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Freitag, 21. Juli 2017

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3. Wohnen

Seit dem Ackerbau, aber teilweise auch schon früher, leben Menschen in festen, unverrückbaren Behausungen. Eine solche Wohnung dient dem Schutz vor der Witterung, der Sicherheit, der Zubereitung und Lagerung von Nahrung, der Körperpflege, aber auch dem eigenen Gestaltungsspielraum und der Repräsentation. Wohnen kommt von Wonne, wurde also mit Wohlfühlen verbunden. Im englischsprachigen Raum wird mit „Living“ sprachlich nicht zwischen Wohnen und Leben unterschieden, das „Home“ bauen Engländer und Nordamerikaner jedoch gerne als Trutzburg gegen alle schlechten Einflüsse aus. Neben dem Bedürfnis nach Nahrung und Kleidung wird das Bedürfnis nach einer Wohnung zu den menschlichen Grundbedürfnissen gerechnet.

Im westlichen Kulturkreis werden heute dem Wohnen eher Funktionen zugeordnet, die innerhalb dieses Kulturkreises als eher privat oder intim angesehen werden und deshalb aus dem öffentlichen Raum zum Teil verbannt sind: Schlafen, Körperpflege, Zusammensein und Pflege von Gemeinschaft mit den vertrautesten Menschen (oft die Familie), Austausch von Zärtlichkeit, Sexualität, Aufbewahren persönlicher Gegenstände, sowie Kochen, Essen und Trinken. Die Wohnung ist somit der zentrale Ort der Subsistenzarbeit.

ethify yourselfÜber lange Zeiträume wurden Wohnungen fast ausschließlich von Familien bewohnt; erst in modernen industriellen und postindustriellen Gesellschaften breiten sich Einpersonenhaushalte, Wohngemeinschaften und ähnliche Wohnformen in größerem Umfang aus. Die heutigen Assoziationen mit dem Begriff „Wohnen“ sowie viele heutige Ausprägungen des Wohnens haben ihre grundlegenden Wurzeln im 19. Jahrhundert, im aufkommenden Bürgerlichen Zeitalter, d.h. in einer Zeit, in der das Bürgertum zur einflussreichen Bevölkerungsgruppe wird. In dieser Zeit werden Wohnung und Familie zum Rückzugsraum und Intimbereich des Bürgertums. Bauern und Handwerker arbeiteten früher meist am selben Ort, doch die Industrialisierung trennt das Wohnen vom Arbeiten. Die von der Erwerbsarbeit befreite Wohnung wird zum trauten Heim, zum Gegenentwurf zur rauen Realität außen. Der Biedermeier hat eine bürgerliche Wohnkultur entwickelt, die die Wohnarchitektur mit ihrer typischen Raumaufteilung in Küche, Wohnzimmer und Schlafzimmer bis in die 1980er Jahre prägte. Jede Etagenwohnung weist nun einen Standard auf, welcher vor hundert Jahren nur einer winzigen Schicht vorbehalten war: Herd, Kühlschrank, WC, Fließwasser, Bad, Heizung, elektrisches Licht gehören zur Standardausstattung.

Heute verschwimmen die funktionalen Grenzen des Wohnraums, in Neubauten sind Wohnraum und Küche als Funktionsinseln konzipiert. Mit Mobiltelefon und Laptop können wir im Prinzip überall arbeiten, und tun dies auch in der Küche, am Sofa, beim Schreibtisch oder auf dem Balkon. Andererseits führen wir insbesondere in der Stadt als Single nur einen sehr eingeschränkten Haushalt und nutzen die Genusstheke allenfalls zum Frühstücken.

Ein moderner Wohnraum ist heute oftmals nicht nur ein Ort für Subsistenz und Erwerb, sondern im Internetzeitalter auch für Kultur und Politik. Mit Festplattenrekorder, Flatscreen und Surround-Sound kommt Kinovergnügen auf und Blogs, Twitter und Facebook sind heute die Medien, um Ungerechtigkeiten aufzudecken und Solidarität zu üben.

Je nach Lebensabschnitt und sozialem Status dominieren unterschiedliche Wohnformen. Kinder von Ökofreaks schlafen in Hochbetten, Studierende in Wohngemeinschaften, Singles in Mietwohnungen und Familien sehnen sich nach einem Einfamilienhaus. Ein eigenes Haus verspricht Autonomie und Zukunftssicherheit und vermittelt den Status, es auch geschafft zu haben. Doch spätestens, wenn die Kinder ausgezogen sind, bleibt Wohnraum ungenutzt und zieht Einsamkeit und Ohnmacht ein. Immobilien machen immobil, man muss bleiben, wo man gebaut hat. Das ist im Alter nicht immer die glücklichste Lösung, vor allem dann, wenn die Verwandtschaft weit verstreut ist und vielleicht nicht einmal mehr an Weihnachten zu Besuch kommt. Und ein Haus mit Garten braucht auch viel Pflege, das kann lästig oder beschwerlich werden.

