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Donnerstag, 30. Mrz 2017

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The Guardian

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The Guardian
  1. Klimawandel | Brandrodung beim Klimaschutz
    Trumps Dekret signalisiert das Ende der US-Dominanz im Kampf gegen den Klimawandel. Doch andere Akteure stehen bereit, um für die USA einzuspringen: zum Beispiel China
    Brandrodung beim Klimaschutz

    Öltrucks in Texas
    Bild: Spencer Platt/Getty Images

    Stellt Donald Trumps Entschlossenheit, die Klimaschutzpolitik der USA wieder auf den Stand des frühen Mittelalters zurückzuversetzen, eine "existenzielle Bedrohung des gesamten Planeten" dar? Davor warnte zumindest der Architekt vieler grüner Maßnahmen der Obama-Regierung, John Podesta. Oder ist die weltweite Dynamik hin zu erneuerbaren Energien und anderen Maßnahmen zur Eindämmung der Erderwärmung "unaufhaltsam"? So formulierte es jedenfalls die Generalsekretärin der UN-Klimarahmenkonvention, Patricia Espionoza vor kurzem.

    Die Antwort dürfte irgendwo dazwischenliegen und hängt immer vom Optimismus bezüglich der Frage ab, ob Wirtschaft, Gesellschaft und Politik in der Lage sein werden, einen weiteren Anstieg der Erderwärmung zu verhindern.

    Eines ist klar: Die Brandrodung, die der neue US-Präsident hinsichtlich der Maßnahmen gegen den Klimawandel betreibt, erschwert die Bewältigung einer der größten Herausforderungen, die die Menschheit jemals zu stemmen hatte.

    Viele Wege führen zur emissionsfreien Weltwirtschaft, die in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts nötig sein wird um die "schwerwiegenden, weitreichenden und irreversiblen Auswirkungen" zu vermeiden, vor denen Wissenschaftler*innen auf der ganzen Welt warnen. Am Besten wäre es, so bald wie möglich damit anzufangen und dafür zu sorgen, dass die CO2-Emissionen ab 2020 global zurückgehen.

    Ermutigend ist zumindest, dass sich die Emissionen aus fossilen Brennstoffen in den vergangenen drei Jahren abgeschwächt zu haben scheinen. Trumps Erlass zur Annullierung von Obamas Clean Power Plan (CPP) sowie weitere Maßnahmen zur Aufhebung diesbezüglicher Verordnungen der Vorgängerregierung, könnten jedoch zu höheren Ausstößen beim Autoverkehr und beim Fracking führen. Dies würde den Trend umkehren. Die USA sind mit 14 Prozent der Gesamtmenge an Kohlendioxid der zweitgrößte CO2-Emittent weltweit und die Abkehr vom CPP könnte bis zu 25 Prozent höheren Emissionswerten führen als bei Durchführung des Plans.

    Es gibt jedoch gute Gründe anzunehmen, dass die Abkehr vom CPP nicht wirklich zu dem Revival der Kohle führen wird, das Trump verspricht – schließlich erwarten eine solche Entwicklung nicht einmal die Kohle-Barone selbst:

    Die Kohle befindet sich weltweit im freien Fall: Investitionen im Energiebereich sind auf Jahrzehnte hin angelegt und zur Zeit geht die Entwicklung eindeutig in Richtig erneuerbarer Energien und CO2-armer Produktion. So ist es höchst unwahrscheinlich, dass Trumps kurzzeitige Veränderung die Energiekonzerne zu milliardenschweren Wetten auf die Kohleförderung verleiten wird. Zudem sind die Kosten für Sonnen- und Windenergie seit 2009 um 85 bzw. 66 Prozent zurückgegangen. Für viele US-Amerikanische Bundesstaaten ist die zukünftige Energieversorgung eindeutig erneuerbar, unabhängig von den Gedanken der gegenwärtigen Regierung in Washington.

    Wie Trumps krachende Niederlagen beim Einreiseverbot für Muslime oder der Abschaffung von Obamacare zeigen, ist die Umsetzung von Plänen sehr viel schwieriger, als diese nur auf Twitter anzukündigen. Sein Angriff auf den Klimaschutz verdammt die Welt also nicht zwangsläufig zu einem unaufhaltsamen Anstieg der Erderwärmung. Dennoch wird der Kampf gegen den Treibhauseffekt sehr viel schwieriger als dieser ohnehin schon ist.

    Nur weil die USA ihre Beteiligung aufkündigen, wird der Rest der Welt sich nicht von seinen Ziel abbringen lassen. Beim jährlichen UN-Klimagipfel Ende November stärkte Trumps Wahlsieg die Entschlossenheit der Teilnehmer zu handeln: "Das Wahlergebnis in den USA hatte wirklich den Effekt, dass die 180 teilnehmenden Länder sich noch stärker bemühten, in der Sache weiterzukommen", so ein hochrangiger Delegierter.

    Auch die Wissenschaft liefert Erkenntnisse, die für verstärkte Anstrengungen sorgen werden. Jüngste Veröffentlichungen beweisen, dass die rapide Erderwärmung die Erde in ein quasi "unerforschtes Gebiet" verwandelt haben. Erst vor kurzem wurde der Nachweis erbracht, dass die extremen Wetter und Wetterkatastrophen rund um die Welt auf menschliches Handeln zurückzuführen sind.

    Die USA haben den Kampf gegen den Klimawandel durch Forschung und Entwicklung mit Zuwendungen in Milliardenhöhe finanziert und ärmere Länder durch finanzielle Zusagen davon überzeugt, der richtungsweisenden Pariser Vereinbarung von 2015 zuzustimmen. Selbst wenn Trump all dies vom Tisch wischt, stehen viele andere Akteure bereit, für die USA einzuspringen, nicht zuletzt die Europäische Union und China.

