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Dienstag, 16. Januar 2018

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The Guardian

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  1. Nation-Branding | Schönes neues Land
    Immer mehr Städte, Regionen und Staaten meinen, sich modern vermarkten zu müssen. Die PR-Branche hilft ihnen gerne

    Einerseits gibt es Lipezk natürlich schon: Man findet die Region im Diercke-Weltatlas auf Seite 281, 375 Kilometer südöstlich von Moskau unweit der ukrainischen Grenze. Zugleich existiert Lipezk aber auch wieder nicht: In dem dünnen Atlas, den die meisten von uns im Kopf mit sich herumtragen, kommt der Verwaltungsbezirk Lipezk mit seinen 1,2 Millionen Einwohnern schlechterdings nicht vor. Niemand, den man kennt, macht dort Urlaub, in den Zeitungen wird Lipezk nicht erwähnt.

    Im September, als Natasha Grand auf ihrem Rückweg aus Lipezk in Moskau Station machte, erzählte sie einem russischen Bekannten, wo sie gewesen war. „Ich weiß noch nicht einmal, wo Lipezk liegt“, antwortete der, nur halb im Scherz. Manche Russen verwechseln Lipezk mit Wizebsk, das in Weißrussland liegt. Und genau das ist der Grund, weshalb Natasha Grand nach Lipezk fährt: um Lipezk als Marke aufzubauen, um das Profil der Region zu schärfen und sie in unsere kognitive Landkarte einzupflanzen.

    Natasha und ihr Mann Alex Grand sind die Gründer eines Londoner Unternehmens namens „Institute for Identity“ (Instid), das seine Dienste den Behörden von Städten, Regionen und ganzen Nationen anbietet. Instid entwickelt Strategien, um Orte zu vermarkten. Und auch wenn ein Teil ihrer Arbeit darin besteht, den Fremdenverkehr anzukurbeln – etwa indem sie einen Werbeslogan erfinden oder Logos für Touristikmaterialien –, geht es den Grands eigentlich um viel mehr. Sie sind davon überzeugt, die Identität eines Ortes herausarbeiten zu können – oder zumindest eine Identität: etwas, woran eine Regierung sich orientieren kann, um im Ansehen ihrer Nachbarn zu steigen, sinnvoll mit ihren Ressourcen zu wirtschaften und sich der Welt von ihrer besten Seite zu zeigen.

    Im 21. Jahrhundert ist „Nation-Branding“ eine Dienstleistung mit reger Nachfrage geworden, und ihre Anbieter legen großen Wert darauf, dass das, was sie da tun, etwas anderes sei als plumpes Standortmarketing. Ein besonders talentierter Werbetexter hat Moses Israel schmackhaft gemacht, indem er es das „gelobte Land“ nannte; Erik der Rote gab einem großen Eisblock den Namen Grönland, grünes Land, in der Hoffnung, so mehr Siedler anlocken zu können; Milton Glaser druckte „I ❤ NY“ auf eine Milliarde T-Shirts. Doch das Ehepaar Grand sieht in seiner Arbeit mehr als nur das Kreieren von Slogans. Für sie handelt es sich eher um eine Art der Psychologie: um Länder-Coaching, Städte-Therapie. „Blicke nach innen und entdecke dich, finde deinen Platz in der Welt!“

    Nationen sind immer Fiktion

    Natasha und Alex Grand haben sich auf etwas spezialisiert, was man knifflige Kandidaten nennen könnte: Städte und Regionen in der ehemaligen Sowjetunion. Ihr Kunde in Lipezk, die Verwaltung für Tourismus und Kultur, sitzt im fünften Stock eines tristen Gebäudes in der Stadt Lipezk, dem Verwaltungszentrum der gleichnamigen Region. Leiter der Verwaltung ist Wadim Wolkow, ein Mann mit kantigem Gesicht und einem rechteckigen Oberkörper. Anfang des Jahres, als seine Mitarbeiter in der Tourismusbehörde eine Reihe repräsentativer Souvenirs zusammenstellen wollten, wurde ihnen klar, dass sie kein kohärentes Bild ihrer eigenen Region hatten. Lipezk brauche eine Richtung, ein geteiltes Ziel, erklärt Wolkow den Grands. Er wünschte sich, seine Region wäre mehr wie Woronesch – eine größere Stadt in einer Nachbarregion und die Art von Gegend, die die Menschen sofort wiedererkennen. Auf Englisch stellt Wolkow sich ein Gespräch eines Landsmanns im Ausland vor. „Woher kommen Sie?“ – „Aus Lipezk.“ – „Woher bitte?“ – „Eine Stadt in der Nähe von Woronesch.“ – „Ohhhhh, ich kenne Woronesch!“ Die Grands machen eifrig Notizen.

    Die Frage, was eine Nation zur Nation macht, war immer schon schwierig, und zugleich unausweichlich. Jeder moderne Nationalstaat hat auch den Anschein eines nationalen Wesens hervorgebracht, einer Identität, die einzigartig erscheint, selbst wenn es sich nur um eine Mischung aus Wahrheit und Lügen, Auslassungen und Übertreibungen handelt. Doch seit den 1990ern hat die Heilslehre der Globalisierung an dieser Idee genagt, darauf bestehend, dass Länder bloß Verkaufsstände auf einem globalen Marktplatz seien, und nicht die romantische Verkörperung eines irreduziblen Volksgeistes. Man könne sie wie Unternehmen verstehen – und so sollten sie sich auch benehmen. In einer Zeit, in der Kapital und Menschen sich frei bewegen könnten, so das Postulat, müssten Länder, die als Standort attraktiv sein wollen, sich umso besser verkaufen. Die Identität eines Landes dient so – vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte – als Anziehungspunkt für den Rest der Welt, statt die Nation von der Außenwelt abzugrenzen.

    In den letzten Jahren haben die Folgen der Globalisierung den Glauben von Nationen daran erschüttert, wer sie eigentlich sind, und die Vorstellung durcheinandergebracht, was ein Nationalstaat sein sollte. Regionen und Länder – von Lipezk bis zu den USA – haben auf einmal das Gefühl, sie müssten ihre Identität einer Überprüfung unterziehen, und sie verändern. Und war das am Ende nicht auch die treibende Kraft hinter dem Brexit, die Wut darüber, dass das, was manche – zu Recht oder zu Unrecht – als genuin britische Identität begriffen, sich in den seichten Gewässern der Europäischen Union aufzulösen drohte?

    Eine Folge dieser Identitätskrise besteht in der Zunahme eines Blut-und-Boden-Populismus, eine andere im Aufstieg des Nation-Brandings. Beide sind im Grunde Spiegelbilder: Ersterer versteht nationale Identität als etwas Unveränderliches und ihre Neuentdeckung als Präludium neuer Größe, Letzteres betrachtet sie als ein Produkt, das klar definiert und vermarktet werden will. Beide versuchen, wenn auch auf unterschiedliche Art und Weise, eine markantere Version dessen wiederzuerlangen oder zu kreieren, was das mutmaßliche Wesen eines Landes ausmacht.

    In der Ex-UdSSR beraten Natasha und Alex Grand Regionen und Länder, die versuchen, sich von ihrer sowjetischen Vergangenheit abzusetzen, aber unsicher sind, wie sie sich für die Zukunft positionieren wollen. Deshalb, und weil die beiden aus Belarus und Russland stammen, haben sie Kampagnen für Moskau und Jerewan entworfen, für Baschkortostan und die Region Primorje. Lipezks Tourismuschef, Wadim Wolkow, war besonders davon angetan, was Instid für die Autonome Russische Republik Tatarstan geleistet hat. Etwas Ähnliches wollte er auch für Lipezk. Im September unternahm das Ehepaar Grand – zusammen mit einer Forschungsassistentin und einem Grafiker – eine erste Reise nach Lipezk, um den Charakter der Region zu ergründen und herauszufinden, wie sie ihn den Menschen vor Ort vermitteln könnten.

    Der Begriff „nation brands“ tauchte zum ersten Mal 1998 in einem Artikel von Simon Anholt auf. Anholt hatte in der Werbung gearbeitet, und irgendwann begonnen, darüber nachzudenken, wie der Erfolg von Marken mit dem ihrer Ursprungsländer zusammenhängen könnte. Anholts erster Auftrag, die Marke eines Landes zu formen, kam von der kroatischen Regierung, als diese sich um die Aufnahme in die EU bewerben wollte. Damals machte man sich in Kroatien Sorgen, die Außenwelt würde das Land immer noch mit den Balkankriegen der 1990er in Verbindung bringen. Stattdessen wollte Kroatien sich jetzt als moderner demokratischer Staat mit mediterranem Flair einen Namen machen.

    Im Verlauf der 2000er Jahre wuchs die Branche schnell. Wally Olins, ein Marketingexperte, der für VW und General Electric gearbeitet hatte, stieg Ende der 1990er ins „Place-Branding“ ein. Olins betrachtete die Schaffung einer nationalen Identität als eine Form von „Social Engineering“, bei der man dieselben Werkzeuge wie beim Firmenmarketing einsetzen könne: „Menschen sind Menschen, und das bedeutet, dass sie auf dieselbe Weise, mit denselben Techniken, motiviert und inspiriert werden können“, schrieb er 2002. Bald entstand eine Handvoll Firmen, die sich auf Nation-Branding spezialisierten, während andere – PR-Unternehmen, Marketing-Agenturen, Management-Berater – die Dienstleistung in ihr Angebot aufnahmen. Das Image eines Landes aufzupolieren, kann Aufträge von einer halben bis zu mehreren Millionen Dollar einbringen; Städte und Regionen zahlen entsprechend weniger.

    „Land der Ideen“

    Eine Zeit lang konnten Nationalstaaten gar nicht genug von dieser Art des Ländermarketings bekommen. Getreu dem neoliberalen Credo, dass sich Entwicklungsländer nur dem globalen Markt öffnen müssten, um Wachstum zu erzielen, entspannte sich ein Wettbewerb um ausländische Investitionen, in dem sich die Staaten entsprechend ins Zeug legten, als möglichst attraktive Standorte zu erscheinen. Um als stabil und wirtschaftlich erfolgreich wahrgenommen zu werden, schaltete die ehemalige Sowjetrepublik Georgien eine Kampagne, in der sie sich entlang der Geschichte ihrer Weinkultur oder ihrer schlanken Bürokratie mit Ländern wie Frankreich oder Australien verglich. „And the winner is …“, hieß es am Ende jedes Spots, „Georgia!“ Deutschland vermarktete sich mit der Behauptung, das „Land der Ideen“ zu sein, und Jamaika warb um potenzielle Investoren, die nach einem frechen und kreativen Standort suchen. Als Muammar al-Gaddafi 2004 die Beratungsfirma Monitor Group engagierte, um Libyens Image zu verbessern, kam diese zu dem Schluss, das größte Problem des Landes bestehe in einem „Mangel an positiven Public Relations“. In einer 200-seitigen Zukunftsvision erstellte Monitor einen Plan, wie man Libyen bis zum Jahr 2019 zu einer konkurrenzfähigen und anerkannten Führungsmacht entwickeln wolle. 2011 wurde Gaddafi gestürzt und von Rebellen erschossen – nur acht Jahre, bevor sein Imagewandel zu einem „konstruktiveren Weltbürger“ abgeschlossen sein sollte.