Der Wunsch nach dem Eigenheim führt zur Zersiedelung weiter Landstriche und hat unabsehbare ökologische und soziale Folgen. Zwei oder mehr Autos sind notwendig, um die Mobilitätsanforderungen zu bedienen. Zwar muss bei einem Kaufvertrag heute in Österreich ein Energieausweis beigelegt werden, doch weist dieser nicht aus, wie viel Treibstoff voraussichtlich verbraucht werden wird, um die üblichen Wege für Einkauf und Arbeit zu erledigen. Und wir erleben uns nicht mehr als Gemeinschaft, die um einen Kirchturm oder einen Dorfbrunnen wohnt und sich auch mal zufällig zum Tratsch trifft, sondern als Verteidiger von Eigentum in Schlafsiedlungen, das es mit Alarmanlagen, Hunden und Zäunen zu schützen gilt.

In die Berechnung des Ressourcenverbrauchs fürs Wohnen fliessen eine Reihe von Faktoren ein. Zunächst geht es um den Verbrauch von Landschaft: Wer ein Grundstück in schöner Lage kauft, nimmt anderen die Aussicht oder die Möglichkeit, das Stück Land samt Zufahrt für Erholung oder Landwirtschaft zu nützen. Erheblicher Energieeinsatz fällt bereits beim Bau selbst an, vor allem wenn man den Aufwand zur Herstellung von Ziegeln, Beton, PVC oder Kupferleitungen mitrechnet. Viele Materialien, die beim Bau zum Einsatz kommen, sind eigentlich als Sondermüll zu klassifizieren, ausser Holz. Wer mit Holz baut, schafft ein angenehmes Wohnklima und handelt umweltverträglich. Mit Solartechnik und einer kontrollierten Be- und Entlüftung kann ein Niedrigenergiehaus geschaffen werden. Mittlerweile sind grosse mehrstöckige Holzbauten möglich, und mit modernen Dämmmaterialien ist auch das Brandrisiko nicht anders einzuschätzen, obwohl es von der Betonindustrie weiterhin als Argument gegen den Einsatz von Holz am Bau gebracht wird.

Nachhaltigen Wohnraum schaffen heisst also, nicht in die Landschaft Architekturdenkmäler zu setzen, sondern im Siedlungsgebiet zu verdichten oder zu renovieren. Vielerorts stehen alte Häuser leer. Deren Umbau in ein energieeffizientes Haus mag mitunter aufwändiger sein, als neu zu bauen. Wenn der Wohraum schon während der Bauphase provisorisch genutzt wird, entsteht eine besonders enge Zusammenarbeit mit lokalen Handwerkern und eine unvergleichliches Erlebnis, nämlich die Geschichte von Räumen mit der eigenen Handschrift weiterschreiben zu dürfen.

Gemeinsam mit meiner Frau Juliane habe ich zwei Häuser für unsere Wohnbedürfnisse hergerichtet. Ein Jahr nach dem Studium in Wien kaufte ich mit einem Bausparkredit ein kleines Bauernhaus im Weinviertel, das uns lange als Wochenendhaus diente. Um das um 1900 erbaute Haus kümmert sich nun ein guter Freund, den ich dort gerne besuche. Denn wir hatten 2003 entschieden, in eine Mittelstadt in den Alpen zu ziehen, wo fast alle Wege zu Fuss oder mit dem Fahrrad erledigt werden können und ein kleiner Garten dabei ist. Unser jetziges Haus in Dornbirn war das erste im Ensemble sieben Bauernhäuser am Hatler Brunnen, das in den 1970er Jahren von einem Architekten saniert worden ist, andere folgten dem Beispiel nach. Unsere Aufgabe ist es, jedes Jahr an einer anderen Ecke die Wärmedämmung zu verbessern. Eine Solarheizung wurde 2006 installiert, die nicht nur Warmwasser erzeugt, sondern das Haus auch mitheizt, wenn die Sonne aufs Dach scheint. Mit der Deaktivierung eines Warmluftgebläses und der Reaktivierung einer Stückgutheizung, die wir mit Abfallholz aus dem Sägewerk befeuern, konnten wir den Verbrauch fossiler Energien wesentlich reduzieren. Eine weitere Einsparung brachte die Stillegung der Tiefkühltruhe und der Austausch des Kühlschranks mit einem Kombi-Gefrierschrank. Damit liegen wir mit knapp 6 MWh pro Kopf und Jahr weit unter dem Durchschnitt. Zugegeben, im Winter ziehen wir uns auch zu Hause einen Pullover an und lassen oft das Büro kalt, denn in er Küche oder im Wohnzimmer lässt sich's mit Laptop auch gut arbeiten. Vor uns liegt noch die Renovierung des zweiten Kachelofens im Büro sowie eine Photovoltaikanlage, welche die Solarpumpe, den Medien-Server und das WLAN mit Strom versorgen soll.