    Genötigt von der schlechten Luft, unter der die Bewohner*innen vieler chinesischer Städte leiden und angetrieben von der Aussicht, dass eine kohlenstoffarme Wirtschaft zur größten Wachstumsgeschichte des 21. Jahrhunderts werden dürfte, ergreift der weltgrößte Emittent China mittlerweile drastische Schritte zur Reduzierung seiner CO2-Emissionen.

    Auch Obamas früherer Stabschef John Podesta, der vor Trumps "existenziellen Bedrohung" warnte, ist weit davon entfernt, den Kopf in den Sand zu stecken: "Diese Bedrohung allein ist kein Grund, die Hoffnung aufzugeben, dass wir noch immer in der Lage sind, die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels zu vermeiden. Wenn die USA ihre Führungsrolle bei der Bekämpfung des Treibhauseffekts aufgeben, stehen andere Nationen bereit, die auf erneuerbaren Energien basierende Wirtschaft der Zukunft zu dominieren, allen voran China."

    So ist es alles andere als an den Haaren herbeigezogen, dass andere Länder in Zukunft einmal Strafzölle auf US-Produkte erheben könnten, die mit schmutziger Energie hergestellt wurden. Solche Steuern sind bereits im Gespräch und zielen auf die astronomischen Zölle ab, die die USA auf Importe erheben, die ihnen missfallen, wie etwa die Einfuhr von chinesischem Stahl.

    Es steht zu bezweifeln, dass Trumps Blitzkrieg gegen den Klimawandel das Ende der Zivilisation einläuten wird. Angesichts der Bedeutung, die das Thema für die gesamte Weltgemeinschaft und deren Zusammenarbeit auf diesem Gebiet hat, könnte er das Ende der Vorherrschaft der USA als der politischen und wirtschaftlichen Führungsmacht bedeuten. Während Trumps Wahlkampfversprechen lautete “Make America great again” – könnte sein Erbe lauten “Made China great again”.

    Lesen Sie mehr in der aktuellen Ausgabe des Freitag.

  2. Ja oder nein | Zerrissen
    Erdogans Verfassungsreferendum in der Türkei spaltet auch die deutsch-türkische Community. Eine Reportage aus Berlin
    Zerrissen

    Der türkische Schauspieler Reha Beyoğlu spielt Recep Tayyip Erdoğan im Biopic Reis
    Foto: dpa

    Gerade einmal 38 Leute haben sich in Saal Sieben des Alhambra-Kinos in Berlin-Wedding eingefunden, um sich anzuschauen, wie ein mächtiger türkischer Präsident um noch mehr Macht kämpft, als er ohnehin schon besitzt. Diejenigen, die gekommen sind, zeigen sich aber davon beeindruckt.

    Das Biopic Reis (auf Türkisch: "Chef"), in dem Recep Tayyip Erdoğan vom türkischen Seifenopernstar Reha Beyoğlu verkörpert wird, feierte vergangenen Monat in Istanbul Premiere. Nun, kurz vor dem Verfassungsreferendum, das Erdoğans Macht enorm ausweiten und ihm erlauben könnte, bis ins Jahr 2029 Präsident zu bleiben, tourt der Film durch Kinos in der türkischen Diaspora Europas.

    Im Wochenthema des neuen Freitag lesen Sie fünf Stimmen von Deutsch-Türken, die vor Jahren in die Heimat ihrer Eltern gezogen sind und nun wieder nach Deutschland zurückkehren wollen. Außerdem einen Essay der deutsch-türkischen Kabarettistin Idil Nuna Baydar über den Zwang zum Bekenntnis. Ab Mittwochabend in unserer Webapp, ab Donnerstag am Kiosk

    Der Film zeigt, wie der Mitgründer der türkischen "Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung" (AKP) im Istanbuler Arbeiterviertel Kasımpaşa aufwuchs und zu einem Mann mit wundersamen Talent und heiligengleicher Selbstverleugnung wurde, der bei einem Fußballspiel in letzter Minute mit einem Fallrückzieher den Siegestreffer erzielt und mitten in der Nacht aufsteht, um einen in einen Brunnen gestürzte Welpen zu retten.

    Seine Unterstützer schrecken auch vor groben Mitteln nicht zurück, wenn es darum geht, ihren Chef gegen die kosmopolitische Elite der Türkei zu verteidigen. Bei der letzten Szene des Film, in der einer von Erdoğans Bodyguards einem Angreifer ins Gesicht boxt, bricht im Berliner Publikum spontaner Applaus aus. Den Dialog versteht man hier als Referenz an den vereitelten Putsch im Juli vergangenen Jahres. "Wer bist du?", fragt der Angreifer. "Das Volk", lautet die Antwort des Leibwächters.

    Vor dem Kino stehen vier deutschtürkische Teenager und rauchen. Der Film habe sie bestärkt, bei dem Referendum mit Ja zu stimmen, sagen sie. "Ein starker Erdoğan ist gut für eine starke Türkei", sagt der 19-jährige Ahmet.

    Die Spannungen zwischen der deutschen und der türkischen Regierung, die ausgelöst wurden durch die Verhaftung des Welt-Korrespondenten Deniz Yücel und darin kulminierten, dass Erdoğan Deutschland "Nazipraktiken" vorwarf und Wahlkampfveranstaltungen türkischer Politiker in deutschen Städten verboten wurden, hätten seine Loyalität nur gestärkt, ergänzt der 20-jährige Mehmet: "Um ehrlich zu sein: Wenn Amerika, Deutschland und Frankreich mir sagen, ich solle beim Referendum mit Nein stimmen, dann stimme ich mit Ja."