    Lässt man kommerzielle Beweggründe beiseite, offenbart das Bedürfnis nach Standortmarketing eine tiefergehende Ratlosigkeit. Jedes Land, jede Region und jede Stadt ist heute ein Wettbewerber auf dem lärmenden Basar, den wir unter dem Namen „Weltmarkt“ kennen. Für manche Orte ist diese Rolle neu; für andere so alt, dass sie es nicht gewohnt sind, plötzlich mit Konkurrenz umgehen zu müssen. Um wahrgenommen zu werden, muss ein Ort unterscheidbar sein und einzigartig scheinen. Das ist alles andere als einfach, wenn zugleich eine homogene Kultur des gemeinsamen Weltmarktes alle Unterschiede einebnet, wenn der globale Kapitalismus seine Schneisen schlägt, und Immigration oder Emigration von Arbeitskräften den Charakter eines Ortes verändern können und dazu führen, dass sich seine gefühlte kollektive Identität verändert.

    All das befördert ein Gefühl der Unsicherheit, das die verschiedenen Ausprägungen des Nationalismus auszunutzen versuchen. Die Wahlsiege von Demagogen, die Polarisierung einzelner Gesellschaften und die Sehnsucht, aus multilateralen Blöcken auszuscheren: Sie alle verbindet der Versuch, aus den neuen Unsicherheiten der Nationalstaaten Kapital zu schlagen.

    Wer liebt schon Lipezk?

    Natasha Grand hat ihr bisheriges Leben teils in Belarus, teils in Großbritannien verbracht. Sie wuchs inmitten historischer Turbulenzen in Minsk auf, war 13, als die Sowjetunion sich auflöste und Weißrussland unabhängig wurde. „Ich erinnere mich daran, wie aufgeregt meine Eltern waren“, sagt sie, „und an dieses intensive Gefühl, dass etwas Großes von historischen Ausmaßen geschieht.“

    Doch die Dinge kamen anders. Bei den ersten Wahlen im Jahr 1994 wählte Weißrussland den früheren Apparatschik Alexander Lukaschenko zum Präsidenten, welcher es geschafft hat, bis heute an der Regierung zu bleiben. Dass die Menschen in Weißrussland vielleicht nicht wirklich bereit waren, in eine postsowjetische Zukunft aufzubrechen, wurde auch auf andere Weise deutlich. Nach der Unabhängigkeit hatte das Land das lange unterdrückte Weißrussisch zur offiziellen Sprache der Republik erklärt. Das aber war so ungewohnt geworden, dass eine Gegenreaktion einsetzte: In einem Referendum sprachen sich 87 Prozent der Wahlberechtigten dafür aus, dass Russisch dem Weißrussischen gleichberechtigt zur Seite gestellt werden solle; dasselbe galt für ein neues Staatswappen, welches dem der Sowjetrepublik Weißrussland nachempfunden war. Das Pahonia, ein altes weißrussisches Wappenmotiv mit einem Ritter auf einem Pferd, wurde nach vier Jahren als Emblem des Landes wieder verworfen. Zu dieser Zeit studierte Natasha Grand Internationale Beziehungen, ihre Universität befand sich direkt neben dem Regierungsgebäude. Eines Tages sah sie, wie die Wappen auf dem Giebel des Gebäudes ausgetauscht wurden – das Pahonia verschwand, ein neosowjetisches Symbol trat an seine Stelle. Grand und ihre Kommilitonen sahen schweigend zu. Eine ihrer Freundinnen weinte.

    Gummistiefel, Bocciakugeln, feudale Gemäuer: Hat man eine Nation, so hat man nationale Symbole. Oder erfindet schnell welche

    Diese Dilemmata der Identität hinterließen Spuren bei Grand. Nicht dass sich die Stimmung in der Bevölkerung von einem auf den anderen Tag geändert hätte, eher war ihr nicht klar gewesen, wie diese Stimmung überhaupt aussah. Als sie gerade an der London School of Economics ihre Dissertation schrieb, lernte sie ihren Mann Alex kennen, der in Moskau für einen Sportverband gearbeitet hatte, bevor er für ein Management-Studium nach Großbritannien kam. 2008 gründete das Paar Instid und nahm kurz darauf den ersten Auftrag an: Sie sollten Grands Heimatstadt Minsk eine neue Identität verpassen.

    In Lipezk, an seinem ersten Tag dort, sah Alex Grand einen Mann in ehemals edlen, abgelaufenen Halbschuhen und einem schwarz-blauen Trainingsanzug auf den Stufen eines verlassenen Gebäudes sitzen. Der Mann fragte nach einer Zigarette. Alex hatte keine, erkundigte sich aber, was es in Lipezk denn zu sehen gebe. „Nichts“, antwortete ihm sein Gegenüber mürrisch. Die Stadt Lipezk, in der eine halbe Million Menschen zusammengedrängt inmitten einer unendlichen Weite von Ackerland leben, macht in der Tat einen eher trostlosen Eindruck. An den ungepflegten Wohnblocks aus der Zeit der Sowjetunion blättert der Putz ab; die neueren Wohntürme haben dünne Schiebefenster und niedrige Balkone, vollgepackt mit Klimaanlagen und Satellitenschüsseln. Für eine kleine Stadt fühlt sich das Zentrum von Lipezk erstaunlich weitläufig und leer an.

    Direkt vor den Toren der Stadt verkündet eine Steinsäule das Datum ihrer Gründung: 1703, als Peter der Große befahl, eine Eisengießerei in der Nähe eines Erzlagers zu errichten. Der moderne Nachfahre dieser Gießerei ist Novolipetsk Steel, gegründet 1931. Mit 29.000 Arbeitern allein im Stammwerk in Lipezk ist der noch immer der größte Stahlproduzent ganz Russlands. Da es sonst nichts gibt, scheint das Stahlwerk die Region zusammenzuhalten.

    Die regionale Verwaltungseinheit Lipezk wurde 1954 gegründet, als Teile von fünf Bezirken zu einem verschmolzen wurden. Den Behörden bereitete dieser vergleichsweise junge Flickenteppich Sorgen. „Sie können sich heute immer noch nicht mit jemandem unterhalten und dabei denken: Ah, der ist ein Lipezker!“, sagt Verwaltungschef Wadim Wolkow. Also brauche es eine neue, verbindende Identität.

    Kurs zur Käseherstellung

    Auf der Suche nach der Identität eines Ortes schlüpfen die Grands in verschiedene Rollen und Berufe. Leger gekleidet, sehen sie aus wie ungewöhnlich beflissene Touristen. Im Bezirk Lipezk besucht das Team ein halbes Dutzend Städte an ebenso vielen Tagen und sieht sich sowohl das Altbekannte – die himmelblaue Kathedrale mit der goldenen Kuppel in Sadonsk – als auch das Unbekannte an: In Tschaplygin besuchen sie einen Kurs zur Käseherstellung, in Jelez ein Museum im Haus des sowjetischen Komponisten Tichon Chrennikow und mitten im Nirgendwo ein kleines Falken-Reservat. Sie verpassen kein einziges Museum, essen gewissenhaft, wählen Restaurants und Gerichte mit regionalem Bezug aus. Sie fotografieren Statuen, Stadtplätze und Graffiti und sind stets bereit, aus allem, was sie sehen, kulturelle Bedeutung „herauszupressen“, was sie wie Semiotiker auf Urlaub erscheinen lässt.

    Die Interviews, die die Grands führen, können mehrere Stunden dauern. Sie befragen Regierungsvertreter, Historiker, Museumskuratorinnen, Restauratoren, Fotografen und Künstlerinnen. An einem Nachmittag schauen sie in der Staatlichen Technischen Universität Lipezk vorbei, wo sich eine Klasse von 15 Studierenden über ihre Region unterhält. Die meisten äußern den Wunsch, wegzuziehen. Es gebe nur wenig, was man in Lipezk tun könne, erklären sie. Alex Grand stellt eine Reihe von Assoziationsfragen. „Sagen Sie mir, was Ihnen als Erstes in den Sinn kommt, wenn ich sage ‚Lipezk‘: Moskau? London? Putin?“ Die Grands verfügen über viele solcher Fragen, die sie wie Psychoanalytiker einsetzen. „Wenn Ihre Stadt ein Auto wäre, was für eine Art Auto wäre sie? Wäre sie ein Mann, welche Art von Beruf hätte er? Wie lautet Ihr Lieblingswitz über Lipezk?“

    Die Gegend erweist sich als äußerst zäh. Nicht viele der Leute, die das Ehepaar Grand interviewt, haben Lust, über solche Fragen nachzudenken. Ein einheimischer Historiker gibt zu: „Lipezk hat nur ein sehr unbestimmtes Gesicht.“ Die alten Identitätsstifter – die Kirche und das Stahlwerk – hätten im Leben der Menschen langsam, aber sicher an Bedeutung verloren, aber nichts anderes sei an ihre Stelle getreten. Als die deutsche Rockband Scorpions 2008 auf einer Tournee in Lipezk Station machten, kamen kaum Leute, weil die meisten dachten, es könnte sich nur um eine Coverband handeln – die echten Scorpions würden doch niemals nach Lipezk kommen.

    Von all ihren Projekten sind die Grands am stolzesten auf jenes in Tatarstan, das ihren Ruf unter den russischen Regionalverwaltungen begründet hat. Die Verwaltung von Tatarstan, einer Republik mit vier Millionen Einwohnern im Südwesten Russlands, war überzeugt davon, dass ihr Land nicht die Anerkennung erhalte, die es verdiene – weder in Moskau noch im Ausland. 2013 entwickelte sie einen Plan, um das Kulturerbe der Region zu bewerben. Als Instid engagiert wurde, wünschte sich die Regierung bloß ein dickes Buch mit Hochglanzfotos und Texten über die Kunstwerke in den Museen von Tatarstan. Den Grands war das nicht genug. Sie wärmten die Zeit der bulgarischen Könige wieder auf, die die Region zwischen dem 7. und dem 13. Jahrhundert regierten, und identifizierten eine Reihe von Haltungen und Werten, die sich ihrer Meinung nach in Tatarstan bis heute bewahrt hatten. Sie gelangten zu der Ansicht, dass Tatarstans Einwohner Perfektionisten seien, ehrgeizig und pragmatisch, die ihre handwerklichen Fertigkeiten fortwährend verbesserten, dass sie gegenüber ihrer Geschichte ein gewisses Gefühl des Verlustes empfanden und eher materialistisch als idealistisch orientiert waren.

    Die Ergebnisse solcher Nachforschungen mögen willkürlich erscheinen, doch sie hätten, meint Alex Grand, einigen Initiativen der Regierung Tatarstans Struktur verliehen. Schulen und Universitäten arbeiteten die Stichwörter der Grands in ihre Lehrpläne ein; Architekten legten sie ihren Plänen zugrunde. Die Tourismusbranche, die zuvor gegenüber der Industrie vernachlässigt wurde, bekam nun größere Aufmerksamkeit, ein eigenes Ministerium und ein größeres Budget. Sogar ein Lkw-Hersteller machte Anleihen bei Instids Beschreibung tatarstanischer Robustheit, um seine Produkte zu vermarkten. Für Grand zeigt sich an Tatarstan, wie ihre Identitätsschärfung den Haushalt und die Prioritäten einer Regierung beeinflussen und das Bewusstsein einer Bevölkerung verändern kann.

