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Montag, 29. Mai 2017

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The Guardian

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The Guardian
  1. Sexroboter | Shakespeare zum Vögeln
    Die neuen Spielzeuge der Lust bieten nicht nur Körper, sondern auch Geist. Sie sprechen mit ihrem Partner, etwa über Musik – und sie sind jederzeit bereit
    Shakespeare zum Vögeln

    Mach! Mich! An! Lieben wir bald mit intelligenten Sexrobotern?
    Foto: Zackary Canepari/The NewYorkTimes/Redux/laif

    In einer Werkstatt im kalifornischen San Marcos baumelt ein Roboter in Menschengestalt an einem Ständer. Die lebensgroße Puppe trägt einen weißen Gymnastikanzug, der Stoff spannt sich über ihren großen Brüsten, ihre sorgfältig manikürten Finger spreizen sich über ihren dünnen Oberschenkeln.

    Die Puppe hört auf den Namen Harmony.
    Harmony ist ein Prototyp, eine Roboterversion des hyperrealistischen Silikon-Sexspielzeugs der Firma RealDoll. Während ihre hellbraunen Augen zwischen mir und ihrem Schöpfer, Matt McMullen, hin- und herhuschen, beschreibt dieser, was Harmony alles kann.

    „Harmony lächelt, zwinkert und runzelt die Stirn. Sie kann eine Unterhaltung führen, Witze erzählen und Shakespeare zitieren. Sie erinnert sich an deinen Geburtstag, merkt sich, was du gerne isst und wie deine Geschwister heißen“, zählt McMullen auf. „Sie kann sich über Musik, Filme und Bücher unterhalten. Und natürlich wird sie mit dir schlafen, wann immer du willst.“

    In Harmony kulminiert die Erfahrung aus 20 Jahren Sexpuppen-Produktion und fünf Jahren Roboterforschung. McMullens Kunden wollen etwas so Lebensechtes wie nur möglich – das ist das Alleinstellungsmerkmal seiner Firma. Nachdem sein Team ihre Silikonpuppen äußerlich so menschlich gestaltet hatte, wie es möglich war, schien der nächste Schritt vorgezeichnet: Sie wollten ihnen eine Persönlichkeit geben. Sie wollten sie zum Leben erwecken.
    „Es geht um den Unterschied zwischen einer ferngesteuerten Puppe und einem tatsächlichen Roboter. Wenn dieser beginnt, sich selbstständig zu bewegen – der Mensch macht nichts mehr, außer mit ihm zu reden oder auf die richtige Art und Weise mit ihm zu interagieren. Daraus entsteht dann künstliche Intelligenz.“

    McMullen hat das entwickelt, was ein bestimmter Typ von Mann als die perfekte Gefährtin betrachten würde: fügsam und unterwürfig, gebaut wie ein Pornostar und allzeit sexuell verfügbar. Eine Studie der Universität Duisburg-Essen hat ergeben, dass 40 Prozent der befragten heterosexuellen Männer sich vorstellen können, sich in den nächsten fünf Jahren einen Sexroboter zu kaufen. Matt McMullen ist nicht der Einzige, der versucht, den weltweit ersten Sexbot zu entwickeln.

    Was bedeutet die Entwicklung intelligenter, einfühlsamer Sexpuppen für den technischen Fortschritt, für das Verhältnis von Mann und Frau, für die männlichen Partner von Harmony? Lesen Sie im neuen Freitag. Am Kiosk. Oder in der WebApp.

    Lesen Sie mehr in der aktuellen Ausgabe des Freitag.

  2. Enthüllung | Lizenz zum Löschen
    Recherchen des "Guardian" zeigen, wie Facebook Inhalte seiner Nutzer bewertet – und entfernt. Ein unsicheres Terrain. Tötungsvideos etwa werden nicht zwingend gelöscht
    Lizenz zum Löschen

    Daumen hoch? – Wohl eher nicht. Die Richtlinien dürften einige Kritiker alarmieren
    Foto: JOSH EDELSON/AFP/Getty Images

    Die geheimen Regeln und Richtlinien dafür, was die zwei Milliarden Nutzer der Social Media-Plattform Facebook auf der Seite posten dürfen, sind erstmals an die Öffentlichkeit gelangt. Recherchen des Guardian haben die Löschregeln enthüllt, und sie werden eine weltweite Debatte um die Rolle und die ethischen Grundsätze des Social Media-Giganten anstoßen.

    "Facebook schafft es nicht, seine Inhalte zu kontrollieren. Die Seite sei 'zu schnell, zu groß' geworden."

    Der Guardian erhielt Einsicht in über hundert interne Ausbildungshandbücher, Tabellen und Diagramme, die zeigen, was bisher öffentlich nicht zu sehen war. Nämlich, anhand welcher Richtlinien bei Facebook Themen wie Gewalt, Hassrede, Terrorismus, Pornografie, Rassismus und Selbstverletzungen moderiert werden. „Facebook schafft es nicht, seine Inhalte zu kontrollieren“, sagte eine Quelle. Die Seite sei „zu schnell, zu groß“ geworden.

    Viele Moderatoren haben angeblich Bedenken angesichts der Inkonsistenz und Eigenartigkeit mancher Regularien. Als besonders komplex und verwirrend gelten die Vorschriften bezüglich sexueller Inhalte.

    In einem der Dokumente heißt es, bei Facebook würden jede Woche allein 6,5 Millionen Meldungen möglicher Fake-Konten (sogenannte FNRP; fake, not real person) bearbeitet.

    Alarmierte Kritiker

    Die Richtlinien werden anhand tausender Folien und Bilder erläutert. Diese dürften teilweise Kritiker alarmieren, die sagen, Facebook sei inzwischen so etwas wie ein Verlag und müsse als solcher mehr tun, um Hassinhalte oder verletzende und gewalttätige Inhalte zu entfernen. Anderseits dürften Verfechter der Meinungsfreiheit beunruhigt darüber sein, dass Facebook de facto eine Rolle als größter Zensor der Welt einnimmt. Beide Seiten werden mehr Transparenz fordern.

