitpunkt an wird es Jahr für Jahr schwieriger, gar unmöglich, mehr Öl zu finden und zu pumpen als im Jahr zuvor.“ So beschreibt es Richard Heinberg  in seinem Buch The Party’s over. Der Peak ist deshalb so bedeutsam, weil er den Zeitpunkt markiert, in dem die Nachfrage das Angebot endgültig übersteigen wird.
Während der vergangenen 200 Jahre haben wir uns daran gewöhnt, immer mehr Öl zur Verfügung zu haben. Die Bevölkerung ist stark angestiegen, die globale Ökonomie hat ungeheuer zugelegt. Die entscheidende Energie dahinter war in wachsendem Maße billiges Erdöl. Das wird sich radikal ändern. Lester Brown sagt es so: „In einer Welt mit sinkender Ölproduktion, kann kein Land seinen Verbrauch weiter steigern, es sei denn auf Kosten anderer.“

Heinberg schlägt seinen Lesern vor: Begeben Sie sich an einen belebten Ort in der Stadt. Setzen Sie sich irgendwo hin. Und beobachten Sie, was um Sie herum geschieht. Wo überall Energie eingesetzt wird: in der Beleuchtung, im Transport, in der Kommunikation; in den Häusern, Autos, in der Kleidung, der Nahrung sind große Mengen Energie enthalten – die man auf den ersten Blick gar nicht sieht. Nun, sagt Heinberg, stellen Sie sich vor: Alle diese Energie würde weniger, zuerst um 10 %, dann 25 %, schließlich 75 %. Was wäre dann? – Das ist der Prozess, wie wir ihn etwa bis zur Mitte des Jahrhunderts erleben werden.
Ölvorkommen, einzelne Felder ebenso wie die weltweiten Lagerstätten insgesamt, laufen nicht einfach leer wie ein Tank: gleichmäßig, bis es zu Ende ist. Ölvorkommen beschreiben einen typischen Lebenszyklus: Zunächst steigt die Förderung an, dann verharrt sie auf einem Plateau, um anschließend kontinuierlich zu sinken.
Das Phänomen des Peaks hat erstmalig der amerikanische Geologe Marion King Hubbert beschrieben. Geboren wurde er 1903 in Texas, später war er Wissenschaftler bei Shell. 1956 schätzte Hubbert, dass der Förderhöhepunkt der amerikanischen Produktion zwischen 1966 und 1972 liegen würde. Tatsächlich erreichten die USA ihren Peak im Jahr 1970; was aber erst ein Jahr später offensichtlich wurde, als die Fördermengen kontinuierlich sanken. Heftige wirtschaftliche Verwerfungen waren die Folge. Die USA, einst größter Ölproduzent der Welt, haben diese Erfahrung also bereits hinter sich. Nun läuft die Welt als Ganze unerbittlich auf das Fördermaximum für konventionelles Erdöl zu.

Die zweite entscheidende Figur, auf die sich die – in den USA besonders virulente – Diskussion um den globalen Peak bezieht, ist Colin J. Campbell, ebenfalls Geologe und ebenfalls lange Jahre auf der Lohnliste von Ölgesellschaften wie Texaco, Amoco und BP. In deren Auftrag war er rund um den Globus tätig. Er kennt also das Geschäft. Über seine ehemaligen Kollegen, die Ölmanager sagt er heute: „Es gibt etwas, worüber sie nicht gerne reden: die Erschöpfung der Ressourcen. Für die Leute von der Investment-Lobby, die beständig auf der Suche nach der guten Nachricht und nach einem positiven Image sind, ist das Wort mit üblem Geruch belegt. Für sie ist es nicht so einfach, alle diese komplizierten Dinge zu erklären, dafür haben sie weder ein Motiv noch die Verantwortung. Es ist nicht ihr Job, sich um die Zukunft der Welt zu kümmern. Die Direktoren sind im Business, um Geld zu machen, in erster Linie für sie selber, auch für ihre Shareholder, wenn sie es denn können.“ Campbell ist der Gründer der Association for the Study of Peak Oil  (ASPO), eine Vereinigung von ehemaligen Ölmanagern und Wissenschaftlern, die sich zum Ziel gesetzt haben, die Folgen des Peaks aufzuarbeiten und publik zu machen.