    Zentral für die Kampagne war Tatarstans fest verankerter Glaube an die Wirkungsmacht nationaler Identität. Die Tataren der Region, die ungefähr 55 Prozent der Bevölkerung ausmachen, sind Muslime; die Slawen, die 40 Prozent stellen, sind orthodoxe Christen. Die beiden Gruppen seien wie Öl und Wasser, sagte ein offizieller Vertreter gegenüber Alex Grand einmal – sie tolerierten einander, vermischten sich aber kaum. Und: In das Verhältnis hatte sich eine gewisse Befangenheit geschlichen. In dem Jahr, in dem die Kampagne begann, wurde in der Region eine Reihe von Brandanschlägen auf Kirchen verübt. Ein junger Imam räumte Instid gegenüber ein, er habe Angst vor einer Radikalisierung – Geistliche aus der Region würden in den Nahen Osten gehen und mit einer strengeren Auslegung des Islam zurückkehren.

    Die Regierung Tatarstans wollte nicht nur der Außenwelt eine Identität präsentieren, sondern diese auch nach innen wirken lassen, um religiösen und ethnischen Brüchen entgegenzuwirken. Es handelte sich um die ambitionierteste Form der nationalen Mythenbildung, und zugleich um die riskanteste: die Menschen daran zu erinnern – oder ihnen vielleicht zum ersten Mal zu erklären –, was sie miteinander verband und warum sie zusammengehörten.

    Eine zynische Lüge

    Die Veränderungen der Identität eines Landes gehen langsamer vonstatten als die eines Produktes oder eines Unternehmens, und es ist daher noch zu früh, um zu beurteilen, ob derartige von oben verordnete Neuausrichtungen einer nationalen Identität auf sinnvolle Weise verfangen haben. Wenn etwas schiefläuft, zeigt sich das jedoch schnell. „Die meisten Nation-Branding-Strategien scheitern, und sie scheitern krachend“, sagt José Torres, der Direktor von Bloom Consulting, einer Agentur für Nation-Branding in Madrid. „Sie scheitern in erster Linie, weil die Regierungen nicht über die Mittel verfügen, sie sinnvoll umzusetzen.“ Zugleich liege ja immer im Bereich des Möglichen, dass die Bürger mit einer Kampagne nichts anfangen können oder sogar gegen sie aufbegehren.

    Simon Anholt, der Pionier und Wegbereiter der Branche, übt heute scharfe Kritik an der Arbeit von PR-Firmen und Werbeagenturen, die keinen Unterschied zwischen einem Land und einem Unternehmen wie Coca-Cola machen. Hört man ihm zu, bekommt man den Eindruck, er bereue, den Begriff des „nation brand“ geprägt zu haben, weil er sieht, wie dieser zu „nation branding“ verkommt: zynischem Marketing, bar jeder wirklichen Veränderung. „Das Ärgerliche an der Lüge namens Nation-Branding“, so Anholt, „ist, dass sie so viele Länder, die sich das wirklich nicht leisten können, dazu bringt, gewaltige Summen für sinnlose Propaganda-Programme auszugeben, von denen einzig die PR-Agenturen profitieren.“

    PR-Profit: Propaganda

    Das Wort „Propaganda“ ist hier nicht fehl am Platz. Die Beschäftigung mit nationaler Identität war in der Vergangenheit oft ein Vorläufer von Phasen der Unterdrückung: Wenn eine Nation festlegt, wie jemand zu sein hat, um dazuzugehören, legt sie gleichzeitig auch fest, wer nicht dazugehört. „Vielfalt und Austausch sind das Lebenselixier von Freiheit. Gleichzeitig sind sie die Feinde des Brandings“, schrieb Naomi Klein 2002, nachdem die US-Regierung einen Berater engagiert hatte, um die Marke USA im Ausland aufzupolieren. „Anders als Markenprodukte ist Demokratie unübersichtlich und widerspenstig, wenn nicht gar offen rebellisch“, schrieb Klein weiter. Eine nationale Marke zu entwickeln und aufzuhübschen sei „nicht nur nutzlos, sondern sogar gefährlich“.

    Die Vorstellung eines nationalen oder regionalen Charakters – dass etwa die Menschen in Lipezk und Woronesch sich wesentlich voneinander unterscheiden, obwohl die Grenzen, die sie trennen, erst wenige Jahrzehnte alt sind – ist problematisch. Doch Versuche von Machtinstitutionen – Kirchen, Königen, Regierungen –, einen solchen Charakter zu definieren und zu manipulieren, sind kaum neu. Eine Nation, sagte der Philosoph Ernest Renan 1882, sei ein „großer Zusammenhalt“, ihre Existenz „ein tägliches Plebiszit“. Sie müsse Dinge über sich selbst erinnern – und vergessen –, ein ebenso konstanter wie verbreiteter Vorgang.

    Der Politikwissenschaftler Benedict Anderson betrachtet diese Konstruktion und Rekonstruktion von nationaler Identität als einen Akt der Imagination. Die herrschenden Eliten haben Nationen herbei-imaginiert, seit der Kapitalismus sich mit der Druckerpresse vermählt hat. Die Verbreitung von Identitätsvorstellungen war dabei genauso wichtig wie ihre Entstehung. Früher fand all das mit Hilfe von Zeitungen und Büchern statt, heute – in einer wesentlich höheren Geschwindigkeit – über Werbebanner, internationale Gipfeltreffen, Investment-Informationsveranstaltungen und Produktplatzierung in Filmen. Der Vorgang ist künstlich nur insofern, wie der Nationalstaat selbst künstlich ist. All dem liegt letztlich die politische Angst zugrunde, die Nation könnte als wichtigste Einheit der Weltpolitik ersetzt werden. Jene Bereitschaft also, Markenexperten zu engagieren, wäre dann eine Art Reaktion auf die drohende Bedeutungslosigkeit – ein Versuch von Nationen und Regionen, sich selbst neu zu definieren. Und ein Versuch, darauf zu beharren, dass sie noch immer unverzichtbar sind.

    Nach der Hälfte ihres Aufenthaltes in Lipezk fuhr Natasha Grand in den Norden der Region, in ein Dorf, das früher Astapowo hieß. 1910 starb der Romancier Leo Tolstoi hier. Nach einem Ehekrach mit seiner Frau hatte er das gemeinsame Haus in der angrenzenden Region Tula verlasen und einen Zug bestiegen. Doch sein Abteil dritter Klasse war zugig und verraucht, Tolstoi wurde krank und musste schließlich in Astapowo Halt machen. Ein Arzt verordnete ihm im Haus des Bahnhofsvorstehers Bettruhe, wo sein Schüttelfrost sich zu einer Lungenentzündung auswuchs, an der er eine Woche später verstarb.

    Die Bahnhofsuhr steht bis heute auf 6.05 Uhr, dem Zeitpunkt seines Todes. Im Haus des Stationsvorstehers hat man ein Museum eingerichtet, in dem Tolstois Totenbett so erhalten ist, wie es 1910 bestand: eine schmale Pritsche in der Ecke, an ihrer Fußseite ein Stuhl. Auf der Tapete hinter dem Bett lassen sich die Umrisse seines Kopfes erahnen, mit der knolligen Nase und dem ausgefransten Bart. Dabei hätte Tolstoi sich ja genauso gut wieder mit seiner Frau versöhnen oder einen anderen Zug nehmen können, er hätte auf seiner Reise erst später erkranken oder woanders aussteigen können. Dass er in Astapowo strandete und starb, war reiner Zufall, wie alle nationalen Ursprungserzählungen. Doch Astapowo stürzte sich auf diese Laune der Geschichte, und ließ sie nicht mehr los. 1932 änderte das Dorf seinen Namen. Auf der Landkarte heißt es heute Lew Tolstoi.

    Samanth Subramanian lebt und arbeitet als Journalist und Autor in Dublin. 2014 veröffentlichte er das Buch This Divided Island über den Krieg in Sri Lanka

    Übersetzung: Holger Hutt

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  2. Porträt | Politur-Politiker
    Cyril Ramaphosa muss als designierter Präsident Südafrikas dem ANC wieder moralische Integrität verschaffen

    Undenkbar, dass sich der Afrikanische Nationalkongress (ANC) noch länger auf seine außergewöhnliche Geschichte und das Vermächtnis der historischen Führer beruft, die einst das Apartheid-System zu Fall brachten. Der Partei fliegen Sympathien und Stimmen nicht mehr zu wie in der Zeit Nelson Mandelas. Sie wird zusehends unpopulärer, weil einfach zu oft bewiesen wurde, wie inkompetent, selbstgefällig und korrupt ihre Spitzenpolitiker sein können. Allen voran der derzeitige Präsident Jacob Zuma.

    Umso mehr markiert es einen Wendepunkt, dass der ANC-Kongress im Dezember Cyril Ramaphosa zum neuen Vorsitzenden und designierten Präsidenten Südafrikas bestimmte. Die Delegierten haben damit sich, ihrem Land und der Welt einen Gefallen getan. Mit dem 65-jährigen Unternehmer und Anwalt eröffnet sich die Chance, jene moralische Autorität zurückzugewinnen, die der Regenbogennation einst zufiel, aber durch die verheerende Praxis der Gegenwart abhandenkam. Ramaphosa könnte ein Versinken des Landes im Morast der Korruption und die Rückkehr zu rassistisch geladener Rhetorik aufhalten, mehr nicht. Vorerst zumindest. Würde statt seiner Nkosazana Dlamini-Zuma, die Ex-Frau Jacob Zumas, heute den ANC führen (sie hatte sich auf dem ANC-Treffen emphatisch beworben), wäre der Absturz Südafrikas in die Untiefen einer Erbkleptokratie besiegelt. Dlamini-Zuma hätte mutmaßlich alles getan, um ihren früheren Mann vor jeder Sühne für Korruption in 783 Fällen zu schützen.

    Ramaphosa hingegen könnte helfen, den Optimismus wiederherzustellen, der Südafrika vor knapp einem Vierteljahrhundert beseelte, als es vom Joch der Apartheid befreit wurde. Als junger Rechtsanwalt war er an der Seite Mandelas, als der nach 27 Jahren Haft am 11. Februar 1990 aus dem Victor-Verster-Gefängnis freikam. Später wurde Ramaphosa oft als Nachfolger gehandelt, unterlag dann aber Thabo Mbeki, der 1999 die Präsidentschaft übernahm.

    Ramaphosa ging daraufhin in die Wirtschaft, wurde als früherer Gewerkschafter zu einem der reichsten Männer des Landes und steht für die akzeptable Seite des südafrikanischen Kapitalismus. Er verkörpert zugleich die breite Kluft zwischen einer kleinen neuen schwarzen Elite und dem Heer der Armen. Südafrika zählt zu den Ländern der südlichen Hemisphäre, deren soziales Gefälle krasser kaum sein könnte. Nicht allein ein Erbe der Vergangenheit, denn seit dem Ende einer institutionalisierten Segregation im Jahr 1994 ist die Ungleichheit weiter gewachsen. Die ethnische Zugehörigkeit entscheidet über Einkommen, Bildung, Job und Wohlstand. Die reichsten zehn Prozent der Südafrikaner – hauptsächlich, aber nicht nur Weiße – verdienen mehr als 60 Prozent des nationalen Einkommens und verfügen über mit Europäern vergleichbare Vermögen. Neun Zehntel der Bevölkerung, fast alle schwarz, gehören zu den Ärmsten eines Kontinents.