    Ahmet und Mehmet sagen beide, sie sähen ihre Interessen von keiner der deutschen Parteien vertreten: "Für die sind wir einfach nur Ausländer."

    Dass selbst junge Menschen aus der deutschen Bevölkerung mit türkischen Wurzeln – einer Community von rund drei Millionen Menschen, von denen rund die Hälfte bei dem Verfassungsreferendum abstimmen darf – Erdogan so inbrünstig unterstützen, irritiert die deutsche Öffentlichkeit und die Medien.

    Deutsche Politiker kritisieren, die AKP versuche, das Wahlverhalten der Diaspora nicht nur durch öffentliche Wahlkampfveransaltungen zu beeinflussen, sondern auch, indem Gegner über religiöse und geschäftliche Netzwerke im Verborgenen unter Druck gesetzt und bedroht würden

    Rüge für den Fußballstar

    Im Januar wurde der deutschtürkische Fußballer Hakan Çalhanoğlu öffentlich von seinem Verein Bayer Leverkusen gerügt, weil er ein Video in den sozialen Medien gepostet hatte, in dem er seine Unterstützung für das Ja-Lager erklärte.

    "Sie sind Teil dieses Landes", appellierte Bundeskanzlerin Angela Merkel Anfang März an die türkischsprachige Community. "Innertürkische Konflikte sollen nicht in unser Zusammenleben getragen werden. Lassen Sie uns unser Zusammenleben weiter verbessern. Das ist uns ein Herzensanliegen." Die bedingungslose und lautstarke Unterstützung einiger Erdoğan-Anhänger hat kritischere Stimmen übertönt, das Verfassungsreferendum schafft neue Gräben in der ohnehin bereits gespaltenen türkischen Diaspora.

    In Berlin-Kreuzberg befindet sich der Veranstaltungsort Südblock. Hier fanden in jüngster Zeit verschiedene Events statt, bei denen Türken in Deutschland aufgerufen wurden, die anvisierten Verfassungsänderungen abzulehnen.

    Am Internationalen Frauentag Anfang März haben kurdische Aktivistinnen deutsche, polnische, irische und ägyptische Frauen zusammengebracht, die ein gemeisames Nein sangen. In der Woche darauf trat die Kabaretkünstlerin Dildogan auf, eine gebürtige Türkin, die sich selbst als "erste queere, PoC-Dicktatorin der Welt" beschreibt.

    Tülin Duman, 38, eine der Betreiberinnen des Südblock, wurde in Deutschland geboren. Ihre Eltern gehören der alewitischen Minderheit in der Türkei an. Sie sagt, es sei nichts Neues, dass innertürkische Konflikte ins Ausland getragen würden. "Die türkische Diaspora-Community teilte sich schon immer strikt in Sunniten, Kurden und Alewiten", erklärt sie.

    Die politische Identität von Türken in Deutschland gehe oft auf die innenpolitische Situation der Zeit zurück, in der die Türkei verlassen worden sei – ob das nun die Studentenrevolution von 1968 oder der Militätputsch 1980 war: "Bei Leuten, die im Ausland leben, werden Vorurteile dann leider oft erhalten und von einer Generation an die nächste weitergegeben."

    Ein bunter Haufen von Gegnern

    Kritiker des türkischen Präsidenten hoffen, die Debatte um die Verfassungsreform könne die alten Grenzen überwinden. Ein bunter Haufen aus Sozialdemokraten, Kurden und Islamisten hat angekündigt, gegen die Änderungen zu kämpfen. Selbst die rechtsextreme MHP mit ihrer ultranationalistischen Bewegung Graue Wölfe scheint in der Frage des Referendums gespalten,

    Die "Türkische Gemeinde in Deutschland" (TGD) engagiert sich für ein Nein zur Verfassungsreform. In einer Stellungnahme heißt es, die "türkische Gemeinde lehnt alle Bemühungen ab, die die Türkei in ein Ein-Mann-Regime führen". Im Jahr 2015 stimmten ungefähr sechzig Prozent der Deutschtürken, die ihre Stimme bei den türkischen Wahlen abgaben, für die AKP. Wie das Wahlergebnis im April aussehen wird, ist aber ungewiss.

    "Egal, wie es ausgeht – ich werde nicht aufhören, meine Nachbarn zu grüßen. Auch wenn sie mit Ja gestimmt haben", sagt Tülin Duman. "Letzlich müssen wir zusammenleben."

    Lesen Sie mehr in der aktuellen Ausgabe des Freitag.

  3. Porträt | „Ich war ein Straßenköter“
    Stormzy flog von der Schule, heuerte auf einer Bohrinsel an und entschied sich schließlich für die Musik. Grime ist sein Stil und das arme, schwarze London sein Thema
    „Ich war ein Straßenköter“

    Stormzy heißt eigentlich Michael Omari. Wenn er heute seinen Künstlernamen im Radio hört, dann muss er lachen
    Bild: Alex De Mora

    Herausstechen würde er überall, nicht nur hier, in einem Tonstudio in einer Schickimickigegend von London. Stormzy, dessen bürgerlicher Name Michael Omari lautet, kann sich nicht verstecken mit seinen 1,95 Metern in Sporthose, Socken und Latschen. Er macht Musik, hauptsächlich Grime (siehe Kasten). Als sein Pressesprecher vorschlägt, ein Sweatshirt anzuprobieren, das ihm geschickt wurde, zieht er eine Grimasse. Er weiß, dass es ihm nicht passen wird. Und er hat recht. Die Ärmel reichen nur bis zur Hälfte seines Unterarms.