Wann kommt der globale Peak?
Es gibt unterschiedliche Methoden, den globalen Peak zu berechnen, beispielsweise die Reserven und Produktionsdaten einzelner Länder zu bestimmen und von dort aus weiter zu rechnen. Campbell prognostiziert den globalen Förderhöhepunkt für das Jahr 2008. Die zuständige deutsche Behörde, die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover, sieht das Ereignis später, zwischen 2015 und 2020.
Gibt es Gegenargumente? – Es gibt eine andere Sicht. Sie wird wesentlich von Ökonomen vertreten. Richard Heinberg nennt es das „cornucopian argument“, das Füllhornargument. Im Kern lautet es: Je mehr Energie wir verbrauchen, desto mehr werden wir entdecken. So allgemein formuliert kann man es auf die Vorräte von konventionellem Öl sicher nicht anwenden. Die Lagerstätten sind endlich, das liegt in der Natur der Sache. Folglich gibt es auch einen Zeitpunkt, in dem die Hälfte der globalen Vorkommen erschöpft sein wird.
Übrigens gibt es viele kleine Peaks. Für die US-Produktion war er wie gesagt 1970, für die britischen Vorkommen in der Nordsee 1999, Kanada und Mexiko sind für 2007 prognostiziert. Also viele kleine Peaks, aber nur ein großer.
Der Peak der weltweiten Ölproduktion ist ein einmaliges historisches Ereignis. Dass er kommt, wissen wir. Wann genau, weiß niemand. Der Peak sendet keine Signale. Erst im Nachhinein ist er zu erkennen. Die Märkte reagieren immer nur kurzfristig, auf Angebot und Nachfrage. Die Ausschläge werden heftig sein, die Auswirkungen auf die Wirtschaft gewaltig.

Warum regenerative Energien uns nicht retten werden
Richard Heinberg und James Howard Kunstler diskutieren sämtliche Alternativen: von den Ölsänden, über Erdgas, Kohle, also die fossilen Energieträger, über regenerative wie Sonne, Wind und Wasserkraft; hinzu kommen Geothermie und Atomenergie. Die Autoren sind sich einig: Erdöl hat eine dermaßen zentrale Bedeutung für das globale Energiesystem, wenn dieses Segment langsam aber sicher abschmilzt – das wird Folgen haben!
Insbesondere kritisieren Heinberg und Kunstler den aus ihrer Sicht naiven Glauben, man könne Öl einfach durch regenerativ erzeugte Energie ersetzen. Vielmehr zeigen sie: Regenerative Energiesysteme sitzen auf einem Fundament billiger fossiler Energie. Bei der Windenergie z.B. ist es die gesamte Infrastruktur, also die Windräder, die Maschinenteile wie die Betonpfeiler; sämtliche Transport- und Servicefahrzeuge laufen mit billigem Öl. Wenn dies nicht mehr zur Verfügung steht, verändern sich auch die Preise regenerativ erzeugter Energie. Die These der Autoren lautet: Das Energieangebot insgesamt wird geringer, die Preise werden deutlich steigen. Damit leben wir in einer anderen Welt.