    Ramaphosa kennt die Wirtschaft aus erster Hand und weiß, dass die Handelsliberalisierung in den 1990er Jahren die Reichsten noch reicher werden ließ, während die Verletzlichsten in den Townships auf der Strecke blieben. Aufgrund seiner Expertise als Manager, der sowohl die Gewerkschaft der Minenarbeiter als auch Bergbau-Unternehmen geführt hat, dürfte Ramaphosa bewusst sein, dass der Boom auf dem Weltrohstoffmarkt zwischen 2000 und 2010 keine neuen Arbeitsplätze brachte. Die Erwerbslosenquote Südafrikas verharrt seither bei 25 Prozent, wobei von den Jungen zwischen 15 und 24 sogar jeder Zweite keine Arbeit hat. Was soll unter diesen Umständen von sozialer Harmonie in einer Nation übrig bleiben, die eine der höchsten Mordraten weltweit aufweist? Wenig überraschend setzt Ramaphosa auf ein Programm, in dem es heißt, die größte Volkswirtschaft Afrikas müsse jedem Erwerbsarbeit anbieten, der bereit sei, sich zu bilden und „in Sozialpartnerschaften zu integrieren“. Nur so könne die Regenbogennation wieder dem gerecht werden, was sie vor fast 25 Jahren in der Stunde ihrer Geburt sein wollte: ein Hort der Wohlfahrt und Gerechtigkeit für jeden, unabhängig von seiner Hautfarbe.

    Ramaphosa muss als Frontmann des ANC auch deshalb überzeugen, weil die oppositionelle Demokratische Allianz (DA) weiter auf dem Vormarsch ist und mittlerweile die drei wichtigsten Städte des Landes regiert. Sie attackiert den ANC von rechts wie die lautstarken Economic Freedom Fighters von weit links. Diese Fronten des Widerstandes können den Nationalkongress Präsidentschaft und Regierung kosten, wenn nicht 2019, dann beim nächsten Votum, falls die Vetternwirtschaft der kleinen regionalen Parteifürsten nicht gebannt wird. Die dazu gebotene Katharsis freilich ist nicht in Sicht.

    Es rächt sich, dass der ANC jahrzehntelang eine Befreiungsbewegung war und sich zur politischen Partei wandelte, ohne eine kohärente ideologische Roadmap für das Regieren zu besitzen. Das macht sich bemerkbar, seit Mandela die politische Bühne verlassen hat. Mit Cyril Ramaphosa wird es kaum möglich sein, dieses Defizit – genau genommen ein Desaster – zu beheben. Er ist weder Philosoph noch geistiger Mentor, doch kann er nach dem zuletzt erbitterten Kampf um die Führung den ANC innerlich so weit befrieden, dass die Partei bei der 2019 anstehenden Wahl besser besteht, als sich das bisher abzeichnet. Ramaphosas Ziel muss es sein, die wohl unvermeidlichen Stimmenverluste gering zu halten und in keine Koalition mit der Demokratischen Allianz gezwungen zu werden.

    Jason Burke ist langjähriger Afrika-Korrespondent des Guardian

    Übersetzung: Carola Torti

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  3. Star Wars | Mann solo
    Wer lernt aus den eigenen Fehlern? Toxische Männlichkeit ist der wahre Schurke im neuen Film

    Achtung, dieser Text verrät wesentliche Inhalte von Die letzten Jedi der Star-Wars-Reihe: Als der Pilot des Widerstands Poe Dameron, gespielt von Oscar Isaac, in Das Erwachen der Macht (die siebte Episode der Sci-Fi-Serie, d. R.) auf die Leinwand kam, sahen ihn viele als den Han Solo der neuen Generation. Der Vergleich passt. Wie Han ist Poe ein junger Draufgänger, dessen gutartige Hitzköpfigkeit ihn ebenso in Schwierigkeiten bringt, wie sie ihm hilft, sich aus diesen zu befreien. Er ist keiner der Hauptcharaktere, trotzdem hat Poe in Die letzten Jedi viel zu tun.

    Es ist wieder die Rolle des verwegenen Piloten, die Han schon in der Original-Trilogie spielte. Aber Regisseur Rian Johnson nutzt diesen Archetypus, um etwas komplett anderes über Heldentum, Führerschaft und – vielleicht am wichtigsten – über Männlichkeit zu erzählen.

    In der Original-Trilogie wird Han als der ultimative tolle Hecht dargestellt. Im Rahmen heteronormativer Vorstellungen ist er der Typ, der jeder Mann selbst gern sein und mit dem jede Frau gern zusammen sein sollte. Dagegen wird Poe in Die letzten Jedi als ein Charakter präsentiert, den mansplaining – also Frauen überheblich die Welt zu erklären – nicht weiterbringt. Stattdessen gilt es, von den erfahreneren Frauen zu lernen.

    Galaxiengroße Egos

    Das heißt nicht, dass man Poe nicht mögen kann. Sowohl der Film als auch die Charaktere in der Welt des Films bewundern seine Art. Aber – und das ist das Interessante – nicht als Anführer. Stattdessen setzt Star Wars 8 die Widerstandsanführerinnen General Leia Organa und Vizeadmiral Holdo und ihre Reife über Poes machomäßigen Tatendrang. „Es war ihr wichtiger, das Licht zu schützen, als als Heldin dazustehen“, erklärt Leia Poe, als Holdo sich opfert. Sie unterläuft damit den ermüdeten Erzähltrend vom Alphamännchenhelden als einzig möglichem oder bestem Anführer. „Nicht jedes Problem lässt sich lösen, indem man in einen X-Wing steigt und etwas in die Luft sprengt“, erklärt Leia dem besten X-Wing-Piloten des Widerstands, bevor sie ihn wegen eigenmächtigen Handelns degradiert. So viel zu seiner Selbstüberschätzung.

    Poe ist nicht der Einzige im Film, der sich in seinen Vorstellungen von Männlichkeit verfängt. Die letzten Jedi ist voller männlicher Charaktere, die Leid verursachen oder selbst leiden. Weil sie unfähig sind, auf gesunde Weise mit ihren Gefühlen umzugehen und sie zu bearbeiten. Luke Skywalker etwa flieht auf eine abgelegene Insel und gibt seine Familie, seine Religion und seine Mission auf, weil er sich seinem Versagen nicht stellen kann. Dann ist da noch Leias Sohn Kylo Ren, der versucht, die Macht über eine ganze Galaxie zu übernehmen (wie man das halt so macht), weil er mit Lukes Verrat und seinem eigenen Mord an seinem Vater nicht umgehen kann. Er ist unfähig, seinen eigenen Taten ins Auge zu sehen. Luke kann sich nicht verzeihen, welche Rolle er seiner Meinung nach bei Ben Solos Wechsel auf die dunkle Seite der Macht gespielt hat – was von einem ganz schön großen Ego zeugt. Kylo Ren dagegen ist unfähig, auch nur die geringste Verantwortung für die Ermordung der anderen Jedi-Schüler, seines Vaters und eines Großteils der Galaxie zu übernehmen.

    Kylo Ren ist ein Charakter, über den man sich leicht lustig machen kann (was übrigens sein größter Alptraum ist). Aber das schmälert nicht seine Macht als Schurke. Er ist beängstigend, weil er an reale Männer erinnert, in denen sich Wut, Frustration und Trauer konzentrieren. Was sie dazu bringt, auf jene einzuprügeln, die ihnen vermeintlich genommen haben, was ihnen zusteht.

    Die emotionale Arbeit, die für Luke und Kylo Ren notwendig ist, damit ihre Themen abgearbeitet werden, wird von einer Frau geleistet: Rey. Ähnlich wie Leia und Holdo Poe helfen, dessen Helden-Komplex zu überwinden, ist Rey eine Zeitlang damit beschäftigt, Luke und Kylo Ren dazu zu bringen, mit ihren Emo-Problemen fertigzuwerden, damit sie die Galaxie für die Guten retten können.

    Während Rey es schließlich schafft – mit Hilfe Yodas –, zu Luke durchzudringen, hat Kylo Ren kein Interesse daran, aus seinen Fehlern zu lernen. Diese Lebensphilosophie wird von seinem selbst gewählten Mentor Snoke bestärkt. Während Leia nach Möglichkeiten sucht, die Macht zu teilen oder sie weiterzugeben, ist es kein Zufall, dass es Rens einziger Weg an die Spitze ist, den autoritären Machthaber vor ihm zu töten. Es ist ein gewaltsames, nicht nachhaltiges System, das die Vergangenheit in einem egozentrischen Streben nach mehr Macht vernichtet, und damit alle mögliche Weisheit, die sie repräsentiert. Letztlich ist der Showdown zwischen Kylo und Luke ein Ablenkungsmanöver wie fast jeder Streit, in dem es nur ums Ego geht – der lernfähige Luke weiß das, aber Kylo Ren nicht. Die Macht existiert nur, wenn man ihr die Macht gibt. Und Luke spielt das Spiel nicht länger mit. Er schiebt seine Schande und Selbstverachtung beiseite, um dem Widerstand zu helfen. Das unterscheidet die beiden voneinander. Luke versteht, dass es nicht darum geht, die Vergangenheit auszulöschen, sondern darum, sich mit den Emotionen zu konfrontieren, die sie aufwühlt. Man könnte sogar sagen, dass die Entwicklung dieser emotionalen Intelligenz der Unterschied ist zwischen Dunkelheit und Licht.

    Nur wer rettet, siegt wirklich

    „Ich kann nicht noch jemanden verlieren“, sagt Leia zu Holdo, bevor diese sich für den Widerstand opfert. „Doch, das kannst du“, antwortet Holdo. Und zwar nicht, weil General Leia keine Gefühle hätte – ganz im Gegenteil, wie man selbst in ganz kurzen Momenten sieht. Sondern weil Leia längst gelernt hat, ihre Gefühle zu verarbeiten. General Leia muss die Macht nicht nutzen, sie hat bereits eine Superkraft.

    Die letzten Jedi ist voller Frauen, die Männern zu erklären versuchen, dass deren Taten Konsequenzen außerhalb ihrer eigenen Heldenreise haben. Dass Ehre und Stolz und Sieg niemals das Wichtigste sind – zumindest nicht für die größere Sache. Und dass diejenige Entscheidung am besten für die Gruppe ist, die von der Gruppe und ihren gewählten Führern selbst getroffen wird, und nicht von einem Alphamännchenhelden, der denkt, dass er es am bestens weiß.

    In der Original-Trilogie rettet Han Solos Draufgängerheldentum regelmäßig die Lage, und wenn es das nicht tut, treffen die Konsequenzen hauptsächlich ihn allein. Eine schöne Fantasie: dass wir uns aus der gesellschaftlichen Verantwortung ausklinken können.

    Das wünscht sich auch der von Benicio del Toro gespielte Code-Brecher. Doch wie Rose Finn in Canto Bight erklärt, handelt es sich dabei um eine Täuschung, die häufig durch das Privileg gestützt wird, wegschauen zu können, und die sozialisierte Fähigkeit, den eigenen Stolz oder die eigene Eitelkeit über das kollektive Wohl zu stellen. Poes Einzelgänger-Aktionen – etwa Rose und Finn nach Canto Bight zu schicken – funktionieren nicht nur nicht, sondern führen zur fast vollständigen Auslöschung der gesamten Widerstandsarmee.

    Doch anstatt Poe für seine gut gemeinten Fehler zu bestrafen, nehmen sich Leia und Holdo die Zeit, ihm zu erklären, warum sein Plan gescheitert ist. Damit schenken sie Poe Energie, Mitgefühl und Vergebung. Diese Mühe steht in krassem Gegensatz zum Führungsstil ihres Gegners Snoke, der eher von Manipulation als von Lehren geprägt ist. Wissen zu teilen ist eine Form des Machtabgebens, etwas, das Snoke und seine vom eigenen Ego getriebene Philosophie niemals erlauben würden.