Abbildung 1: Energiebilanz Haus Dornbirn Badgasse 3, 200 m²,
für Familie mit 5 Personen und Büro
(Angaben in kWh, Messzeitraum jeweils bis 30.9. eines Jahres)

 

Zum Einfamilienhaus gibt es freilich auch energiesparende Alternativen. Mehrgenerationenhäuser, Ökodorfsiedlungen oder autofreie Wohnparks sind der Wunschtraum vieler, dennoch bilden sie ein Minderheitenprogramm für jene, die Ausdauer haben und es sich leisten können. Denn die Planungs- und Abstimmungsprozesse sind oft langwierig und nicht selten ziehen andere Leute ein, als jene, die die Idee aufgebracht und das Grundstück organisiert haben.

Reizvoll ist ja auch das Leben in der Grossstadt, mehr als die Hälfte aller Menschen leben in Metropolen. Das Angebot für kulturelle und politische Betätigungsfelder ist immens und oft sind auch die Jobaussichten besser. Eine kompakte Wohnung in einem Zinshaus bilanziert ökologisch besser als ein Einfamilienhaus auf der grünen Wiese. Wenn die Natur nicht zum Greifen nahe ist, bieten sich Ausflüge an, die auch ein intensives Erlebnis sein können. Berlin, Prag, Budapest und Wien sind wohl jene Städte in Zentraleuropa, die noch leistbare Wohnungen bieten und zugleich von atemberaubenden Landschaften umgeben sind.

Alexander von Schönburg fühlt sich in Designerwohnungen nicht wohl: „Die Schönheit einer Wohnung ergibt sich also nicht durch das Geld, das man für sie ausgibt, durch das Stadtviertel, indem sie liegt, sondern durch die Selbstverständlichkeit, mit der dort Gäste aufgenommen werden. Reich ist, wer eine Wohnung hat, die zum Anziehungspunkt seiner Freunde wird. Und reich ist auch, wer Freunde hat, bei denen er regnerische Tage verbringen kann, wenn ihm seine eigene Decke auf den Kopf zu fallen droht.“ Urbane Bewohner nehmen die Gestaltung von Innenhöfen, Parks oder den Trottoirs selbst in die Hand. In Wien wurde in den 1970er Jahren das Planquadrat geschaffen: ein grosser Innenhof wurde zusammengelegt und wird bis heute ehrenamtlich betreut – eine Oase für Kinder, Eltern und Alte. Und in Berlin werden Schals und Mützen für Hydranten gestrickt, die Idee dazu kommt aus einem Strick-Cafe. Die Rückeroberung öffentlicher Räume für's Leben und die Zurückdrängung des motorisierten Individualverkehrs sorgen in den Städten für mehr Wohnqualität.

Egal, ob Stadt oder Land und wie groß die Fläche ist, die wir zum Wohnen zur Verfügung haben: wir sind alle gefährdet, zu viel anzuhäufen. Der Markt der Self-Storage Firmen wächst, weil die Leute nicht wissen, wohin mit ihrem Unrat. Die geerbte Bettwäsche hat leider die falschen Masse für die Kopfpolster, für die Modelleisenbahn ist weder Zeit noch Platz, die Tennisausrüstung könnte man ja mal in den Urlaub mitnehmen und die Romane will man vielleicht im Ruhestand nochmal lesen. Da hilft nur regelmässiges Ausmisten und der Abtransport zum Flohmarkt oder in den Recyclinghof. Keine Angst vor Leere: nicht jede Ecke muss vollgestellt bleiben, nicht überall ein Teppich liegen! Werner Tiki Küstenmacher empfiehlt ein Entrümpeln in kleinen Einheiten: über einen bestimmten Zeitraum jeden Tag eine Schublade, ein Kleiderfach oder ein Regalbrett, aber dieses dafür anständig aufräumen. Die entsprechende Einheit wird komplett leergemacht, geputzt und dann wird der Inhalt in drei Häufen eingeteilt: Wunderbares, echter Müll und die Kategorie Fragezeichen landet in einer Krims-Krams Schublade oder in einem Karton und der wird im Keller oder Dachboden verstaut. Nach einem Jahr lässt sich davon getrost vieles verschenken oder entsorgen, weil man draufkommt, dass es einem gar nicht abgegangen ist. Wichtige Erinnerungsstücke aus dem Leben sollen in eine besondere Kiste: diese brauchen wir vielleicht im Alter für unsere Demenz-Therapie, denn immerhin ist ein Viertel der über 85-jährigen davon betroffen. Die Therapie ist umso erfolgreicher, wenn es gelingt, Ankerpunkte in der Vergangenheit zu fixieren. Das kann auch das Etikett eines Getränks oder ein Kochrezept sein, das unserem emotionalen Gedächtnis vielleicht wieder auf die Sprünge helfen kann, sofern wir gelernt haben, zu riechen und zu schmecken.

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