    Im Laufe des vergangenen Jahres hat der Guardian Dokumente gesehen, die für die Moderatoren der Seite bestimmt waren. Darin heißt es:

    • Bemerkungen wie „Jemand sollte Trump erschießen“ sollten gelöscht werden, weil dieser als Staatschef einer geschützten Personengruppe angehört. Hingegen könne es durchaus erlaubt sein, zu schreiben: „Um einer Schlampe den Hals zu brechen, muss man mit ganzer Kraft an der Mitte ihres Halses ansetzen“. Auch „Fick dich und stirb“ könne erlaubt sein. In beiden Fällen handele es sich nicht um glaubhafte Drohungen.
    • Videos, die gewaltsame Tode zeigen, sollten zwar als „verstörend“ gekennzeichnet werden, müssten aber nicht in jedem Fall gelöscht werden, da sie dazu beitragen könnten, ein Bewusstsein für Themen wie psychische Erkrankungen zu schaffen.
    • Gewisse Fotos physischen, aber nicht sexuellen Missbrauchs und der Schikane von Kindern müssen nicht unbedingt gelöscht oder bearbeitet werden, wenn sie kein sadistisches Element enthielten oder den Missbrauch gutheißen würden.
    • Fotos, die den Missbrauch von Tieren zeigen, dürfen geteilt werden. Nur extrem erschütternde Darstellungen müssen als „verstörend“ gekennzeichnet werden.
    • Jede „handgemachte“ Kunst, die Nacktheit oder sexuelle Aktivitäten zeigt, ist erlaubt. Digital erzeugte Kunst, die sexuelle Aktivitäten zeigt, ist es nicht.
    • Videoaufnahmen von Abtreibungen sind erlaubt, solange darin keine nackte Haut zu sehen ist.
    • Facebook erlaubt Menschen, die versuchen, sich selbst zu verletzen, dieses live auf der Seite zu zeigen, weil man „Menschen in Not nicht bestrafen oder bedrängen will“.
    • Jeder, der mehr als hunderttausend Follower verzeichnet, gilt als Person des öffentlichen Lebens. Diesen werden nicht die gleichen Schutzmaßnahmen zugestanden, wie Privatpersonen.

    Geleakte Dokumente wie diese legen den Schluss nahe, dass gravierende und traumatisierende Inhalte möglich sind. Facebook-Nutzer können zum Beispiel durchaus Selbstverletzungen im Livestream auf der Seite zeigen. Die internen Unterlagen zeigen auch, wie man versucht, einen Weg zu finden, Hilferufe zu ermöglichen, gleichzeitig aber Trittbrettfahrer nicht zuzulassen. Selbst zu Themen wie Spielmanipulation und Kannibalismus existieren Vorgaben.

    Zehn Sekunden pro Entscheidung

    Die Facebook-Files ermöglichen erstmals einen Blick auf die Regeln und Normen der Seite, die in Europa und den USA unter immensem politischen Druck steht. Und sie veranschaulichen die Herausforderungen, vor denen die Beteiligten stehen. Führungskräfte müssen auf neue Phänomene wie Rachepornos reagieren. Moderatoren berichten, sie seien überfordert von der Menge des zu bewertenden Materials. Oftmals blieben ihnen „nur zehn Sekunden“, um eine Entscheidung zu treffen.

    „Kleines Mädchen muss es für sich behalten, weil Papa ihr das Gesicht zertrümmert“.

    Die Regeln erlauben einen weiten Spielraum, um schockierende Inhalte zu verbreiten. So lauten Äußerungen, die den Dokumenten zufolge durchaus gestatten sein dürfen, etwa so: „Kleines Mädchen muss es für sich behalten, weil Papa ihr das Gesicht zertrümmert“. Oder: „Ich hoffe, jemand tötet dich“. Sie gelten als zu allgemein oder nicht glaubhaft. In einem der geleakten Dokumente räumt Facebook ein: „Menschen verwenden im Internet gewaltsame Sprache, um Frustration zum Ausdruck zu bringen.“ Sie fühlten sich dabei auf der Seite „sicher“. Weiter heißt es: „Sie haben das Gefühl, das Thema werde sie nicht wieder einholen und sind gleichgültig gegenüber der Person, gegen die sich ihre Drohungen richten, da die Kommunikation über Geräte im Gegensatz zu der von Angesicht zu Angesicht für einen Mangel an Empathie sorgt.“

    „Wir sollten sagen, dass gewaltsame Sprache in den meisten Fällen nicht glaubwürdig ist, solange ihre Spezifität uns nicht einen vernünftigen Grund zu der Annahme gibt, dass es sich nicht mehr um eine bloße Emotionsäußerung handelt, sondern ein Übergang zu einem Plan oder einer Verschwörung vorliegt. Aus dieser Perspektive sind Äußerungen wie 'Ich werde dich töten' oder 'Fick dich und stirb' nicht glaubhaft, sondern stellen einen gewaltsamen Ausdruck der Ablehnung und Frustration dar.“ Weiter heißt es: “Allgemein drücken Menschen Geringschätzung oder Dissens durch Drohungen oder Aufrufen zu Gewalt auf, die in der Regel scherzhaft oder nicht ernst gemeint sind.“ Daraus folge, dass „nicht alle unangenehmen oder verstörenden Inhalte gegen unsere Community Standards verstoßen.“

    Monika Bickert, ‎die für die Richtlinien zuständige Facebook-Managerin, sagte hierzu, bei annähernd zwei Milliarden Nutzern sei es schwer, einen Konsens darüber zu finden, was erlaubt sein dürfe. „Wir haben eine wirklich vielfältige, weltweite Gemeinschaft und die Menschen haben sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, was okay ist. Egal, wo man die Linie zieht, wird es immer Grauzonen geben. So ist zum Beispiel die Grenze zwischen Satire, Humor und unangemessenen Inhalten zuweilen sehr grau“, so Bickert.

    "Es ist absolut unsere Verantwortung, die Sache im Griff zu haben. Das Unternehmen sieht sich hier in der Pflicht."

    Bickert erklärte außerdem: „Wir fühlen uns verantwortlich dafür, dass die Mitglieder unserer Community sich sicher fühlen. Es ist absolut unsere Verantwortung, die Sache im Griff zu haben. Das Unternehmen sieht sich hier in der Pflicht. Wir werden weiterhin in die proaktive Gewährleistung der Sicherheit auf der Seite investieren. Wir wollen die Leute aber auch in die Lage versetzen, uns jeden Inhalt zu melden, der eine Verletzung unserer Standards darstellt.“ Einige beleidigende oder anstößige Inhalte könnten durchaus in bestimmten Kontexten gegen die Facebook-Regeln verstoßen, in anderen aber nicht.