Folge 1: Das Ende der Vorstädte
Der eigentliche Verdienst der amerikanischen Autoren, die sich des Themas „der Peak und die Folgen“ angenommen haben, liegt darin, dass sie die möglichen Konsequenzen der Energieverknappung durchdacht und plastisch ausgemalt haben. So erst wird die ganze Dramatik deutlich.
 Kunstler liebt ähnliche Gedankenexperimente wie Heinberg: also sich die heutige, vor allem die amerikanische Wirklichkeit bei drastisch steigenden Öl- und Benzinpreisen vorzustellen. Er wählt eine beliebige Landstraße im Staat New York mit einer der uniformen Ansammlungen von Häusern, irgendwo an einer Straßenkreuzung, mit Fast Food Shops, Wal Mart und Tankstelle, mehr nicht. Kunstler fragt: Ohne billiges Benzin, wie sollen die Bewohner weiterhin 30, 50 oder gar 100 Meilen täglich mit dem Auto fahren können, um einen Job zu erledigen oder einzukaufen? Die Antwort: gar nicht. Die typisch nordamerikanische Siedlungsform unendlicher Vorstädte mit freistehenden Häusern, Kilometer über Kilometer, ohne ein nennenswertes Angebot von öffentlichem Personennahverkehr, wird es so nicht mehr geben. Die Immobilienpreise werden verfallen, aber wo sollen die Leute hin? Ohne Job, wenn ihr Haus nichts mehr wert ist? Viele dieser Siedlungen werden die Slums der Zukunft werden, prophezeit Kunstler.
Weite Teile der Siedlungsstrukturen, vor allem in den USA, sind das Produkt von billigem Öl. Kunstler nennt es Suburbia und diagnostiziert ein Ende dieses „Drive-in-Utopia“, des Traums vom Leben auf dem Land, mit eigenem Haus, mit dem entsprechenden Fahrzeugpark, mit Flotten von gelben Schulbussen, die die Kinder aus einem riesigen Einzugsgebiet am Morgen einsammeln und abends wieder heimbringen. All das wird es so nicht mehr geben.
 Ein ähnliches Schicksal wird die großen Städte ereilen. New York, Chicago, Los Angeles sind die Produkte von billigem Öl. Hochhäuser mit geschlossenen Fassaden, bei denen man kein einziges Fenster öffnen kann, und die folglich nur mit großem Energieaufwand für Klimaanlagen zu betreiben sind, hinzu kommen Energie-fressende Aufzüge – Kunstler nennt diese Architektur eine experimentelle Bauform, die in einem Zeitalter mit ganz anderen Energiepreisen der Geschichte angehören wird. Er geht davon aus, dass die amerikanischen Millionenstädte das Schicksal von Detroit teilen werden, wo weite Areale des Stadtgebiets verlassen sind, die Häuser verfallen und die Natur den Raum zurückerobert.

Folge 2: Straßen verfallen
Kunstlers Szenarien sind besonders beeindruckend. Ein Auto zu besitzen und zu fahren wird generell Luxus werden. Die Fahrzeugflotte wird deutlich zusammenschmelzen. Kunstler denkt an kleine, Energie-sparende Fahrzeuge, möglicherweise mit Elektromotoren, deren Energie von einer neuen Generation Atomkraftwerken erzeugt wird.
 Die USA verfügen derzeit über 2,6 Millionen Meilen asphaltierter Straßen, deren Fahrbahndecken wesentlich aus Öl bestehen. Ein gigantisches Netz von Interstates ist über das Land gespannt. Die aber sind ziemlich anfällig, sie müssen beständig gewartet werden. Wenn das nicht mehr bezahlbar sein sollte, werden sie in kürzester Zeit nicht mehr zu benutzen sein. Die Mobilität wird schwer darunter leiden. Auch der Transport. Der weitaus größte Anteil des Güterverkehrs in den Vereinigten Staaten, 64 %, wird über Trucks abgewickelt. Was ist, wenn die nicht mehr fahren?
 Der Flugverkehr wird noch stärker von hohen Ölpreisen betroffen sein, aus dem einfachen Grund, weil Treibstoff den größten Teil ihrer Betriebskosten ausmacht. Die Ära der Billigflieger kennt man bald nur noch vom Hörensagen. Ein Flugticket für ein paar Euro oder Dollar? Das klingt dann wie ein Märchen. Selbstverständlich wird es weiter Flugzeuge geben – für die Reichen, für die Mächtigen und fürs Militär.