    Echte Geschlechtervielfalt entsteht durch die Anerkennung dessen, dass niemand vom herrschenden patriarchalischen System profitiert – nicht einmal die Poe Damerons dieser Welt. Die letzten Jedi weigert sich, seine männlichen Helden auf eine Weise zu verherrlichen, die schädliche Erwartungen hervorruft. Der Film zeigt, dass man nicht „gewinnt“, indem man bekämpft, was man hasst. Man muss retten, was man liebt. Und unterscheiden zwischen denen, die wie Kylo Ren nicht in der Lage sind, Verantwortung für eigene Taten zu übernehmen, und denen, die aus dem Erkennen der eigenen Fehler lernen.

    Sehr einfühlsam werden in dieser Geschichte die Gefahren toxischer Männlichkeit, die Kompetenzen von Frauen und die Schubladen thematisiert, aus denen die Menschen ausbrechen müssen, um frei zu sein.

    Kayti Burt ist eine britische Autorin und Mitbetreiberin des britischen Filmblogs Den of Geek. Dort ist ihr Text zuerst erschienen

    Übersetzung: Carola Torti

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  4. Inklusion | Jetzt haben sie Namen
    Wie integriert man psychisch Kranke in die Gesellschaft? In Osijek in Kroatien versucht man es mit Selbstbestimmung

    Hohe Mauern umgeben die älteste psychiatrische Einrichtung auf dem Balkan, ein Gebäude aus dem 18. Jahrhundert, an dem noch immer die Narben des jugoslawischen Bürgerkriegs der 90er Jahre zu sehen sind. Doch die Tore sind nicht mehr verschlossen. An den Türen im Inneren wurden die Klinken ausgetauscht und die Gitter von den Fenstern entfernt. „Das Gefängnis“, sagt Darko Kovaoic, ein hier lebender, 53 Jahre alter Dichter mit Schizophrenie, „ist aufgebrochen.“

    Die Einrichtung im ostkroatischen Osijek wird von Ladislav Lamza geleitet, einem früheren Sozialarbeiter, der sich bei der Regierung, dem Gesundheitsminister und seinen eigenen Angestellten dafür einsetzt, das Leben der „Leistungsempfänger“ zu verändern. Denn bis vor ein paar Jahren handelte es sich bei der Einrichtung noch um eine Nervenheilanstalt alter Schule. Im Mai 2015 nahm Lamza das Schild mit der Aufschrift „Heim für Geisteskranke“ ab, ersetzte es durch „Zentrum für Menschen wie wir“ – und begann damit, die Insassen nach draußen zu lassen. „In diesem kurzen Satz bringen wir vieles zum Ausdruck“, sagt Lamza. „Denn in den vergangenen zwei Jahrzehnten haben wir genau das Gegenteil gemacht und gesagt: ‚Ihr seid nicht wie wir, ihr seid hässlich und verrückt, und ich bin nicht wie ihr.‘ Auf diese Art werden Menschen für den Rest ihres Lebens ausgeschlossen, stigmatisiert und eingeschränkt.“

    Weniger Pillen, mehr Kuchen

    Die von Lamza angestoßene Umgestaltung sorgte erst mal für Entsetzen und Verärgerung: Ein Mitarbeiter äußerte sogar die Ansicht, es handle sich hier um Leute, die man besser „ausmerzen“ sollte. In vier Jahren sind 172 der 200 Insassen erfolgreich in Wohngemeinschaften übersiedelt, kreuz und quer über die Kleinstadt verteilt. Betreuerinnen des Zentrums besuchen sie je nach Bedarf.

    Als seine Einrichtung sich nach und nach zu leeren begann, schmiss Lamza die Bettgestelle aus Metall und die fleckigen Matratzen weg. Auch wenn an den Wänden noch immer die Farbe abblättert und das Mobiliar zerkratzt und abgenutzt ist, ist es ihm doch gelungen, die kargen, seelenlosen Stationen in Räume für Tagesklassen, eine Bibliothek und ein Café umzuwandeln, wo ehemalige Patientinnen zeigen, wie man Palatschinken zubereitet. Viele kommen täglich vorbei, um im Garten nach dem Kohl zu sehen oder sich mit dem Personal zu unterhalten. Die Mitarbeiter sind keine Hausmeister, Schwestern, Köche oder Reinigungskräfte mehr, sondern heißen nun „Betreuungsassistentinnen“ und „Betreuungsassistenten“. „Die Umgestaltung ist großartig“, sagt Butkovic Jadranka, der hier früher als Friseur gearbeitet hat, heute Nähkurse gibt und Einkaufs- und Theaterfahrten organisiert.

    Slavica Hip ist vor drei Jahren aus dem Heim ausgezogen und lebt jetzt mit ihrem Freund zusammen in Osijek. „In der Einrichtung habe ich mehr Pillen geschluckt. Draußen konnte meine Medikation heruntergefahren werden. Ich fühle mich besser“, berichtet sie. „Als wir zum ersten Mal von den Plänen des Direktors hörten, machte ich mir Sorgen. Wir alle machten uns Sorgen. War er vielleicht ein wenig übergeschnappt? Heute aber ist alles völlig anders. Früher waren die Insassen wie Objekte, nichts weiter als Nummern. Wie auf einem Fließband. Ich habe nie jemanden nach seinem Namen gefragt. Jetzt sind sie meine Freunde. Das sind keine gefährlichen Verrückten, sie sind zu Mitbürgerinnen und Nachbarn geworden.“

    Vor zehn Jahren hat Kroatien die UN-Konvention zu den Rechten von Menschen mit Behinderungen unterzeichnet, aber Osijek ist die einzige der 24 Nervenheilanstalten des Landes, die den Geist dieses Dokumentes auch umsetzt. „Wir haben mit überkreuzten Fingern unterzeichnet. Die Regierung will die Leute noch immer lieber wegsperren, Menschen mit Behinderungen, egal, ob physisch oder psychisch, haben keine Rechte. Es gibt vier Gründe, warum Inklusion besser ist als Exklusion“, sagt Lamza. „Sie ist besser für den Einzelnen, besser für die Gesellschaft, sie ist legal und sie ist billiger.“ In der Einrichtung kostete ein Patient im Monat 1.062 Euro, außerhalb sind es nur 860 Euro. „In der ersten Nacht, nachdem ich die Leute hatte gehen lassen, habe ich kein Auge zugemacht: Wird sie jemanden verletzen? Wird er zurechtkommen? Aber es gab keine Probleme. Die Menschen haben sich vielmehr bei uns bedankt, dass wir ihnen die besten Nachbarn gegeben haben, die sie jemals hatten!“

    Nachdem sie zwölf Jahre in Einrichtungen verbracht hat, wohnt Branka Reljan seit drei Jahren mit ihrem Partner Drazenko Tevlli in einer Wohnung in der Stadt. Die 55-Jährige spricht fließend Deutsch und Englisch, hat aber seit ihrer Studienzeit mehrere Nervenzusammenbrüche erlitten und die Wünsche und Ziele, die sie früher hatte, längst aufgegeben. Heute bereitet es Branka und Drazenko große Freude, Cafés und Geschäfte zu besuchen. „Wir haben uns in der Einrichtung kennen gelernt, aber da dort keine Beziehungen erlaubt sind, haben wir unsere Beziehung elf Jahre lang geheim gehalten. Ich sage, dass ich vorher im Gefängnis war. Heute backe ich für mein Leben gern Apfelkuchen und kaufe Gewürze und Öle zum Kochen ein. Es ist wunderbar, unsere eigenen Schlüssel zu besitzen, frischen Saft zu kaufen und mit dem Bus zu fahren. Wir sind glücklich.“ Sollten andere Heime in Kroatien Lamzas Sozialisierungsmodell folgen wollen, wäre das für sie weitaus schwieriger, da die meisten in großer Entfernung zu größeren Städten errichtet wurden.

    Rada Matoš ist die Leiterin des Heims für psychisch kranke Erwachsene in Ljeskovica, tief im Pozega-Wald, eine Autostunde von Osijek entfernt. Lamza beschreibt es als „Depot für verlorene Seelen“. Matoš sagt, sie gebe ihr Bestes für die 284 Bewohner, Kroatien sei aber ein armes Land, die Einrichtungen seien unterfinanziert und psychische Erkrankungen immer noch stigmatisiert. „Wir haben weder Psychologinnen noch Psychiater, kein Hauptberuflicher will hier rauskommen, daher sind wir in der Gegend absurderweise der größte Arbeitgeber für ungelernte Arbeiter. Es ist zu weit für die Verwandten, um ihre Angehörigen zu besuchen. Es gibt hier nur ein winziges Dorf voller ungebildeter Leute, für die das hier das Irrenhaus ist.“ Die Warteliste ist lang, und nur wenige verlassen die Einrichtung wieder. „Wir versuchen den Menschen zu erklären, dass es sich bei psychischen Leiden um Krankheiten handelt, laden Familien und Schülergruppen ein. Wirklich nötig wäre aber eigentlich, dieses Gebäude zu verpflanzen, irgendwohin, wo es so etwas wie gesellschaftliches Leben gibt.“ In den Außenanlagen und auf den Korridoren stehen oder gehen die Menschen in schäbigen Kleidungsstücken, die ihnen entweder zu groß oder zu klein sind. Mirjama Nikoli lebt seit 18 Jahren in Einrichtungen. Die Augen der 38-Jährigen glänzen von der Medikation, die in all den Jahren nie verändert wurde. Jedem, den sie trifft, erzählt sie von ihrer Tochter, die man ihr nahm, als die ein Baby war. „Ich war krank wegen meiner Nerven, aber jetzt leide ich wegen meines Babys“, sagt sie. In Osijek ist man überzeugt, dass das Leben draußen besser ist. Das Schwierigste sei, die Menschen dazu zu bringen, Stühle zu benutzen, erzählt eine Betreuungsassistentin. „In der Einrichtung hockten sie sich einfach in die Gänge und rauchten. Hinhocken, rauchen, ein bisschen herumlaufen, wieder hinhocken. Was hätten sie denn sonst auch groß tun sollen? Nur in Hausschuhen, denn sie sind nie nach draußen gegangen. Dass sie sich auf Stühle setzen, kann zwei Monate dauern. Dann gehen sie in die Geschäfte, kaufen ihre eigenen Lebensmittel, ihre eigenen Kleidungsstücke, bürsten sich die Haare, führen ihr eigenes Leben. Sie sind nicht wiederzuerkennen.“

    Natürlich funktioniert das nicht für jeden. Der 64-jährige Zdenko Kovac wurde wegen Mordes verurteilt. Er wird zwar nicht als so gefährlich eingeschätzt, dass er in einer geschlossenen Abteilung untergebracht werden müsste, aber er kam draußen einfach nicht zurecht und ging zurück. Für andere war es nie der richtige Ort – wie etwa Luka Bobanovic. „Als er zu uns kam, war er sehr durcheinander“, erzählt Lamza. Er schlug Türen und Fenster ein. Jetzt lebt er mit drei anderen in einem Bungalow mit Rund-um-die-Uhr-Betreuung.