    Facebook im Minenfeld

    Die durch die Leaks bekannt gewordenen Leitlinien zu Themen wie gewaltsamem Tod, Darstellungen von nicht sexueller, physischer Kindesmisshandlung oder Tierquälerei zeigen, wie die Seite versucht, in einem Minenfeld zu navigieren. Unter anderem ist in den Dokumenten zu lesen: „Videos von gewaltsamen Todesfällen können verstörend sein, können aber helfen, ein Bewusstsein zu schaffen. Wir glauben, dass Minderjährige in Bezug auf Videos Schutz benötigen und Erwachsene die Wahl brauchen. Wir kennzeichnen Videos, die den gewaltsamen Tod eines Menschen zeigen, als 'verstörend'“. Derartiges Material sollte vor „Minderjährigen versteckt“, aber nicht automatisch gelöscht werden, da es „einen wertvollen Beitrag dazu leisten könne, ein Bewusstsein für selbstverletzendes Verhalten, psychische Erkrankungen oder Kriegsverbrechen und andere wichtige Themen zu schaffen.“

    Zum Thema nicht-sexueller, physischer Kindesmisshandlung heißt es: „ Wir bearbeiten keine Fotos von Kindesmisshandlung. Videos von Kindesmisshandlungen werden als verstörend gekennzeichnet. Wir löschen Darstellungen von Kindesmisshandlungen, wenn diese aus Sadismus geteilt werden oder den Kindesmissbrauch gutheißen.“

    Auf einer Folie wird erklärt, dass Beweise für nicht-sexuellen Kindesmissbrauch deshalb nicht automatisch gelöscht würden, damit „das Kind identifiziert und gerettet werden [kann]. Wir sorgen aber für Schutzmaßnahmen, um die Nutzer davon abzuschirmen.“ Diese Maßnahmen könnten etwa in einer Warnung vor verstörenden Inhalten eines Videos bestehen. Facebook bestätigt: „Es gibt Situationen, in denen wir Bilder von nicht-sexuellem Missbrauch eines Kindes erlauben, um dem Kind helfen zu können.“

    Richtlinien für Nacktheit

    In Bezug auf Tierquälerei sagt Facebook: „Wir erlauben den Nutzern, Bilder von Tierquälerei zu zeigen, um ein Bewusstsein dafür zu schaffen und den Missbrauch der Tiere zu verurteilen. Hingegen löschen wir Inhalte, die Tierquälerei gutheißen.“ Die Dateien zeigen, dass Facebook seine Richtlinien zum Thema Nacktheit überarbeitet hat, nachdem es im vergangenen Jahr zu einem Aufschrei gekommen war, als ein ikonisches Foto aus dem Vietnamkrieg gelöscht wurde, weil das Mädchen, dass auf diesem zu sehen war, unbekleidet war. „Berichtenswerte Ausnahmen“ sind nun unter den „Krieg gegen den Terror“-Richtlinien erlaubt. Eine Grenze wird allerdings bei Bildern von „Nacktheit von Kindern im Kontext des Holocaust“ gezogen.

    "Deshalb ist es manchmal wichtig, in welchem Kontext eine Gewaltdarstellung geteilt wird.“

    Facebook teilte dem Guardian mit, man verwende Software, um grausame Bilder teilweise schon abzufangen, bevor sie überhaupt auf die Seite gelangen. Man wolle aber auch, dass „die Menschen globale und aktuelle Ereignisse diskutieren können [...] deshalb ist es manchmal wichtig, in welchem Kontext eine Gewaltdarstellung geteilt wird.“

    Einige Kritiker in den USA und Europa fordern, dass die Seite die gleiche Regularien erfüllen müsse, wie Mainstreamfernseh- und Radiosender und Verlage.

    Lesen Sie mehr in der aktuellen Ausgabe des Freitag.

  3. Whistleblowerin | "Ich will die warme Frühlingsluft atmen"
    Nach sieben Jahren Haft kommt Chelsea Manning frei. Es ist ein kolossaler Wendepunkt für sie und das Ende eines schmachvollen Kapitels der US-Militärgeschichte
    "Ich will die warme Frühlingsluft atmen"

    "Befreit Chelsea Manning!" – Ab Mittwoch muss das nicht mehr gefordert werden
    Foto: Exile on Ontario St/Flickr (CC)

    Am Mittwoch, irgendwann nach Sonnenaufgang, werden die Sicherheitstüren des Militärgefängnisses US Disciplinary Barracks in Fort Leavenworth, Kansas, geöffnet werden und eine schlanke, knapp 1 Meter 70 große Frau wird ins Freie und in die Freiheit hinaustreten.

    Für Chelsea Manning wird die Entlassung aus der Militärhaft einen kolossalen Wendepunkt bedeuten. Vor sieben Jahren wurde sie als unbekannter, einfacher und äußerlich männlicher Soldat verhaftet. Nun wird für sie in ein vollkommen neues Leben als Zivilistin, Berühmtheit und offen als Transgender lebende Frau beginnen. Bedeutsam wird dieser Tag auch über die persönliche Tragweite für Chelsea Manning hinaus sein. Ihre Entlassung – ein Abschiedsgeschenk des ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama, das eine seiner letzten Amtshandlungen darstellte – wird eines der schmachvolleren Kapitel der US-Militärgeschichte zu einem Abschluss bringen.

    Alles begann damit, dass ein relativ rangniedriger Gefreiter der US-Armee immense Mengen von Staatsgeheimnissen von vermeintlich sicheren Geheimdienstdatenbanken auf eine Lady Gaga-CD herunterlud. Weiter ging es mit der harten Behandlung des Täters im Militärknast in Quantico, Virginia, die von der UNO als eine Form der Folter verurteilt wurde. Das Ganze gipfelte schließlich in der längsten Haftstrafe, die in den USA jemals für einen Leak offizieller Daten verhängt wurde: 35 Jahre im Militärgefängnis.

    Nun bietet sich Manning mit der Haftzeitverkürzung die Gelegenheit, all dies hinter sich zu lassen. „Ich freue mich darauf, wieder warme Frühlingsluft einzuatmen“, sagte sie angesichts ihrer bevorstehenden Entlassung aus ihrer Zelle heraus. “Ich möchte wieder dieses unglaubliche Gefühl der Verbundenheit mit den Menschen und der Natur spüren – ohne Stacheldraht oder Besucherzelle. Ich möchte meine Familie und meine Freunde wieder umarmen können. Und schwimmen. Ich will schwimmen gehen.“

    Mannings Entlassung wird auch von Prominenten, die sich über die Jahre unterstützend für sie ausgesprochen haben – neben vielen anderen etwa Daniel Ellsberg, der die geheimen Pentagon-Papiere veröffentlichte, der Sänger von REM, Michael Stipe, und die Designerin Vivienne Westwood – mit Jubel begrüßt werden. Doch wohl keiner dieser Sympathisanten hat soviel Gewicht wie Edward Snowden, der NSA-Mitarbeiter, der Manning in den Abgrund folgte und einen ähnlich hohen Preis zahlt – allerdings nicht in Form einer Haft, sondern in Form des Lebens im Exil.