    Trotz Größe und großspurigen Auftritten in seinen Videos hat Stormzy auch etwas Schelmisches. Am Mikrofon bringt er immer eine Zeile oder Geste, die einen zum Lächeln bringt. Er furzt am Anfang des Tracks WickedSkengMan 4, im Video kann er nicht aufhören zu lachen. In der persönlichen Begegnung ist er freundlich und einnehmend. Ganz bestimmt kann er unangenehm werden, wenn er will. Gerade aber will er nicht. Er ist zu fokussiert.

    Grime-Rap

    Auf Deutsch heißt grime Schmutz. Entstanden ist der Musikstil Anfang der 2000er Jahre im Londoner East End, beeinflusst etwa von Two Step, Drum ’n’ Bass und Dancehall. Das Genre als britische Version des Hip-Hops in den USA zu verstehen greift zu kurz. „Grime transportiert ein Gefühl der Verzweiflung, das US-amerikanischer Hip-Hop fast vollständig verloren hat“, schrieb der britische, in New York lebende Kulturjournalist Simon Reynolds Ende 2004 im Observer.

    Damals war Grime gerade in Mode gekommen und über seine Verbreitung in Piratenradiosendern hinausgewachsen. Danach büßte das Genre wieder an Popularität ein. Heute befinde es sich in einem interessanten Stadium, sagt Stormzy, entwickle sich, wie der Hip-Hop es in den USA getan habe, hin zu einem Teil der nationalen Kultur. Viele versuchten, Grime zu bewahren – „und haben Recht damit, denn viele Leute haben da schon ihre Hände mit im Spiel gehabt, und sie haben es versaut, manche Künstler sind aufgesprungen, dann wieder ausgestiegen.“ Dennoch habe der Stil jetzt die Reife, die nötig sei, damit die neue Generation damit experimentieren könne. Zu ihr zählt der 23-jährige Stormzy selbst.

    Auf seinem vor einer Woche erschienenen Album Gang Signs & Prayer sind unter anderem R & B- und Afrobeat-Elemente, ein Gospelchor und live eingespielte Streichinstrumente zu hören. Die Titel der in Großbritannien bisher populärsten Lieder lauten Big For Your Boots und Shut Up. Nach dem Auftakt seiner Europa-Tour in Skandinavien kommt Stormzy Mitte Mai nach Berlin und Hamburg, es folgen Konzerte in Köln und Frankfurt am Main

    Stormzys Aufstieg ist rasant verlaufen, ja: raketengleich. Im Nu waren alle Konzerte seiner im März startenden Großbritannien-Tour ausverkauft. 2013 und 2014 gewann er den Music Of Black Origin Award als bester Grime-Act, 2015 nahm ihn Kanye West mit auf die Bühne der Brit Awards. Seine Singles werden immer noch erfolgreicher, und es sieht ganz danach aus, als ob sein erstes, vergangenen Freitag veröffentlichtes Album Gang Signs & Prayer ein Riesending würde. Im Mai startet seine Europa-Tour mit vier Konzerten in Deutschland. Seine Tweets machen Schlagzeilen, neulich postete er ein Bild der Eingangstür seiner Wohnung in Chelsea. Die Polizei hatte sie eingeschlagen, weil man ihn verdächtigte, ein Einbrecher zu sein.

    Es ist nicht einfach, ein ganzes Album zu machen, vor allem nicht für einen Grime-Künstler, der allein mit seinem Mikrofon ist. Doch Stormzy ist weit mehr als das. Und so hat er sich unter anderem mit dem Grammy-Gewinner Fraser T. Smith zusammengetan, der als Produzent von Adele bekannt ist. „Ich wollte meinen Ehrgeiz mit jemandem zusammenbringen, der den gleichen Antrieb hat. Jemandem, der ein Album machen könnte, das der ganzen Welt zeigt, wie unglaublich schön Grime klingen kann.“

    Stormzy hat keine Angst vor Balladen, er hat schon mal einen Song von Justin Bieber gecovert. Diese Bandbreite findet sich auch in den 13 Tracks auf Gang Signs & Prayer. Wenn Stormzy über die Stücke spricht, redet er von Verletzbarkeit. Er verwendet Begriffe wie „rein, berührend, nachdenklich“, aber auch „explizit, roh, furchtbar“. Gerade mal 23 Jahre alt ist Stormzy. Noch vor vier Jahren steckte er in einem Job, den er verabscheute: als Arbeiter auf einer Bohrinsel.

    Aber der Reihe nach. Stormzys erste Erinnerungen sind die an die sonntäglichen Kirchgänge der Familie. Seine Mutter war Mitglied einer Pfingstgemeinde. „Das war halt, was man am Sonntag machte“, sagt er. „In der Grundschule war ich ein guter Junge. Dann wurde ich zu einem bösen.“ Lay Me Bare, das letzte Stück seine Albums, gibt ein paar Hinweise darauf, wie es dazu kam. Stormzy nennt es einen „Wirbelsturm von Emotionen“, zwischen Resignation, Reue, Intimität und Wut. Die Wut richtet sich vor allem gegen seinen Vater.

    Der Vater des jungen Michael und seiner zwei älteren Schwestern arbeitete als Taxifahrer. In Kontakt mit ihm kam er nur ein paar Mal – nachdem Stormzy seine Mutter um Geld gebeten hatte. Sie gab ihrem Sohn die Telefonnummer des Vaters und sagte, er solle ihm eine SMS schicken.