    Tracy McVeigh ist Chefreporterin des Observer

    Übersetzung: Holger Hutt

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  5. Irak | Das Fest der Fliegen
    In den letzten Tagen der Schlacht um Mossul begleitete Ghaith Abdul-Ahad Soldaten der Nationalarmee. Er wurde Zeuge von Folter und Exekutionen

    Der irakische Premier Haider al-Abadi ist bereits seit Tagen in Mossul, irgendwo an einem sicheren Ort, heißt es. Er will den Sieg über die letzten Widerstandsnester des Islamischen Staates (IS/Daesh) und damit die völlige Rückeroberung der Stadt verkünden. Doch Anfang Juli 2017 ist es noch nicht so weit, in der Altstadt bleibt der Vormarsch den alles entscheidenden Durchbruch schuldig.

    Am Abend eines der letzten Kampftage sitzt eine Gruppe junger Offiziere in einem beschlagnahmten Haus beim Essen. In Rufweite liegt die zerstörte Moschee, in der fast genau drei Jahre zuvor Abu Bakr al-Baghdadi als Emir des IS das neue Kalifat ausgerufen hat. Kurz zuvor war Mossul im Namen des Dschihad erobert worden, und der IS schien vor dem Marsch auf Bagdad zu stehen, zumindest aber im sunnitischen Kernland eine neue, barbarische Autorität zu sein.

    Am Kopf der Tafel sitzt der Kommandeur, neben sich zwei Majore. Da die militärische Rangordnung eingehalten wird, bevölkern die jüngeren Offiziere das andere Ende des Tisches. Eigentlich möchte der füllige Kommandeur abnehmen, doch heute ist ein besonderer Tag; er hat dem Koch die Erlaubnis erteilt, Fleisch zu servieren. In den vergangenen Stunden hat die Einheit ohne eigene Verluste einen weiteren Straßenzug in der Altstadt eingenommen. Um dies zu feiern, gibt es in Okra eingelegtes Brot und gebratenes Fleisch, das geschnetzelt über Berge von mit Nüssen und Rosinen aromatisiertem Reis verteilt ist. Vor acht Monaten begann der Sturm auf Mossul, der nie ein Ansturm war und ohne die Luftunterstützung der Amerikaner noch schwerfälliger ausgefallen wäre. Seither ist das Kalifat auf ein überschaubares Areal zwischen Tigris und anrückenden Armeekolonnen geschrumpft. Tausende IS-Kämpfer sitzen in der Falle, ohne fließendes Wasser, mit schwindenden Vorräten an Munition, Lebensmitteln und Medikamenten, Tag und Nacht bombardiert von Drohnen und Jets der US-Armee, umgeben von Zivilisten, die nicht fliehen können oder wollen. Wer aus dieser Hölle ausbricht, ist durch den permanenten Beschuss halb wahnsinnig vor Angst und Schrecken.

    Ein Gefangener als Geschenk

    Die Offiziere, die an diesem Abend zum Essen zusammenkommen, kämpfen oft schon Jahre gegen den IS, haben aber noch nie erlebt, was ihnen bei dieser Schlacht mit den erbitterten Straßen- und Häuserkämpfen widerfährt. Manchmal lässt sich der Raumgewinn in den Gassen der Altstadt, in wuchtigen Steinhäusern, verschlammten Abwasserkanälen und Kellern nur in Metern messen. „Wir haben noch zwei, drei Gefechte vor uns – dann wird Mossul völlig befreit sein, inschallah“, tönt der Kommandeur, bevor er sich über seinen Teller beugt. Ein Hauptmann, sichtlich gezeichnet von einer Verletzung, bemerkt während des Essens: „Unsere Väter nannten einst den Krieg zwischen Iran und Irak den Langen Krieg. Er begann 1980 und dauerte acht Jahre – der Krieg gegen Daesh wird das übertreffen.“

    Als das Abendmahl beendet ist, sollen sich die Offiziere die Militärkarten auf ihren Smartphones ansehen. „Morgen nehmen wir die nächste Straße bis zu diesem Verwaltungshochhaus, damit unsere Scharfschützen die ganze Gegend im Griff haben und der Vorstoß zum Fluss erleichtert wird“, hören sie. „Eure Flanken werden von anderen Kräften gesichert. Habt ihr das Gebäude eingenommen, ist das Schlimmste überstanden.“

    Schon jeder Hauch von Gnade galt als Schwäche: Irakische Spezialkräfte in Mossul am 8. Juli

    Foto: Martyn Aim/Corbis/Getty Images

    Bevor sie auseinandergehen, fragt ein drahtiger junger Offizier namens Taha* den Kommandeur: „Was machen wir mit den zwei Gefangenen?“ Die beiden hatten die Frontlinie überquert und sich zusammen mit einem Zivilisten versteckt, der sie dann aber als mutmaßliche IS-Kader an die Armee verriet. „Wir haben versucht, sie dem Geheimdienst zu übergeben, aber der will sie nicht. Dort wurde mir gesagt: ‚Kümmern Sie sich um die Gefangenen. Wir können sie wegen der Inspektionen des Roten Kreuzes nicht behalten.‘ Daraufhin haben wir sie die ganze Nacht bearbeitet. Einer gab schließlich zu, beim Daesh gewesen, aber schon vor zwei Monaten abgehauen zu sein.“ Alle Anwesenden lachen. „Der andere“, fährt Taha fort, „hat nicht gestanden, obwohl wir ihn lange und hart geschlagen haben. Ich halte ihn daher für unschuldig.“

    *Name wurde geändert

    „Leg sie einfach um“, sagt ein Major. „Lass den einen frei und leg den anderen um“, befiehlt der Kommandeur. Nachdem so entschieden ist, stellt sich die Frage, wem die Ehre zuteil wird, einen IS-Kämpfer zu töten. Kifah, ein großer, schlanker Soldat, der bei Tisch bedient hat, bietet sich an. Doch Taha meint, der IS-Mann müsse einem Hauptmann überlassen werden, dessen Bruder vor gut einem Monat vom Daesh getötet wurde. „Dann übergebt ihm den Mann“, sagt der Kommandeur, bevor er sich in einen Raum begibt, wo der Tee serviert werden soll.

    Die Gefangenen hocken im Nachbarhaus in einem leeren Raum, an dem ständig Soldaten in T-Shirts und Shorts vorbeilaufen, ohne groß auf die beiden zu achten – bis Taha kommt und den Jüngeren der Männer, der auf den Befehl des Kommandeurs freigelassen werden soll, bei den Haaren packt. Offenbar wurde er so heftig geschlagen, dass von seinem rechten Auge nur noch ein rosafarbener Klumpen Fleisch zu sehen ist, das Gesicht und die Lippen blau angeschwollen sind. „Hey, du hast ja dein Auge verloren, wem hast du das zu verdanken?“, lacht Taha. Ein sehr dünner, fast zierlich wirkender Soldat tritt aus dem Kreis hervor, der sich um die Gefangenen gebildet hat. „Warum? Warum hast du diesem armen Mann das angetan?“, höhnt Taha, woraufhin die Soldaten feixen und johlen. Der junge Gefangene starrt sie mit seinem verbliebenen Auge verständnislos an. „Du“, sagt schließlich ein Unteroffizier zu dem zum Tode Verurteilten, „kommst mit mir.“ Als sie die Straße erreichen, wird er in den Kofferraum eines Humvee verfrachtet, um ihn dem trauernden Offizier als eine Art Geschenk zukommen zu lassen.

    Den zweiten halb erblindeten, schwer misshandelten Gefangenen stoßen die Soldaten auf die dunkle Straße. Er solle schnell davonlaufen. Wenn er sich auch nur einmal umblicke, würden sie ihn erschießen. Der Mann humpelt in die Dunkelheit und schleppt seinen zerschundenen Körper davon. Bald wird ihn wohl eine andere Einheit aufgreifen, einsperren und foltern.

    Am nächsten Morgen fahren Taha und zwei Offiziere in die Altstadt, um diesen Teil der Front zu inspizieren. Es geht durch Straßen, auf denen die Reste zersprengter Trucks und Jeeps liegen, vorbei an halb eingestürzten Häusern und Bombenkratern. Als sie das Ende einer Gasse erreichen, hören sie Schreie und sehen, wie ein Soldat eine junge Frau am Handgelenk aus einer Ruine zerrt. Ihre Bluse ist aufgerissen, ihr Kopftuch auf die Schulter herabgerutscht, strähniges graumeliertes Haar hängt im Gesicht. Sie versucht, sich zu wehren, während sie barfuß über Steine stolpert und um Hilfe fleht, doch der Soldat lässt sich nicht erweichen. Zwei seiner Kameraden, die hinter ihm herlaufen, berichten den Offizieren lachend, sie wüssten, dass die Frau vom Daesh sei. Sie hätten „fünf Bündel Geld, 50.000 Dollar“ bei ihr gefunden.

    Das Minarett liegt im Schutt

    Mossul war eine reiche Stadt, verfügte jedoch über kein sicheres Bankensystem, weshalb Familien ihre Ersparnisse oft im Haus oder in der Wohnung aufbewahrten. Warum nicht auch diese Frau? Nur haben nach drei Jahren IS-Herrschaft viele Bewohner in der Regel alles ausgegeben oder verkauft, um sich ernähren oder die Stadt verlassen zu können. Wer geblieben ist, steht unter Verdacht, mit dem IS zu sympathisieren. Die Offiziere verlieren ein paar launige Worte für den Glücklichen, der über dieses Geld gestolpert sei – „und dann auch noch eine Frau bekommt“ –, und setzen ihren Weg fort. Sie halten bei der Großen Moschee von al-Nuri, in der IS-Führer Bakr al-Baghdadi im Sommer 2014 zu seinen Anhängern gesprochen hatte. Das mittelalterliche Al-Hadba-Minarett mit seinem eleganten Design und der gebogenen Form liegt auf Haufen von 800 Jahre alten Ziegeln verstreut. Daesh-Kämpfer, die sich zurückziehen mussten, hatten es gesprengt.

    Aus den Ruinen kriechen Flüchtlinge. Nach Monaten der Belagerung sind sie benommen, verängstigt und selbst für Mossuler Verhältnisse in einem erbärmlichen Zustand. Ein Soldat, der eine alte Frau trägt, hält mitten auf der Straße an, um sich auszuruhen. Sie klammert sich noch fester an ihn, weil sie augenscheinlich fürchtet, er könnte sie inmitten dieses Wahnsinns zurücklassen. Taha hilft dem Soldaten, zusammen befördern sie die hilflose Person zu einem Zelt des Roten Kreuzes. Eine junge Irakerin, die Tochter wohl, folgt ihnen, in der einen Hand einen großen Koran, mit der anderen hält sie die Hand eines Mannes fest, der auf einer Bahre liegt, die von zwei Soldaten getragen wird. Das rechte Bein ist bandagiert, am entblößten Bauch sind Narben zu sehen. Nachdem er vor dem Sanitätszelt abgesetzt wird, interessieren sich plötzlich andere Soldaten für den Verletzten und fangen an, ihn auszufragen. „Er hat versucht, am Fluss Wasser zu holen, als er von einem Scharfschützen getroffen wurde“, schreit die junge Frau, von der sich nun herausstellt, dass es sich um die Schwester handelt. „Das ist die Verletzung eines Kämpfers“, schreit ein Soldat zurück. „Bringt ihn zu seinen Brüdern.“ Zwei Soldaten reißen den Verletzten von der Trage und zerren ihn in ein leeres Geschäft, wo er umgehend erschossen wird. Die junge Frau bettelt, fleht und schreit, aber die Soldaten nehmen keine Notiz davon. „Ihr seid Daesh! Ihr in der Altstadt seid alle Daesh!“

    Einer der Umstände, die dem IS im Sommer 2014 geholfen hatten, Mossul zu übernehmen, war das Verhalten der in der Stadt stationierten irakischen Streitkräfte, die sich wie sektiererische Besatzungstruppen aufführten und die Bevölkerung drangsalierten. Mit der Willkür und den Schikanen war es über Nacht vorbei, als die Dschihadisten im Anmarsch waren. Plötzlich halfen Soldaten und Offiziere mit ihren Fahrzeugen bei der Evakuierung von Vierteln, die zu Kampfzonen wurden, stellten Wasser und Medikamente bereit. Doch galt die Altstadt mit ihrer vorwiegend sunnitischen Bevölkerung schon damals als Domäne des IS. Prompt wird nach der Rückeroberung jeder in diesem Bezirk der Kollaboration verdächtigt. Männer im kampffähigen Alter müssen in Internierungslager, in denen ihre Identität überprüft wird – Denunziationen sind an der Tagesordnung.