    "Whsitleblower sind wichtiger als je zuvor."

    Snowden erklärte dem Guardian aus seinem russischen Exil, angesichts der ominösen Äußerungen, die in der Woche der Kündigung des FBI-Direktors James Comey aus dem Weißen Haus kämen, sei der Zeitpunkt von Mannings Entlassung äußerst passend. "Bei einem Präsidenten, der für die Demokratie nichts als Verachtung übrig hat und einem Kongress, der es vorzieht, eine Partei zu repräsentieren statt die Öffentlichkeit, sind Whistleblower wichtiger als je zuvor“, sagte er. Snowden beklagt die „drakonischen Strafen“, die Manning und andere wie sie träfen. Diese „schwächen die freie Presse und damit die letzte Schutzbastion der Demokratie, indem sie deren verlässlichste Quellen entscheidender Wahrheiten ausschalten.“ Snowden pries Manning als „Bürgerin, die in Bewusstsein des Preises die Sicherheit des Schweigens hinter sich ließ, um eine Wahrheit auszusprechen, die Leben gerettet hat.“ Trotz der Härten, die Manning erlitten habe, schöpfe sie Trost aus der weltweiten Kampagne für ihre Freiheit, so Snowden weiter. Weiter sagte er: „Ich bin dankbar dafür, dass Chelsea endlich die Freiheiten genießen können wird, für deren Verteidigung sie so viel gegeben hat. Ich wünsche ihr Mut – und ihrer Stimme Kraft.“ Dieser Kommentar dürfte wohl angesichts der Schwebe, in der er selbst sich befindet, mehr als ein Körnchen Schwermut enthalten.

    Manning hat angedeutet, dass sie beabsichtigt, sich in Maryland niederzulassen. Damit würde sich für sie ein Kreis schließen. Hier, in einer Vorort-Filiale der Buchhandelskette Barnes & Noble – gerade mal dreißig Kilometer vom Pentagon entfernt – hatte sie Anfang 2010 über das offene WiFi des Buchladens diejenigen Dokumente auf WikiLeaks hochgeladen, die sie während ihres Prozesses als einige der „bedeutendsten unserer Zeit“ bezeichnete.

    Manning befand sich damals auf Urlaub von ihrem Dienst im Irak und wohnte bei ihrer Tante in Potomac. Aus der vorgeschobenen US-Operationsbasis Hammer vor den Toren Baghdads hatte sie den Memorystick einer Kamera mitgebracht. Dieser enthielt hunderttausende Geheimdokumente, die sie von Geheimdienstdatenbanken zunächst auf jene berüchtigte Lady Gaga-CD heruntergeladen hatte. Während ihrer Arbeit als Nachrichtenanalystin der Armee hatte es sie in zunehmendem Maße verstört, was sie in diesen geheimen Datenbanken zu lesen bekam. Dieses Material durchdrang in ihren Augen den Nebel des Kriegs und offenbarte die „wahre Natur der asymmetrischen Kriegsführung des 21. Jahrhunderts.“ Andere Dokumente, die sie an WikiLeaks übergab, beinhalteten Angaben über zivile Opfer von US-Angriffen und Beweise für Korruption, Zensur und andere Missetaten durch irakische Regierungstruppen und die Streitkräfte anderer Verbündeter der USA.

    Manning wollte eine Debatte entfachen

    David Coombs, der Anwalt, der Manning während ihres Prozesses vertrat, hat sich drei Jahre lang intensiv auf ihre Verteidigung vorbereitet und sie sehr gut kennengelernt. Er sagt, er habe die Motive zu schätzen gelernt, aus denen heraus sie sich entschied, die Geheiminformationen zu leaken. „Ich kann verstehen, wie es dazu kam, dass Chelsea Manning dies tat“, sagte er. „Sie ist mitfühlend, intelligent und sie erkennt, dass wir nicht immer das Richtige tun und dass wir besser sein könnten – und dass die Menschen vielleicht bessere Entscheidungen treffen würden, wenn sie informiert wären.“ Weiter sagte er, Chelsea Manning sei niemand, der „versucht, Amerika oder den Kriegsanstrengungen zu schaden, sondern eine Person, die hoffte, eine Debatte zu entfachen.“

    Als Manning den Datentransfer zu WikiLeaks abgeschlossen hatte, hatte sie einen enormen Berg vormals geheimer digitaler Informationen in den Bereich der Öffentlichkeit gebracht. Diese enthielten „Kriegsprotokolle“ aus Afghanistan und dem Irak, über 250.000 Depeschen von US-Botschaften auf der ganzen Welt und die offiziellen Akten zu 765 Guantánamo-Insassen. Das Dokument, das für sich genommen wohl die größte Wirkung entfaltete, war Filmmaterial zu einem von einem US-amerikanischen Apache-Helikopter ausgeführten Luftangriff in Bagdad, bei dem zwei Reuters-Mitarbeiter und weitere Zivilisten getötet wurden. WikiLeaks veröffentlichte das Video im April 2010 unter dem Titel Collateral Murder. Es rief internationale Empörung hervor.

    Als ein Zusammenschluss internationaler Nachrichtenorganisationen unter Führung des Guardian begann, Berichte auf Grundlage der Leaks zu veröffentlichen, folgten die globalen Reaktionen unmittelbar. Sie fielen höchst unterschiedlich aus. Einerseits gab es Menschen wie K.T. McFarland, den gegenwärtigen Sicherheitsberater von US-Präsident Donald Trump, der die Hinrichtung des Verursachers der Leaks forderte. Und dann waren da diejenigen wie Hillary Clinton, deren Reaktion doppelzüngig ausfiel. Die damalige US-Außenministerin war durch die Veröffentlichung hunderttausender vertraulicher diplomatischer Depeschen in Verlegenheit gebracht worden und beharrte öffentlich: Die Leaks „bringen Menschenleben in Gefahr, bedrohen unsere nationale Sicherheit und untergraben unsere Bemühungen, mit anderen Ländern zusammenzuarbeiten.“ Im Privaten allerdings verbrachte sie Stunden damit, ausländischen Diplomaten am Telefon zu erklären, dass für niemanden ein Risiko bestehe.