    Der Anspruch

    „Ich weiß noch, wie ich in die Taxizentrale ging und einen Umschlag mit 20 Pfund drin abholte. Zwei Mal ging das so. Damals dachte ich: Oh, 20 Pfund – ich bin gut. Heute finde ich das verrückt. Ich spüre keine Bitterkeit dem Vater gegenüber. Es ist eher so, dass ich ihn als Mann nicht respektiere. Denn jetzt bin ich ein Mann. Er hat nicht mal das absolute Minimum gemacht, nicht mal eine Geburtstagskarte besorgt.“

    Lay Me Bare sei der einzige Track auf dem Album, der sich erlösend anfühle, sagt Stormzy. An nur einem Tag ist er aufgenommen worden. Mit den übrigen Stücken war das anders. Stormzy weiß, dass er mit dem Album mehr geschafft hat, als die meisten Leute von ihm erwartet haben.

    „Ich finde es komisch, etwas anderes zu wollen als das Allergrößte“, sagt er. „Ich will nicht der beste Rapper des Königreichs sein. Ich will der beste Künstler des Vereinigten Königreichs sein. Dann habe ich nicht mehr 20, sondern 100 Rivalen und stehe in Konkurrenz zu den Indiebands, den Soulsängern, den Rock-Ikonen. Ich frage mich: Warum soll Stormzy aus Südlondon das nicht auch können?“

    Michael Omari Junior wuchs im Stadtteil Norbury auf. Mit seiner Mutter, seinen beiden Schwestern und seinem jüngeren Bruder Brandon, mit dem er sich ein Zimmer teilte, bis Stormzy 18 war und eine Schwester auszog. Das Leben zu Hause war nicht unglücklich. Schön war es aber auch nicht. „Wir waren immer eng“, sagt Stormzy. „Wenn einer von uns Geld brauchte oder Ärger hatte, wenn es draußen auf der Straße Stress gab, dann sind wir alle raus und haben die Person, die Ärger machte, verprügelt. Das Gemeinsam-Abendessen- und Familienurlaubsding, das gab es aber nicht. Ich habe nie ein Zuhause gehabt, wo meine Poster an der Wand hingen und meine Turnschuhe aufgereiht im Flur standen. Es war bloß ein Ort, an dem ich geschlafen habe. Ich bin rausgegangen, hab mein Ding gemacht, bin wieder nach Hause gekommen, hab was gegessen, mich mit ein, zwei Leuten aus der Familie unterhalten und mich dann wieder verpisst.“

    So zehn Jahre alt sei er gewesen, als er angefangen habe, sich auszuleben. „Ärger zu machen.“ Als Teenager sei er kaum zu Hause gewesen. Als er neulich mit dem Auto in seiner alten Gegend unterwegs war, entschied er sich spontan, die alte Strecke abzufahren, die er als junger Mann täglich zurückgelegt hat. „Von der Wohnung meiner Mutter zu der meines besten Freunds und durch das Viertel, um dann in der eisigen Kälte rumzustehen, irgendeine Scheiße zu reden, zu kiffen, irgendwas zu verkaufen, und dann das Ganze wieder zurück.“ Jetzt kann er kaum fassen, wie weit der Weg war. „So viele Kilometer“, sagt er. „Ich war ein Straßenköter.“

    Warum? „Ich glaube, weil mich mein Zuhause ständig an die Armut erinnerte, in der ich lebte. Unser Haus war klein und nicht gerade im besten Zustand. Ich konnte dort nicht abhängen, das hat keinen Spaß gemacht. Ich bin lieber zu Freunden gegangen, die lebten in schicken Häusern. Bei uns war es nicht so schön.“

    Bis zur Mittleren Reife war er gut in der Schule. Mit seiner Intelligenz konnte er Unsinn machen und trotzdem die Prüfungen schaffen. Auch wenn er gelegentlich suspendiert wurde, flog er nicht von der Schule, bis er in die Oberstufe kam. Die Schule, die er besuchte, war nicht gut. Als Stormzy in die zehnte Klasse kam, wurde sie übernommen und zu einer Harris Academy gemacht, wie die gleichnamige Non-Profit-Organisation ihre Bildungsinstitutionen nennt, die bekannt sind für ihre Disziplin. Stormzy erinnert sich, wie im Unterricht sein Handy klingelte und der Lehrer ihn fragte, ob er es haben könne. „Ich habe gesagt: Natürlich können Sie es verdammt noch mal nicht haben.“

    Dafür wurde er suspendiert und nach „einer Reihe von Verstößen“ schließlich der Schule verwiesen. Trotzdem schaffte er es auf ein College, wo sich britische Schüler für ein Studium qualifizieren können. Er legte auch in mehreren Kursen Prüfungen ab, schmiss dann aber hin. „Ich bin mitten in der Prüfung aufgestanden, rausgegangen, in die Bahn gestiegen und nach Hause gefahren. Damit war die Sache erledigt.“

    Aus seinem Jahrgang und dem darüber kennt er vier oder fünf Jungs, die wegen Mords im Gefängnis sitzen. Trotzdem waren er und die meisten seiner Freunde nicht das, was er als Gangster bezeichnen würde. „Wenn man sich in der Situation befindet, fühlt es sich normal an. So wie es sich heute normal anfühlt, ins Studio zu gehen und Musik zu machen. Damals stand ich auf und ging los. Ich besorgte mir Stoff, und ich verkaufte ihn. Später hab ich meine Jungs getroffen, und wir überlegten, wie wir an dem Abend ein bisschen Geld verdienen, wo wir etwas klauen, zu wem wir danach gehen konnten. Dann sind wir nach Hause und legten uns schlafen.“

    Mit 19 veränderte Stormzy sich. Er kann das nicht an einem bestimmten Ereignis festmachen, weiß aber, warum er es getan hat. „Irgendwann wurde mir klar, dass es ziemlich schlecht für die Geschäfte ist, auf der Straße rumzuhängen. Ziemlich schlecht, um im Leben weiterzukommen und Erfolg zu haben. Und Erfolg war für mich ja schon immer das Größte.“ Eine Weile folgte er den Träumen seiner Mutter, fing nach dem College eine Lehre an, endete als Projektmanager in einem Ingenieurbüro, arbeitete auf der Bohrinsel vor der Südküste Englands. Aber es passte nicht.