Folge 3: Eine neue Ära der Landwirtschaft
Seit 1940 ist die Produktivität der US-amerikanischen Landwirtschaft jährlich um 2 % gestiegen, insgesamt eine Verdreifachung während des 20. Jahrhunderts. Ähnlich war es in vielen Ländern dieser Erde. Eine einmalige historische Leistung.
Das war einmal ganz anders. Traditionelle Formen der Landwirtschaft haben jeweils nur einen sehr kleinen Energie-Zugewinn gebracht: das, was die Sonne beim Wachstum und bei der Reifung des Getreides, Gemüses oder der Früchte hinzugab; Tiere halfen mit ihrer Arbeitskraft und ihren Exkrementen, die Energiebilanz zu verbessern.
 All das hat sich im Verlauf der „Grünen Revolution“ verändert. Ein gewaltiger Energie-Input aus fossilen Quellen ergoss sich über die Felder. In erster Linie als Kunstdünger. Kunstdünger wird aus Erdgas gewonnen. Hinzu kommen das Benzin für den Traktor sowie die Energie für die Transport- und Kühlkette; in Nordamerika legen Nahrungsmittel von der Farm bis zum Verbraucher im Schnitt 1.300 Meilen zurück. Hinter jeder Kalorie, die wir zu uns nehmen, steht also ein Mehrfaches an fossiler Energie. Wir essen Öl.
Die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität hat im 20. Jahrhundert einen historisch einmaligen Zuwachs der globalen Bevölkerung erst möglich gemacht. Allein von 1950 bis 2000 stieg die Zahl der Menschen von 2,5 auf 6 Milliarden an, mittlerweile sind es 6.5 Milliarden. Was passiert, wenn nicht mehr so viel Energie für die Produktion von Nahrungsmitteln zur Verfügung steht? Oder wenn die Felder gar genutzt werden, um Biokraftstoffe zu erzeugen? Dies könnte, argumentiert Lester Brown, zu einer unheilvollen Konkurrenz führen: zwischen wohlhabenden Autofahrern und armen Menschen, die auf billige Nahrungsmittel angewiesen sind.

Folge 4: Globalisierung rückwärts?
Alle diese Entwicklungen werden in der Realität natürlich gleichzeitig eintreten. Die Auswirkungen teurer Energie werden sich systemisch durch die Ökonomie, durch die Politik, durch die ganze Gesellschaft ziehen. Die Brötchen beim Bäcker werden teurer, weil die Produktion des Mehls mehr kostet, das Gleiche gilt für den Transport des Mehls, die Befeuerung des Backofens etc.; eine Weile fährt der Bäcker noch mit seinem Lieferwagen, der mit billigem Öl gebaut worden ist; aber irgendwann ist er kaputt – dann steigen die Preise ein weiteres Mal, weil nun die Fahrzeuge ebenfalls mehr kosten.
 Die Autoren sind mit einer Einschätzung des kommenden Ölpreises sehr zurückhaltend. Genauere Aussagen, wie hoch er steigen könnte, ob auf 100 $, 200 $ oder mehr, sucht man vergeblich. In jedem Fall werden hohe Energiepreise sich negativ auf die Wirtschaft aufwirken, wie genau, ob inflationär oder deflationär, auch darüber findet man relativ wenig. Denkbar ist, dass steigende Ölpreise eine regelrechte Depression auslösen werden, wodurch die Nachfrage sinken und die Problematik gemildert oder zeitlich gestreckt würde.
 Es gibt ja bereits Erfahrungen über die Auswirkung drastisch steigender Ölpreise während der Energiepreiskrise Anfang der 70er Jahre. Als nämlich die Entwicklungsländer so gut wir gar kein Öl mehr kaufen konnten. Schade, dass die Autoren diese Aspekte nicht aufgearbeitet haben.
 Dafür entwerfen sie beeindruckende Bilder über die Post-Peak-Ökonomie, wie sie in den USA aussehen könnte: eine Welt, in der die Menschen eher in kleinen und mittelgroßen Städten wohnen werden, eine Lebensweise, die deutlich ortsfester sein wird, eine Gesellschaft, die wieder mehr Arbeitskraft in die Landwirtschaft stecken muss, eine Ökonomie, in der das Ex-und-Hopp nicht mehr bezahlbar sein wird, wo die Dinge also langlebiger sein müssen, öfter repariert und upgedatet werden.

Süchtig nach Öl
Kunster spricht von einem gewaltigen Trauma, das auf die menschliche Zivilisation zukommen wird. „Wir werden einfach nicht glauben können, dass uns dies alles widerfahren wird, dass 200 Jahre Modernität durch eine Energieverknappung in die Knie gezwungen werden. Diese Perspektive wird so hart sein, dass einige Individuen, möglicherweise ganze Gruppen, etwa Nationen, Symptome einer Depression mit suizidalen Anteilen entwickeln werden.“ Die Überlebenden, so sieht es Kunstler, werden als Antwort darauf eine Religion der Hoffnung entwickeln, entwickeln müssen.
Sollten die Autoren mit ihren Szenarien die Zukunft nur annähernd richtig beschreiben, ist es in hohem Maße verwunderlich, wie wenig die Menschen auf den anstehenden Bruch vorbereitet sind. So sehen sie es selber.

Quelle: Aachener Stiftung Kathy Bey
 

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