    Auch sieben Jahre später noch bewerten kundige Beobachter Mannings Leaks extrem unterschiedlich. Micah Zenko, Experte für Nationale Sicherheitspolitik der USA am amerikanischen Think Tank Council on Foreign Relations, betrachtet ihre langfristige Bedeutung skeptisch. Sie hätten faszinierende Details und Farbe gebracht, sagt er. „Ich glaube aber nicht, dass sie einen bleibenden, strategischen Einfluss hatten. Außer bei Offiziellen und Diplomaten, die nun davon ausgehen, dass alles an die Öffentlichkeit gelangen kann.“

    David Hearst, Chefredakteur der in London ansässigen Nachrichten- und Meinungsseite Middle East Eye, ist überzeugt, dass die Leaks weitaus mehr bewirkt haben. Er verweist auf die Botschaftsdepeschen, die zu den Auslösern des Arabischen Frühlings zählten, indem sie etwa den Nepotismus des tunesischen Staatschefs Zine al-Abidine Ben Ali und die Unterdrückung von Volksbewegungen in Bahrain offenbarten. „WikiLeaks hat wichtige US-Verbündete im Nahen Osten untergraben, indem ein Blick darauf möglich wurde, wie die USA ihre engsten Verbündeten im Nahen Osten wirklich sehen und über diese berichten und wie due US-Verbündeten sich gegenseitig sehen, was sie wiederum in den Augen ihrer Bevölkerungen weiter untergraben hat“, so Hearst. „Die Enthüllungen bestätigten aus arabischer Sicht die Existenz von US-Kriegsverbrechen – etwa im Fall des Apache-Helikopter-Videos. Und sie boten der arabischen Jugend eine einende Botschaft, die die Entstehung der Aufstände des arabischen Frühlings beschleunigte.“

    Eine dritte Sichtweise herrscht vor allem unter Konservativen und Teilen des Militärs vor. Sie lautet, der Leak habe – ungeachtet seines Inhalts – einen Akt des Verrats dargestellt und Obama habe falsch daran getan, diesen mit der Haftzeitverkürzung für Manning zu belohnen. “Es war ein Bruch des grundlegenden Vertrauens gegenüber den kämpfenden Männern und Frauen, auf die das Militär angewiesen ist“, sagt David French, ein ehemaliger Major der US-Armee, der heute für die Zeitschrift National Review schreibt. „Obama versteht das nicht – eine vorzeitige Haftentlassung zerstört das Vertrauen.“

    Der gesamte Sicherheitsapparat gegen Manning

    Eines indes ist auch angesichts dieser Unterschiedlichkeit der Einschätzungen sicher: Die US-Regierung hat auf Mannings Tat reagiert, wie auf einen Hurrikan der höchsten Kategorie. Mannings Anwalt David Coombs erinnert sich an das Gefühl, praktisch der gesamte nationale Sicherheitsapparat stürze sich auf sie. Sowohl die Armee, als auch das Pentagon, das Außenministerium und die Geheimdienste rissen sich darum, den Soldaten zu belangen. „Sie gingen jeder rechtlichen Möglichkeit bis ins Extrem nach um ein Ergebnis zu erreichen, dass die größte Aussicht auf eine lange Haftstrafe verhieß.“

    Coombs und Manning wehrten sich so gut sie konnten. In einem der denkwürdigsten Augenblicke des Prozesses in Fort Meade in Maryland klebte der Anwalt auf dem Boden des Gerichtssaals die exakten Maße der Isolationszelle in Quantico auf, in der Manning monatelang eingepfercht wurde. Dann versah er diesen Grundriss mit Mannings tatsächlicher Gefängnismatratze, um die drakonischen Bedingungen ihrer Haft zu veranschaulichen. “Wir konnten den Gerichtssaal nicht nach Quantico bringen. Da war es das Nächstbeste, die Zelle im Gericht nachzustellen.“ Es gelang Coombs und Manning, den schwerwiegendsten Vorwurf – den der Feindbegünstigung – abzuwehren. Dies war ein wichtiger Sieg. Dennoch konnten sie nicht das letztendliche Urteil verhindern. „Das war niederschmetternd“, berichtet Coombs.

    Jesselyn Radack, eine Menschenrechtsanwältin, die Whistleblower verteidigt, sagt, die Haftstrafe von 35 Jahren befände sich in keinerlei Hinsicht in Einklang mit vorherigen Fällen. „Das Urteil fiel radikal härter aus, als bei anderen Whistleblowern, die in jüngster Zeit strafrechtlich verfolgt wurden“, erläutert sie. Die Haftstrafe stellte Manning vor die Aussicht einer jahrzehntelangen Gefangenschaft, die sie noch dazu in einer rein männlichen Institution abbüßen musste, obwohl sie sich privat schon seit der Kindheit als Frau identifizierte. Am Tag nach der Urteilsverkündigung erklärte Coombs beim Sender NBC, Manning sei eine Transgender-Frau und zu einer Geschlechtsumwandlung entschlossen. Binnen Stunden folgte die Antwort des US-Militärs: Auf keinen Fall.

    Diejenigen, die Chelsea gefangen halten, haben eine unverhohlen verfassungswidrige Anti-Trans-Position eingenommen“, sagte dazu Chase Strangio von der Amerikanischen Bürgerrechtsunion (ACLU), der Manning bei ihrem Kampf um eine Geschlechtsumwandlung während der Militärhaft vertrat. “Selbst 2013 war es ziemlich klar, dass sie nicht einfach so erklären konnten, dass sie jede Hilfe verweigern würden.“

    Ein Leben geprägt von täglichen Kämpfen

    Nicht zum ersten Mal unterschätzte die US-Regierung die Hartnäckigkeit Chelsea Mannings und ihrer Unterstützer. Im Verlauf der zurückliegenden vier Jahre ist es ihr mit Hilfe der ACLU gelungen, das US-Militär ins 21. Jahrhundert zu stoßen. Als erste Person in Militärhaft hat sie das Recht auf eine Hormonbehandlung erstritten. Im vergangenen Jahr drang sie ebenfalls in Neuland vor, als ihr eine OP zur Geschlechtsumwandlung während ihrer Haft in Fort Leavenworth gestattet wurde. Sie musste aber auch den täglichen Kampf ertragen, sich in einer rein männlichen Umgebung zu befinden, in der sie etwa gezwungen wurde, sich alle zwei Wochen die Haar schneiden zu lassen, um den strikten Vorschriften des Militärs zu entsprechen. Manchmal nagte die Verweigerung der Behandlung an ihrer Zuversicht und bedrohte gar ihr Leben.