    Ihm wurde klar, dass er es mit der Musik versuchen wollte. Eine Zeit lang machte er beides. Er schrieb, während er arbeitete, er machte blau, weil er einen Auftritt im Radio hatte. Doch irgendwann wurde die Anziehungskraft der Musik zu groß, und er kündigte. Seinen Spitznamen hatte er sich mit 13 ausgesucht. „Ich habe mich einfach gefragt: Was ist cool? Ein Sturm!“ Manchmal, wenn er heute im Radio seinen Künstlernamen hört, muss er lachen. Weil er so jung war, als er ihn sich ausgedacht hat.

    Die Botschaft

    Vor kurzem hat er seine Unterstützung für die Black-Lives-Matter-Bewegung in den USA zum Ausdruck gebracht. „Ich werde nicht warten, bis mir oder meinen Angehörigen etwas passiert, bis ich mich dazu äußere.“ Zu ein paar Ideen von Labour-Chef Jeremy Corbyn hat er sich zustimmend geäußert. Auch wenn er in künstlerischen Belangen international denke, bleibe er doch lieber näher an dem, was er kennt, wenn es um seine politische Botschaft gehe.

    „Mir sind die jungen, schwarzen Kings am wichtigsten. Damit will ich weder schwarze Frauen noch alte weiße Männer oder Asiaten ausgrenzen, sondern einfach nur sagen: Okay, junge schwarze Männer in meinem Land, wenn es darum geht, wer etwas erreicht, dann kommt ihr immer an letzter Stelle. Deshalb muss ich mit meinen jungen schwarzen Kings reden, denn ich bin einer von ihnen. Ich sage ihnen, ihr seid besser als alles, das irgendjemand zu euch gesagt hat. Ihr seid genauso stark, cool und ehrgeizig wie ich, und ihr könnt genauso kreativ sein wie ich oder Kanye West oder Frank Ocean und all diese Leute. Das ist eine große Botschaft. Wenn ich damit zehn Leute erreichen kann, dann ist vielleicht einer davon ein CEO, einer ein politischer Anführer und einer der nächste Michael Jackson. Und hoffentlich jemand, der eines Tages zum politischen Rivalen von Donald Trump wird.“

    Stormzy denkt groß, vergisst aber nicht seine Anfänge. Er guckt zwar manchmal finster drein in seinen Videos. Er hat aber auch seine Freundin dabei und seine Familie und einen Chickenburger vom Imbiss aus seiner Gegend.

    „Stimmt schon“, sagt Stormzy, „ein paar Leute werden empfindlich, wenn man über junge schwarze Männer redet. Das ist ein Tabu. Aber jetzt bin ich am Start, und alles, was ich sage, ist: Ihr, meine jungen schwarzen Kings, ihr könnt das genauso.“

    Miranda Sawyer ist Autorin und Radiokritikerin beim Observer

    Übersetzung: Zilla Hofman, Holger Hutt

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  4. USA | Heftige Pendelschläge
    Donald Trump hat entschieden: Das Repräsentantenhaus soll über ein Gesetz zur Gesundheitsreform abstimmen, sonst werde Obamacare beibehalten
    Heftige Pendelschläge

    Es geht einfach nicht vorwärts wie erwünscht
    Foto Jim Watson / AFP - Getty Images

    Trumps Haushaltschef Mick Mulvaney soll vor den versammelten republikanischen Mitgliedern des Repräsentantenhauses gesagt haben: Stimmt jetzt ab oder die Chance, Obamacare zu ersetzen, ist vertan.

    Man rechnet nun mit einem Votum am späten Nachmittag, nachdem eine ursprünglich für Donnerstag geplante Abstimmung verschoben werden musste. Dabei war bisher keineswegs klar, ob die republikanische Führungsriege oder der Präsident selbst genügend skeptische Republikaner überzeugen konnten, um zu gewährleisten, dass das Gesetz angenommen wird.

    Nachdem die Republikaner jahrelang versprochen haben, Barack Obamas Affordable Care Act (ACA) „aufzuheben und zu ersetzen“, kann das Beharren auf einer sofortigen Abstimmung auf eine dramatische Niederlage für Paul Ryan, den Sprecher des Repräsentantenhauses und – je nachdem, wie die Aktion letztlich bei den Wählern ankommt – , auch den Präsidenten selbst hinauslaufen.

    Allerdings haben in den zurückliegenden Tagen einige Mitglieder des Repräsentantenhauses ihre Position bezüglich des inzwischen stellenweise modifizierten Gesetzesentwurfes geändert. Somit besteht durchaus die Chance, dass das Gesetz angenommen wird – wenn auch mit sehr knapper Mehrheit. Viel gewonnen ist damit freilich nicht, denn nach dem Repräsentantenhaus wird das Gesetzesprojekt in den Senat weiterwandern. Dort zeichnen sich weitere Änderungen ab und ebenfalls keine klaren Mehrheiten ab.