    Vier Tage später sitzen Taha und ein Hauptmann namens Wissam auf Stapeln aus roter, blauer und rosafarbener Unterwäsche in einem ausgebrannten Lagerraum und denken über ihr Schicksal nach. Sie wissen, dass ihr Kommandeur von den Generälen in Bagdad unter Druck gesetzt wird, denen wiederum der Premierminister im Nacken sitzt, der endlich den Sieg verkünden will. Von Haider al-Abadi wiederum erwarten die Amerikaner, dass er die Schlacht bald zu einem erfolgreichen Abschluss bringt, und drohen andernfalls damit, die Unterstützung aus der Luft zu kappen. Dies alles lastet auf Männern wie Taha und Wissam, während sie in einem Raum voll mit Büstenhaltern und verbrannten Shampoo-Flaschen sitzen. Seit sie die Altstadt einzunehmen versuchen, werden sie pro Tag im Schnitt von vier Selbstmordattentätern angegriffen. Einer kam sogar auf Krücken daher. Nachts schlafen sie in abgebrannten Häusern neben den verrottenden Leichnamen von Kämpfern und Zivilisten, manchmal nur durch eine Wand von den Dschihadisten getrennt. Fliegenschwärme wechseln über die Front hin und her, um über die verstreuten Leichen herzufallen. „Ich will jetzt nur meine Tochter sehen“, sagt Taha, „und frage mich manchmal, ob ich sie jemals wiedersehen werde.“ Hauptmann Wissam lacht. „In ein paar Stunden wirst du darüber ganz anders denken. Oder in ein paar Tagen, wenn Mossul uns gehört.“

    Ein letzter Scharfschütze

    Am 9. Juli ist es so weit, die Niederlage des IS in der Millionenstadt, seiner wichtigsten Bastion im Irak, kann verkündet werden. Der Premierminister hält im Kampfanzug – flankiert von Generälen mit rundlichen Gesichtern und in frischen Uniformen – die lange erwartete Siegesrede. „Mossul ist befreit“, erklärt er von einem Podest in einer an der Peripherie gelegenen Militärbasis. Eine Festwoche ist ausgerufen, im ganzen Land werden die Fahnen gehisst. Am Nachmittag fahren der Kommandeur von Tahas Einheit und andere Militärführer in einem langen Konvoi aus gepanzerten Humvees zum Ufer des Tigris, um Ruinen zu inspizieren, in denen ihre Männer gekämpft haben. Fast jeder hält vor den begleitenden Fernsehkameras seine eigene Siegesrede. Nicht weit von diesem Spektakel entfernt feuert ein einsamer Scharfschütze des IS, der sich in einem eingestürzten Gebäude verschanzt hat, mit letzter Verzweiflung auf die Fahrzeugkolonne. Plötzlich erscheint ein US-Kampfjet am Himmel, taucht ab und feuert eine Rakete ab. Nach der Explosion steigt eine Rauchwolke auf und wird immer dunkler. Von der Stellung des Schützen bleibt nur ein Krater.

    Am Abend, wieder beim Essen mit Tahas Kommandeur, beglückwünschen sich die Offiziere gegenseitig, erzählen von Augenblicken der Schlacht und vergrößern den eigenen Anteil mit jedem Mal. Den meisten Soldaten ist es erlaubt, in ihre Basen zurückzukehren, um sich nach Tagen, die sie buchstäblich neben verwesenden Leichen zubringen mussten, sammeln und ausruhen zu können. Kleine Gruppen von IS-Kämpfern können sich noch eine Woche halten, dann verebben die Kämpfe endgültig, bis schließlich der Tag gekommen ist, an dem in Mossul erstmals seit Monaten kein Maschinengewehr und keine donnernden Jets mehr zu hören sind.

    Ab sofort beginnt die Tötungsorgie. Nacht für Nacht werden diejenigen, die als Mitglieder des Daesh identifiziert wurden, in Ruinen und improvisierten Zellen gefoltert und exekutiert. Triumphierende Soldaten filmen sich dabei, wie sie Gefangene schlagen und erschießen. Einheimische, die sich an Menschen rächen wollen, die sie für das Leid der letzten drei Jahre verantwortlich machen, denunzieren nicht nur IS-Mitglieder und deren Familien, die versucht haben, sich unter fliehende Zivilisten zu mischen, sondern auch junge Männer, die nicht aus Mossul kommen, Spuren von Verletzungen aufweisen oder einfach nur verdächtig erscheinen.

    Eine Blutlache nahe eines Behandlungszentrums am 13. Juli

    Foto: Zuma Press/Imago

    Auch Tahas Einheit ist in die Pogrome verstrickt. Drei Tage nach der Siegesrede des Premiers ruht sich der Kommandeur gerade auf dem Sofa einer requirierten Wohnung aus, als ihn Zivilisten sprechen wollen. Sie stoßen einen Mann vor sich her und zwingen ihn, auf die Knie zu gehen. Die Hände sind vor dem Bauch gefesselt, das farblose Hemd ist zerrissen. Seine Bewacher schreien, mit ihrem Gefangenen hätten sie einen der Henker des IS aufgegriffen. „Erinnerst du dich daran, wie du auf dieser Verkehrsinsel standst und drei Männer getötet hast?“, fragt ihn einer. Der Mann blickt verwirrt umher und murmelt, es sei sein Bruder, der sich dem IS angeschlossen habe – nicht er.

    Der Kommandant lässt sich den Ausweis des Mannes geben und händigt ihn einem Soldaten aus, damit er verbrannt wird und aus den offiziellen Akten verschwindet. Kifah, der schlanke Soldat, zerrt den Mann voller Freude nach draußen, andere Militärs folgen ihm, Einheimische jubeln. Kifah versetzt dem Mann einen Stoß, während seine Kameraden ihn treten und schlagen, verhöhnen, ihn hochziehen, erneut auf ihn eintreten und lachen, als er fällt. „Sing uns eins von deinen Kalifat-Liedern“, fordert Hauptmann Wissam den Gefangenen auf und lacht hysterisch. Plötzlich wird ihm befohlen, davonzurennen. Es wird gerufen, er könne gehen, wohin er wolle. Der Todgeweihte läuft los und stolpert, als er versucht, seine rutschenden Hosen mit den gefesselten Händen wieder hochzuziehen. Die Soldaten jagen und schlagen ihn erneut. Einer tritt ihm mit der Emphase eines professionellen Kickboxers voll ins Gesicht. Schließlich wird der Mann in eine dunkle Nebenstraße geführt und muss wieder niederknien, vor sich einen Schutthaufen und die starken Scheinwerfer eines Lkw. Kifah steht hinter ihm und streckt den Arm aus. In der Hand hält er eine Pistole amerikanischen Fabrikats. Ein anderer Soldat filmt mit seinem Smartphone. „Damit rächen wir alle Märtyrer, die vom Daesh getötet wurden“, sagt Kifah. Ein Schuss hallt durch die ausgestorbene Straße. Aus dem Kopf des Mannes spritzt Blut, und er fällt zur Seite. Kifah dreht ihn mit den Füßen auf den Rücken, sieht ihn an und geht weg. „Vielleicht sollten wir nachsehen, ob er wirklich tot ist“, sagt der Soldat, der alles gefilmt hat. „Wenn er diese Kugel überlebt hat, verdient er zu leben“, erwidert Kifah.

    Massaker am Fluss

    Zurück in ihrer Stellung sehen sich die Soldaten das Video mehrmals an, während sie zwischen Maschinenpistolen, Rucksäcken und Stiefeln auf Matratzen liegen. „Ich habe das für einen Onkel getan, der hierherkommen wollte, nur um einen vom Daesh zu exekutieren“, murmelt Kifah.

    Wer die Soldaten befragt, weshalb sie töten, erhält folgende Antworten: Man habe kein Vertrauen in das Justizsystem. Dort würden sich Häftlinge freikaufen können, wie sie das schon immer konnten. Man räche sich für die Gräuel des IS. Man nutze das Chaos nach der Schlacht, um Mossul vom Daesh zu säubern. Schon bald werde die Stadt in Militärsektoren aufgeteilt, und dann könne man nicht mehr überall herumfahren, erklärt Kifah. „Jetzt herrscht Chaos. Und im Chaos können wir gut arbeiten.“

    Kifah – groß, mit feinen Gesichtszügen und langen Augenbrauen – ist erst Ende 20, will aber bereits zehn Jahre in der Armee sein. Er war in Mossul stationiert, als die Stadt im Juni 2014 an den IS fiel. Er hat miterlebt, wie zehntausende Soldaten flohen und gedemütigt wurden. Kifah verließ die Stadt auf einem der wenigen Humvees, die sich auf Befehl hin zurückzogen. Damals standen Einheimische am Straßenrand, die dem Konvoi Steine hinterherwarfen. Manches Fahrzeug geriet in einen Hinterhalt, was einem Todesurteil gleichkam.

    Schließlich erreichte Kifahs Einheit den Luftwaffenstützpunkt Camp Speicher, 170 Kilometer nördlich von Bagdad. „Am nächsten Morgen“, erinnert er sich, „kam ein General und gab den Befehl, einen Angriff vorzubereiten und die benachbarten Dörfer vom IS zu säubern, doch wir ignorierten das. Es war bekannt, dass die Gegend vom IS beherrscht wurde. Daraufhin befahl der General einer anderen Einheit, die Tore zu schließen. Es kam zu einer Schießerei, und alle wussten, jetzt ist die Moral der Armee endgültig zusammengebrochen. Verwandte riefen die Soldaten auf deren Handys an und drängten sie, zu desertieren. Und viele taten das.“

    Kifah konnte den Stützpunkt in einem Tross verlassen, der nur aus drei Fahrzeugen bestand. Zu Hause eingetroffen, desertierte er wie so viele, saß in der Wohnung seiner Eltern und schaute sich Propaganda-Videos des IS an. Auf denen war zu sehen, wie tausende junger Kadetten, die in Camp Speicher geblieben waren, weil man ihnen einen sicheren Abzug versprochen hatte, wie Vieh auf Trucks getrieben wurden. Man sah und hörte, wie sie die schiitische Regierung in Bagdad und die geistliche Führung der Schiiten verleumdeten und um ihr Leben flehten. Man brachte sie an das Ufer eines Flusses und befahl ihnen, niederzuknien oder sich auf den Bauch zu legen. Ein Mann mit maskiertem Gesicht ging mit einer Kalaschnikow die Reihen entlang und feuerte jedem eine einzige Kugel in den Hinterkopf. Offiziellen Angaben zufolge wurden auf diese Weise etwa 1.700 Soldaten exekutiert. Kifah ist der Ansicht, es waren weitaus mehr. Heute gelten die Toten als Märtyrer, was Kifah für übertrieben hält. „Die hätten sich niemals ergeben, sondern kämpfen sollen. Immerhin konnten sie sich in Camp Speicher verschanzen und hatten einen Stützpunkt, der randvoll mit Waffen war.“

    Aufnahme der al-Nuri-Moschee vom 29. Juli 2017

    Foto: Yusuke Suzuki/Kyodo News/Getty Images

    Das Massaker war der Katalysator für die Raserei, die danach folgte und sich auch nach dem Sieg der Armee in Mossul entlud. Unter den überwiegend schiitischen Soldaten griff eine Nie-wieder-Stimmung um sich. Von nun an durfte das Barometer der Brutalität nicht mehr fallen und hatte mit den konfessionellen Konflikten von einst nur noch wenig zu tun. Da hatte Kifah den sunnitischen Nachbarn noch vor den Drohungen schiitischer Milizen beschützt und der sich revanchiert, indem er Kifahs Familie unbeschadet durch einen Checkpoint der Dschihadisten schleuste. Da wurden Ärzte oder Journalisten wie neutrale Beobachter behandelt. Nicht so im Krieg gegen den IS, in dem schon jeder Hauch von Gnade als Schwäche galt.