    Es herrschte Hoffnungslosigkeit“, so Strangio. Man sei davon ausgegangen, dass sie „nie die Behandlung erhalten würde, die sie brauchte.“ „Chelsea wurde nicht nur einmal bestraft, sondern zweimal – als ihr Einzelhaft auferlegt wurde, nachdem sie – aus Gründen, die direkt in Verbindung zu der verwehrten Behandlung standen – versucht hatte, sich das Leben zu nehmen.“ Die Geschlechtsumwandlung stellte in den Jahren ihrer Haft die überragende Priorität für Chelsea Manning dar. Wenn sie durch die Tore von Fort Leavenworth getreten ist, werden weitere Wandlungsprozesse als dominante Themen ihres Lebens bestehen bleiben. Ihr Kampf um ihr Leben als Frau wird weitergehen. Hinzukommen wird die unter Umständen sogar noch größere Umstellung, die in der Rückkehr in ein ziviles Leben besteht. “Chelsea hat Jahre des Lebens in Institutionen hinter sich, die mit vielen Traumata verbunden waren. Nichts wird einfach sein“, sagt Strangio.

    Mannings Tante Debbie, bei der sie zu der Zeit wohnte, als sie die Dateien bei WikiLeaks hochlud, meint, Chelsea habe nun die Gelegenheit, ihre schwierige Kindheit und die Probleme mit dem Militär hinter sich zu lassen und sich endlich den Traum zu erfüllen, ein College zu besuchen: „Sie ist intellektuell außerordentlich begabt und wird einen wirklichen Beitrag zur Gesellschaft leisten.“ Debbie, die sich bislang kaum in der Öffentlichkeit geäußert hat, fand auch strenge Worte für die Militärchefs. Sie sagte dem Guardian: „Ich hoffe, die zurückliegenden Jahre haben dafür gesorgt, dass die Armee ernsthaft darüber nachdenkt, wie sie Chelsea vor und nach ihrem Einsatz behandelt hat und dafür sorgt, dass andere Soldaten mit emotionalen Problemen eine angemessene Behandlung erhalten und nicht an globale Brennpunkte entsendet werden, wenn sie dringend psychologische Beratung benötigen.“

    Auf der positiven Seite wird Manning, sobald sie in das gleißende Sonnenlicht heraustritt, von einer Familie und gleichgesinnten Menschen sein, die ihren Weg und die Herausforderungen, vor denen sie steht, verstehen. Strangio drückt es so aus: „Sie wird die Vorzüge einer wunderbaren und dynamischen Gemeinschaft erfahren. Es werden Menschen da sein, die sie umarmen und berühren und mit denen sie reden kann. Sie wird sehr viel Unterstützung bekommen.“

    Berührungen sind so wichtig“, sagt auch Manning, nachdem sie sieben lange Jahre auf darauf verzichten musste. Und das Schwimmen nicht zu vergessen. Sie wird viel Zeit haben, um schwimmen zu gehen.

    Lesen Sie mehr in der aktuellen Ausgabe des Freitag.

  4. USA | Komplott im Oval Office
    Ein Präsident wandert zwischen den Welten, um in seiner eigenen sein zu können. Also beschenkt er Russland mit geheimdienstlicher Exklusivität, nicht aber die Verbündeten
    Komplott im Oval Office

    So aufgeräumt ist die Stimmung nur, wenn die Russen da sind
    Foto: Imago

    Es gibt nur wenige Erklärungen dafür, warum der 45. Präsident der Vereinigten Staaten die sensibelsten Informationen über die Fähigkeiten des Islamischen Staates (IS) ausgerechnet an Russland weitergegeben hat – konkret an Außenminister Sergej Lawrow und Botschafter Sergei Kisljak.

    Hände vors Gesicht

    Diese Informationen gelten als so sensibel, dass sie bisher den wirklichen Verbündeten der Amerikaner vorenthalten worden sind, aus Angst, wichtige Quellen und Methoden zu offenbaren. Selbst das Dementi des Weißen Hauses fällt erbärmlich kurz aus. Man wollte diese Informationen aus dem offiziellen Bericht über das Treffen mit den Russen heraushalten. In der Konsequenz schlägt nun die gesamte amerikanische Geheimdienst-Community die Hände vor dem Gesicht zusammen.

    Was könnte Trump bewogen haben, zu tun, was er getan hat? Es ist ausgeschlossen, dass er vom Status der Informationen, die er weitergab, nichts wusste. Durchaus denkbar, dass er vor seinen russischen Gästen damit angeben wollte, über die besten Informationen zu verfügen.

    Schlimmer als Hillary

    Es kann auch nicht sein, dass Donald Trump denkt, es sei in Ordnung, geheime Informationen weiterzugeben, schließlich hat er einen gesamten Präsidentschaftswahlkampf – den größten aller Zeiten, wie er gern behauptet – unter der Devise geführt hat, Hillary Clinton müsse ins Gefängnis gebracht werden, weil sie nicht behutsam genug mit geheimen Informationen umgegangen sei, sprich: dienstliche Mails auf ihren privaten Mailserver gelotst hatte.

    Tatsächlich hat der Präsident erst vor einer Woche aus mindestens zwei Gründen FBI-Direktor James Comey entlassen. Der offizielle – das heißt, der gefakte – Grund war, dass er die Clinton-Untersuchung verbockt habe. Der inoffizielle (wahre) Grund war, dass Comey zu viel Zeit damit verbrachte, Trumps informelle Kontakte mit den Russen zu untersuchen, und zu wenig Zeit, um der Weitergabe von Geheiminformationen an die Medien nachzugehen.

    Nein, selbst der Dümmste kann nicht glauben, dass es in Ordnung ist, Informationen wie M&Ms an jeden zu verteilen, der ins Oval Office hereinspaziert kommt.

    Doch scheint es so, als würde Trump nichts Falsches an einer so erstaunlichen Nähe zu Russland sehen. Warum sonst schüttet er Wladimir Putins Chefdiplomaten sein Herz über kostbarste Informationen aus? Trump ist so verzweifelt darauf aus, zu beeindrucken, dass er nicht zwischen amerikanischen Interessen und eigener Geltungssucht unterscheiden kann. Wenn das so ist, dann bedeutet „America First“ vor allem „Trump First“. Wie Richard Nixon einst zu sagen pflegte: Wenn der Präsident es tut, bedeutet dies, dass es nicht illegal ist.