    Hardliner und Moderate

    Zuvor hatten sich am Donnerstag Mitglieder sowohl des Freedom Caucus, einer Gruppe republikanischer Hardliner, als auch der moderaten Tuesday Group im Weißen Haus eingefunden. Hier versuchte Trump persönlich, sie von dem durch Ryan vorgestellten Plan zu überzeugen.

    Die Moderaten wiederum hatten Einwände gegen in letzter Minute hinzugefügte Ergänzungen erhoben, deren Ziel die Abschaffung des Medicaid-Programms zur medizinischen Versorgung von Geringverdienern, Kindern, Senioren und Behinderten ist.

    Noch misstrauischer stehen die Moderaten dem Versuch des Freedom Caucus gegenüber, die sogenannten »essential benefits« abzuschaffen. Es handelt sich dabei um Leistungen in zehn verschiedenen Bereichen der Gesundheitsfür- und vorsorge, die die Versicherungsfirmen abdecken müssen.

    Die Konservativen hingegen stießen sich vorrangig an allen Regelungen, die nicht die vollständige Abschaffung aller Maßnahmen der großen Gesundheitsreform von 2010 vorsehen.

    Sternstunde der Toptalente

    Somit befinden sich die Republikaner mit ihrem Wahlkampfversprechen, »Obamacare abschaffen und ersetzen«, über dessen genaue Bedeutung sie nie einen Konsens erreicht haben, in einer völlig festgefahrenen Situation.

    Während die Freedom Caucus-Gruppe und die Tuesday Group versuchten, eine Zusammenkunft für Donnerstagabend zu arrangieren, gelangte eine Entwurf zu einer Gesetzesänderung an die Öffentlichkeit, der die Forderungen des Freedom Caucus zusammenfasst. Dazu zählen: Eine Abschaffung der in Obamacare vorgeschriebenen »essential health benefits«, eine Rücknahme das Verbots von jährlichen oder auf die gesamte Lebensdauer der Versicherten bezogenen Leistungsobergrenzen und die Abschaffung von Regelungen zur Begrenzung von nicht erstattungsfähigen Kosten für Präventionsmaßnahmen wie Mammographien.

    Das Weiße Haus hat politische Toptalente, mit denen vor vier Monaten der große Wahlsieg gelungen ist, in Marsch gesetzt. Chefstratege Steve Bannon, Präsidentenberaterin Kellyanne Conway und Reince Priebus, Stabschef des Präsidenten, treffen sich mit republikanischen Mitgliedern des Repräsentantenhauses und sollen Donald Trump vor einer Blamage bewahren, die für ihn eine mittelschwere politische Katastrophe wäre.

    Übersetzung Zilla Hofman

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  5. Anschlag | Schutzlos ausgeliefert
    In London wurde wieder ein Fahrzeug zur tödlichen Waffe. Es gibt keine wirkliche Verteidigung gegen Verrückte, die mörderischer Wahn antreibt
    Schutzlos ausgeliefert

    Spurensicherung am Tatort
    Foto: Getty Images

    Die Welle des globalen Terrorismus hat mit einem todbringenden Anschlag vor dem Westminster-Palast, dem Sitz des britischen Parlaments, erneut – nach 2005 – das Herz Londons erreicht. Ein Anschlag auf die Wiege der Demokratie ruft ein besonderes Gefühl der Empörung hervor. Dass Menschen, darunter ein Polizist, bei einem solchen Angriff ihr Leben verlieren, ist tragisch. Bislang ist nichts über die Motive des Täters bekannt.

    Passanten wurden getötet und verletzt, die umfänglichen Sicherheitsmaßnahmen, die für ein Institut wie das Unterhaus unverzichtbar sind, haben die Menschen in Inneren des Gebäudes allerdings wirksam schützen können. In einer lebhaften, modernen Stadt kann keine absolute Sicherheit garantiert werden. Dennoch kann die Londoner Polizei für sich in Anspruch nehmen, dass ihr System auf die Probe gestellt wurde und seine Effektivität bewiesen hat.

    Das Parlament wird wegen seines Bekanntheitsgrades und seiner Symbolträchtigkeit als Ziel gewählt worden sein. Der unmittelbare Zweck solcher Taten besteht darin, Zerstörung anzurichten und zu töten. Allerdings kann dem Täter nicht nur daran gelegen gewesen sein, eine Mauer zu beschädigen oder Menschen umzubringen und zu verletzten. Wir können davon ausgehen, dass er sich von seiner Tat – und damit für seine Botschaft – eine enorme öffentliche Wirkung versprochen hat. Seine Absicht dürfte gewesen sein, Schrecken zu verbreiten, die Widerstandsfähigkeit der Demokratie auf die Probe zu stellen, und diese, wenn möglich, zu einer Verhaltensänderung zu veranlassen.

    Unsere Reaktion auf derartige Ereignisse muss darin bestehen, Überreaktionen zu vermeiden.

    In dieser Woche jähren sich zum ersten Mal die Gräueltaten des Islamischen Staates (IS) am Brüsseler Airport und in der U-Bahn dort, als 32 Menschen bei einem koordinierten Angriff ums Leben kamen. Vorhergegangen waren die Anschläge von Paris.

    Das größte Megaphon

    Damals überschlugen sich die Reaktionen. Die Medien und Politiker Europas waren der Hysterie nahe. Tagelang wiederholten BBC-Reporter die Worte Panik, Bedrohung, Gefahr. Frankeichs Präsident François Hollande erklärte „ganz Europa ist angegriffen worden“. David Cameron, damals noch britischer Premier, sah Großbritannien einer „sehr realen Terror-Bedrohung“ gegenüber. Donald Trump posaunte vor jubelnden Anhängern, „Belgien und Frankreich zerfallen buchstäblich“. Ein größeres Megaphon hätte sich der IS nicht wünschen können.