    Sogar ein Fotograf

    Typisches Beispiel: Was hatten der russische Außenminister und der russische Botschafter eigentlich im Oval Office verloren, einen Tag, nachdem Trump FBI-Chef Comey wegen dessen Russland-Recherchen entlassen hatte? Warum hat Trump nicht begriffen, dass er damit den Eindruck nährt, die geheimen Absprachen mit Moskau gibt es tatsächlich, und die zählen zu seinen Präferenzen?

    Die einfache Antwort lautet, dass er nichts Schlimmes darin sieht, sich mit den Russen abzustimmen oder ihren Fotografen ins Oval Office einzuladen. Wladimir Putin braucht den amerikanischen Präsidenten gar nicht abhören zu lassen, denn er erzählt seinen Leuten bereitwillig alles, was die an der Sicherheitsinfrastruktur der USA interessieren könnte.

    Natürlich weiß man von Trumps persönlichen Anwälten, dass sich in seinen Steuererklärungen, abgesehen von mehreren Zehnmillionen Dollar, kein Geld aus russischen Quellen befindet. Vom Rest wird man nie erfahren, weil weder die Steuererklärungen noch die Geschäftstätigkeiten des Trump-Imperiums weiterhin das Licht der Öffentlichkeit scheuen werden.

    Hier finden übrigens alle Vergleiche mit Nixon ein Ende. Man kann über den Gauner sagen, was man will, aber Nixon war kein Freund Moskaus. Wer in jenen Zeiten ein Freund des Kreml war, war selbst Kommunist. Wer heute ein Freund des Kreml ist, ist ein Freund der Kleptokratie.

    Beim Verbrennen ertappt

    In der Welt von Hollywood-Filmen und Groschenromanen finden wir eine wenig subtile Vorahnung von Trumps politischem Ende: Er wird dabei ertappt, wie er gerade einen Container voller russischer Dokumente und Bargeld verbrennt. Was wir noch nicht wirklich kennen, ist das Schicksal der republikanischen Partei, die so geduldig ist, danebenzustehen und mitanzusehen, wie ihre eigene Reputation gleich mit in Flammen aufgeht.

    Dies ist die Partei, die vor noch nicht allzu langer Zeit über mehrere Wahlzyklen hinweg behauptete, niemand außer ihr sei in Sachen der nationalen Sicherheit vertrauenswürdig. Davor hatte sie versprochen, sie würde wieder Aufrichtigkeit und Integrität in das Oval Office bringen und eine Präsidentin verhindern, deren Glaubwürdigkeit in Frage gestellt worden sei. Erst im vergangenen Jahr behauptete sie, man könne Clinton keine geheimen Informationen anvertrauen, schließlich habe das FBI gegen sie ermittelt, weil sie solche Informationen über ihren privaten E-Mail-Server verschickt habe.

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  5. Orient | Islamische Aufklärung
    Als der Osten vom Westen nur das Beste haben wollte: der Journalist Christopher de Bellaigue über das goldene Zeitalter der Reformer in Istanbul, Kairo oder Teheran
    Islamische Aufklärung

    Napoleon in Kairo, wie der Maler Jean-Léon Gérôme ihn sah
    Foto: Jean-Leon Gerome/Wikimedia Commons

    Ein geläufiges Argument, der Islam sei im Mittelalter stecken geblieben, ist allzu grob vereinfachend – das Zusammentreffen islamischer Völker mit der westlichen Moderne war nachhaltiger als oft gedacht, sagt der britische Orientalist Christopher de Bellaigue, der sich als Journalist einen Namen gemacht hat. In seinem neuen Buch will er zeigen, dass die rationale Aufklärung im Nahen und Mittleren Osten aus einem tief verwurzelten Interesse des Islam an den Werken Platons und anderer Philosophen des klassischen Altertums erwuchs. Jedenfalls war das so an ganz bestimmten Orten und zu ganz bestimmten Zeiten.

    Das schillernde, kenntnisreiche Buch führt uns durch das napoleonische Ägypten, das Istanbul der Tanzimat-Periode, das Teheran des 19. Jahrhunderts sowie den Strudel aus Nationalismus und Gegen-Aufklärung, der diesen Epochen folgte. Der Autor stellt klar, dass sich nach der Invasion Napoleons in Ägypten im Osten der islamischen Welt in sehr kurzer Zeit sehr viel getan hat – Reformen, Aufklärung und industrielle Revolution. Nur kurz nach dem Buchdruck kam der Telegraf auf; die ersten Züge rollten zur selben Zeit durch die arabischen Lande, erste unabhängige Zeitungen entstanden. Viele der aufklärerischen Konzepte, die sich die islamischen Pioniere vorsichtig zu eigen machten, erhielten zur gleichen Zeit auch im Westen zum allerersten Mal einen Namen – „Menschenrechte“ in den 1830ern, „Feminismus" in den 1890ern.

    Gelegentlich, wie im Falle von Muhammad Ali Pascha in Ägypten und dem osmanischen Sultan Mahmud II., waren die Aufklärer „Modernisierer und Zuchtmeister zugleich“ . Oftmals ließen sie für ihre Ideen auch ihr Leben. Die Geschichte der feministischen persischen Märtyrerin, Fatima Zarrin Taj Baraghani, die zu viel las, zu viel schrieb und die soziale Vision der Bahai-Religion propagierte (einer geeinten, antinationalistischen, einsprachigen Welt), wird eindringlich geschildert.

    Christopher de Bellaigue zieht aber nicht nur die großen Linien, Islamic Enlightenment berichtet auch von wunderbaren Nebensächlichkeiten. So waren zum Beispiel die Ägypter schockiert, als sie entdeckten, dass Napoleons Soldaten ihre Stiefel nicht auszogen, bevor sie Teppiche betraten, oder sich die Intimbehaarung nicht rasierten – zu einer Zeit, wo man in Ägypten Briefe desinfizierte, bevor man sie abschickte.