    Der Terrorist ist hilflos ohne das Zutun der Medien und derer, die sie mit Worten und Taten versorgen.

    In seinem klugen Handbuch Terrorism: How to Respond weist der britische Historiker Richard English darauf hin, dass die sogenannte Bedrohung für die Demokratie, die Politiker in Zeiten wie diesen gern im Munde führen, nicht in Blutvergießen und der Zerstörung besteht. Vielmehr liege sie in der realeren Gefahr der Provokation „unbedachter, überzogener und kontraproduktiver Reaktionen des Staates“. Dies versetzt jene, die sich „provozieren“ lassen, in eine eigentümliche und kompromittierende Position. Nur wenn die Medien auf eine bestimmte Weise reagieren, können die Terroristen die wie auch immer gearteten, zweifelhaften Ziele erreichen, die sie verfolgen mögen.

    Wir sollten uns daran erinnern, dass Theresa May als Innenministerin die Anschläge in Paris und Belgien benutzt hat, um ihre „Schnüffler-Charta“ zu rechtfertigen. Es handelte sich um ein Überwachungsgesetz, das so schwerwiegend in die Privatsphäre der Bürger eingreift wie kein anderes weltweit. May merkte damals auch an, die „terroristische Bedrohung“ sei der Grund, warum Großbritannien in der EU verbleiben solle. „Sie“ könnten sonst »frei herumlaufen«. Sie warnte, außerhalb der EU dauere eine Abgleich der DNA eines Terroristen 143 Tage – über das System der EU nur 15 Minuten. Sagt sie das immer noch?

    Zwiespältiges Verhalten

    Damals preschte die britische Regierung auch mit ihrer Prevent-Strategie voran, die von jeder Bildungseinrichtung den Nachweis von Programmen forderte, mit denen sich „gegen nicht-gewalttätigen Extremismus, der eine zu Terrorismus führende Atmosphäre schaffen kann“ agieren lässt. Kaum eine Woche vergeht, ohne dass die Londoner Polizei zu Wachsamkeit aufruft – und damit Angst, Argwohn und Nervosität gegenüber Fremden schürt.

    Im Bemühen, Geschehnisse wie jetzt in London in Relation zu setzen, sollten wir bedenken, dass bereits enormen Summen in die Terrorabwehr fließen. Es ist gerade nicht die rechte Zeit um diese Summen als unverhältnismäßig zu bezeichnen. Es ließe sich jedoch der Vorwurf formulieren, dass sie den Zielen des Terrors dienen könnten. In Wahrheit haben alle Beteiligten – von Journalisten und Politikern bis zu Polizei und Sicherheitslobbyisten – irgendein Interesse daran.

    Die geringe Zahl an terroristischen Vorfällen in totalitären Ländern, in denen die Nachrichten zensiert werden, zeigt, welche wichtige Rolle die Publicity für die Methodologie des Terrors spielt. Gleichwohl wäre die Unterdrückung solcher Nachrichten in einer freien Gesellschaft nicht zu rechtfertigen. Sogar Selbstzensur wird nicht gern zugelassen. Als die französische Zeitung Le Monde im Vorjahr entschied, die Namen derjenigen, die die terroristischen Morde begangen hatten, nicht zu veröffentlichen, da dies zu ihrem Märtyrerstatus beigetragen hätte, wurde ihr vorgeworfen, die Berichterstattung zu verweigern.

    Dennoch beinhaltet jede Entscheidung für die Veröffentlichung einer Nachricht eine Wahl und ein Urteil. Das ist keine Zensur. Doch für die, die Publicity für ihre Missetaten anstreben, besteht ein bedeutender Unterschied zwischen dem ersten Platz und einem unteren Platz auf der Liste der Nachrichten.

    Wenn die Absicht nicht bloß darin besteht, ein paar Menschen zu töten, sondern dadurch eine Vielzahl von ihnen in Angst und Schrecken zu versetzen, sind die Medien unentbehrliche Erfüllungsgehilfen. Es ist nicht die Tat, die den Schrecken verbreitet, sondern der Bericht, die aufbereitete Darstellung, die Entscheidung über den Stellenwert der Nachricht.

    Geringfügige Siege

    Alle Terroranalysten bestätigen sich darin, dass es sich beim Terrorismus nicht um eine Ideologie handelt. Schusswaffen und Bomben stellen keine „existenzielle“ Bedrohung für ein Land oder eine Gesellschaft dar. Politiker, die sich den Terror zunutze machen, um Angst zu erzeugen, sind Zyniker, die eigennützige Interessen verfolgen. Der Terrorismus ist eine Methodologie des Konflikts. Es gibt keine wirkliche Verteidigung gegen Verrückte, die töten.

    Insofern war in den 70er und 80er auch die Reaktion der britischen Regierung richtig, die Anschläge der IRA nicht als quasi-politische Gesten, sondern als zufällige Verbrechen zu behandeln. Der Terrorismus der IRA war eine viel größere Bedrohung als irgendetwas, das wir gegenwärtig erleben. Einige Freiheiten wurden damals beschnitten – etwa durch Strafarrest ohne Gerichtsverfahren oder die Zensur von Sprechern der IRA. Es waren geringfügige Siege für den Terror. Größtenteils aber wurden die Freiheiten der Briten nicht eingeschränkt, das Leben ging weiter. Und die Bedrohung verschwand schließlich. Hoffen wir, dass es dieser Tage wieder so sein wird.

    Übersetzung Zilla Hofman

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