    Die ökonomischen, politischen und militärischen Interventionen, die auf den Ersten Weltkrieg folgten, werden oft für die heutige Kluft zwischen Ost und West verantwortlich gemacht. De Bellaigue ist allerdings der festen Überzeugung, dass wir die Erklärung bereits früher suchen müssen, in der Zeit, zu der Napoleon 1798 in Ägypten einmarschierte, das westliche Bankensystem das Osmanische Reich dazu ermutigte, sich Geld zu leihen – und diese Schulden schließlich einforderte. Mit der Aufklärung kam auch die Verschuldung in den Osten; Ägyptens Verbindlichkeiten stiegen von drei Millionen Pfund Sterling im Jahr 1865 auf über 91 Millionen nur zehn Jahre später an. Ein wichtiger Transfer spielte sich auch auf dem Gebiet des Militärischen ab: Bereits 1832 besiegte die ägyptische Armee Muhammad Ali Paschas osmanische Truppen im syrischen Homs unter Verwendung einer lehrbuchmäßigen französisch-britischen Militärstrategie.

    Verwirrender Aberglaube

    Den Beginn der Globalisierung könnte man sogar noch früher ansetzen. Die Existenz großer Mengen byzantinischer Keramik aus dem sechsten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung auf der Landzunge Tintagel im südwestlichsten Zipfel von England, chinesische Seide in den Grabstätten rund um Mekka und arabische Zahlen auf den Balken der im 13. Jahrhundert erbauten Kathedrale von Salisbury machen uns deutlich, dass wir nicht erst seit Jahrzehnten miteinander verbunden sind, sondern seit Jahrtausenden.

    Während gegenwärtig 13 Prozent der Weltbevölkerung Migranten sind, legen Knochenanalysen nahe, dass diese Zahl nach dem Untergang des Römischen Reiches bei über 30 Prozent lag. Andererseits kann der kosmopolitische, grenzüberschreitende Einfluss nicht die einzige Erklärung für den Aufstieg der Herrschaft des Rechts und repräsentativer Regierungsformen in fast allen islamischen Gesellschaften sein. Menschen suchen nicht nur dann nach Veränderungen, wenn sie bedroht werden oder sie Chancen für sich erblicken, sondern auch dann, wenn sie der herrschenden Verhältnisse überdrüssig geworden sind.

    De Bellaigue kann gute Ideen auf den Punkt bringen („Der Fortschritt ist sich selbst die beste Werbung“). Und er kann schwärmen, etwa von den Neuerungen durch Männer wie Rifa’a at-Tahtawi, der, weil er die islamische Abhängigkeit von der Tradition als lähmend empfand, beweisen wollte, dass Vernunft und Islam kompatibel sind. Gleichzeitig erinnert dieses Buch auch auf elegante Weise daran, dass wir die Geschichten sind, die wir über uns selbst erzählen. Die islamische Welt fühlte sich im Vergleich mit dem Westen nicht als „Opfer“. Muslime sahen den Islam nicht als den Neuankömmling der abrahamitischen Religionen, sondern als deren Höhepunkt. Christliche Doktrinen wie die Trinität (Dreifaltigkeit) oder die Transsubstantiation, also die Wandlung von Brot und Wein, wurden als verwirrender Aberglauben betrachtet. Das Wort „Amerika“ kam in der persischen Sprache wahrscheinlich bis zum Ende des 18. Jahrhunderts nicht vor – doch damals hatte der Osten mit einer 5.000 Jahre zurückreichenden dokumentierten Vergangenheit einfach auch genügend eigene Reichtümer.

    De Bellaigues Geschichte führt leider noch in eine andere Richtung: Türkische Rechts-und Gottesgelehrte sowie weitere konservative Kräfte dämonisierten die Modernisierung und bremsten sie damit oft erfolgreich aus. Während Frauen in Istanbul bereits im 19. Jahrhundert liberale Schriften lesen konnten, die sich für Bildung einsetzten, Polygamie in Frage stellten oder gegen den Missstand mobilmachten, dass die Kojen für Frauen auf den Fähren über den Bosporus schlechter waren als die für Männer, erklärten andere Kommentatoren, dass die unabhängigen Zeitungen der osmanischen Türkei Teil einer europäischen Verschwörung gewesen seien, „den Islam zu zerstören und das Land zu destabilisieren“ – eine Art islamische Version von Fake News.

    Ambivalent auch das Wirken von Muhammad Ali Pascha, der Alexandria im frühen 19. Jahrhundert zwar modernisierte, doch in vielerlei Hinsicht kehrte er damit zu dessen kosmopolitischem Glanz des vierten Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung zurück. Ein Regierungsbericht unter Sultan Mahmud II. im Istanbul der 1850er lautete: „Religiöses Wissen dient der Erlösung in der kommenden Welt, die Wissenschaft aber dient der Vervollkommnung des Menschen in dieser Welt.“

    Leuchtende Beispiele

    Es gibt in Istanbul alte Männer, die immer noch daran glauben, dass die düsteren Ecken der Stadt von Dschinns bevölkert werden. Jüngst haben Untersuchungen die Namen von 4.000 Frauen zutage gefördert, die im Zeitraum von 150 Jahren nach dem Tod des Propheten Mohammed in Moscheen in Kairo, Jerusalem und Medina gepredigt haben – vor 1.300 Jahren scheint es in diesen geheiligten Räumlichkeiten also noch keine Geschlechtertrennung gegeben zu haben. Eine Frage, die das Buch nicht vollständig beantworten kann – und es ist eine äußerst entscheidende –, lautet, warum diese Form von Liberalität in den darauffolgenden Jahrhunderten wieder beschnitten wurde.

    Christopher de Bellaigue lebt im Nahen Osten und berichtet von dort. Mit seinem Buch scheint er einer Herzensangelegenheit zu folgen. Seht da, der Islam war nicht immer so düster, wie er uns heute nur zu oft erscheint, er war leuchtend, der Zukunft zugewandt. Das kann man verstehen. Der Umstand, dass einige der von ihm ausgewählten Protagonisten zu ihrer Zeit Berühmtheiten waren, legt allerdings den Verdacht nahe, dass diese Reformer und Reformerinnen vielleicht doch eher Ausnahmegestalten waren als repräsentative Vertreter ihrer Zeit. Dennoch, de Bellaigue hat ein – wunderbar illustriertes – Buch geschrieben, das eine wichtige Debatte auslöst und für unsere Zeit extrem nützlich ist. Das Werk stellt uns nicht nur in Vergessenheit geratene Geschichten und Persönlichkeiten vor, um die wir uns kümmern sollten, das Buch selbst verkörpert das Wesen der Aufklärung.

    Info

    The Islamic Enlightenment Christopher de Bellaigue Bodley Head 2017, 432 S., 14,99 € Bettany Hughes ist eine englische Historikerin

    Übersetzung: Zilla Hoffmann

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