    Nachdem er desertiert war, bekam Kifah von seinem Vater, einem Universitätsdozent, bald zu hören: „Wir sind nun zwei Männer in diesem Haus, einer von uns muss kämpfen.“ Und Kifah schloss sich wieder seiner Einheit an, um den langen Marsch auf Mossul anzutreten.

    „Das wird jetzt stinken“

    In Mossul geben die Soldaten ihren Gefangenen nach dem Sieg Wasser, Tee und manchmal auch etwas zu essen, damit die sich erholen und weiter gefoltert werden können. Eines Tages gehört dazu Omar, den zwei Frauen angezeigt haben, als er auf dem Markt versuchte, Lebensmittel zu kaufen. Die Soldaten verhören ihn in ihrem Quartier und fragen nach seinem Ausweis. „Ich habe meine Identitätskarte verloren“, beteuert Omar. „Der IS hat meine Familie getötet.“ Ihm wird sein Smartphone abgenommen, um den Facebook-Account zu öffnen. Dort finden sich Mitteilungen von Sympathisanten des Dschihad. Daraufhin wird Omar von den Soldaten gezwungen, sich auf den Boden zu legen und die Beine anzuheben. Mit aus Stromkabeln und Metalldrähten bestehenden Peitschen wird auf seine Füße gedroschen. Als er die Beine fallen lässt, tritt ihm einer der Soldaten mit dem Stiefel auf den Kopf, bis er die Beine wieder anhebt. Zwischen Schmerzensschreien beharrt er darauf, nichts mit dem IS zu tun zu haben. Inzwischen blutet Omar am Kopf. „Verdammt, das wird jetzt schrecklich stinken“, flucht ein Soldat. „Wer macht das wieder sauber?“

    Die Folterer pausieren eine halbe Stunde, bis sie wieder zuschlagen und sich auch Offiziere an der Folter beteiligen. Nach jeder Runde muss Omar aufstehen und auf der Stelle hüpfen, damit seine Füße nicht taub werden und er den Schmerz weiter spürt. Sein Körper hat sich dunkelrot verfärbt. Als der Schmerz offenbar nicht länger zu ertragen ist, verrät Omar das Versteck eines jungen Mannes, der mit ihm aus Mossul fliehen wollte. Der heißt Ammar und schläft zwischen den Gräbern eines Friedhofes, als die Soldaten ihn aufstöbern und das Gewehr auf ihn richten. Er springt auf wie eine verängstigte Maus. Und bevor sie nur einmal zuschlagen, gesteht er, beim Daesh gewesen zu sein, und denunziert auch Omar – der war ebenfalls dabei.

    Im Sommer 2014, als der IS in Mossul einrückte, war Ammar gerade 14 Jahre alt und bereitete sich auf seine Abschlussprüfungen in der Schule vor. Sein Bruder, der mit dem IS sympathisierte, erzählte ihm, die Jahre der Unterdrückung durch die schiitische Regierung in Bagdad seien nun vorbei. Ammar folgte dessen Vorbild und trat in ein Ausbildungslager des IS ein. Bald schon stieg er zu einem privilegierten Mitläufer des neuen Regimes auf, erhielt ein Gehalt und Vergünstigungen. Und er lernte, an den ewigen Sieg des Kalifats zu glauben.

    Fast jeder wurde der Kollaboration mit dem IS verdächtigt. Szene aus Mossuls Altstadt, 10. Juli 2017

    Foto: Martyn Aim/Corbis/Getty Images

    Im Sommer 2016, als die irakische Armee ihren Marsch auf Mossul begann und unterwegs immer mehr Dörfer befreite, wurde der Bruder getötet. Ammar zog mit seinen Schwestern und seiner Mutter in Mossul von einem Viertel zum nächsten, bis sie schließlich in der belagerten Altstadt landeten. Als dort der Widerstand der IS-Verbände immer schwächer wurde, gelang es Ammar, mit einer Gruppe verzweifelter Zivilisten die Front zu überqueren; er blieb aber in der vom Krieg geschundenen Stadt und traf in dieser Lage auf Omar.

    Dass Ammar sich gegenüber den Soldaten sofort geständig zeigt, bewahrt ihn vor sofortiger Folter und beschleunigt den Tod. Die beiden Männer begegnen sich noch einmal, als Ammar in die Folterkammer gebracht und Omar auf die Straße geschleift wird, um ihn zu erschießen.

    Die Praxis der Folter im Irak zeigt eine bemerkenswerte Kontinuität. Sie reicht von Saddam Husseins Geheimdienst über die Amerikaner und ihre Misshandlung von Häftlingen in Abu Ghraib bis zu den irakischen Regierungstruppen im Sommer 2017. In Mossul freilich dient die Folter nicht dazu, Opfern Aussagen zu entreißen, sondern Rache zu nehmen und Schmerzen zuzufügen. „Ich will kein Geständnis hören“, sagt ein Offizier. „Was soll ich damit anfangen? Ich will, dass er leidet und stirbt.“ Für die Glücklichen kommt der Tod schnell. Für die meisten wie Ammar ist er ein Luxus, auf den sie warten müssen. Die Sieger wollen hören, wie IS-Soldaten vor Schmerz schreien wie Tiere, um das Gefühl zu haben, den Verlust ihrer Familien zu rächen. Vielleicht besteht der Sieg des Daesh darin, dass er diese Iraker dazu gebracht hat, seinen eigenen Methoden zu verfallen.

    Sie filmen und sie töten ihn

    Um Mitternacht haben sie keine Lust mehr, Ammar weiter zu quälen. Sein Gesicht ist so angeschwollen, dass man es hinter schwarzen Blasen nicht mehr erkennen kann. Sie bringen ihn dahin, wo seit ein paar Stunden die Leiche seines Freundes liegt. Der Tod hat in Mossul nichts Erhabenes: Hunde haben bereits Teile von Omars Bein angefressen. Ammar wird befohlen, neben dem Toten niederzuknien. Ein Soldat verrückt ihn, um ihn besser filmen zu können. Er ist bereits tot, bevor die Kugeln in seinen Schädel eindringen.

    Es ist lange her, dass Ammars Henker zu kämpfen begonnen haben. Vor dem IS fochten sie gegen aufständische Sunniten und schiitische Milizen, standen in einem Konfessionskrieg, in dem das tägliche Grauen keine Grenzen kannte: getötete Verwandte, Autobomben, Massaker. Krieg wurde zum integralen Bestandteil ihres Lebens. Schon als die US-Besatzung den Irak zwischen 2003 und 2011 heimsuchte, waren sie gefangen im Teufelskreislauf der Gewalt. Im Kampf gegen den IS schließlich fanden sie eine Mission, die sie zu Verteidigern der Nation werden ließ, zu Kämpfern für eine reine, gerechte Sache gegen das absolut Böse. Sie hatten das Gefühl, über dem Staat zu stehen und korrupten Politikern in Bagdad keine Rechenschaft schuldig zu sein. Da sie dem Tod so oft ins Auge blickten, nahmen sie sich das Recht, zu entscheiden, was richtig und was falsch war.

    „Manchmal tun wir Dinge und wissen, dass wir das Gesetz brechen“, sinniert der Kommandeur eines Nachmittags, nachdem er an seinem Tee genippt hat. Er zündet sich eine Zigarette an. „Mein General sagt: ‚Bring mir keine Gefangenen. Wenn du weißt, dass sie Daesh sind, kümmere du dich um sie.‘ Meine Soldaten rufen mich an und sagen: ‚Wir haben den und den gefunden‘, und ich befehle: ‚Tötet ihn!‘ Manchmal frage ich mich, was ich da tue. Wer bin ich, das Leben eines anderen zu beenden? Ich habe mit einem Geistlichen gesprochen, der meinte, wenn ein Gefangener nicht bewaffnet sei, solle man ihn besser dem Staat übergeben. Aber wer wird dann über ihn richten? Über welche Qualitäten verfügt ein Richter, die ich nicht habe? Wer hat den Richter ernannt? Man sagt, das sei der Staat gewesen, doch wer gab dem Staat das Recht, über die Menschen zu herrschen? Dieses Recht hat er nicht von Gott, also habe ich das gleiche Recht, das Leben eines Mannes zu beenden wie der Staat.“ Die Zigarette in seiner Hand ist heruntergebrannt, er zündet sich eine neue an.

    Nach der Schlacht um Mossul, als die Armee begann, sich über die Kriegskosten im Klaren zu werden, ließ die Euphorie nach und wurde durch Bitterkeit und das Gefühl ersetzt, dass der Sieg einen zu hohen Preis hatte. Wie andere Fronteinheiten hatte Tahas Bataillon große Verluste erlitten. Viele der altgedienten Offiziere waren gefallen. Wer überlebt hat, muss häufig schwere Verwundungen oder die psychischen Narben eines kriegerischen Jahrzehnts verkraften.

    Rund um Mossul wurden vom IS erbeutete Waffen durch korrupte Offiziere an die Kurden oder an schiitische Milizeinheiten verkauft, die offiziell gebildet wurden, um gegen den IS zu kämpfen. Tatsächlich horten diese Verbände Waffen, um in den nächsten Konflikt zu ziehen. Der in Bagdad vorbereitet wird, denn dort halten die gleichen Politiker, die den Aufstieg des IS zu verantworten haben, weiter Reden im Fernsehen und lassen hinter den Kulissen nichts unversucht, das Land zu plündern. Die Eroberer von Mossul wissen: Das Schweigen der Waffen verheißt keinen Frieden. Wie Menschen, die eine lange, destruktive Beziehung gefangen hält, sind sie des Krieges überdrüssig, haben aber Angst vor seinem Ende. „Am meisten graut mir davor“, sagt Taha, „dass es wieder so wird wie in den Tagen des schiitischen Sektierertums, als wir nicht wussten, wer unser Feind ist und wer unser Freund. Was wird nach Daesh kommen?“ Hauptmann Wissam antwortet ihm mit heiserem Lachen: „Das sind die Milizen. Wir räumen mit Daesh auf und dann schicken sie uns in den Süden. Was denkst du, warum die Schiiten dort all die Waffen und das Geld horten?“

    „Nein, ich gehe davon aus“, sagt der Kommandeur und sieht von seinem Telefon auf, „dass wir in ein paar Monaten nach Mossul zurückkehren, um erneut zu kämpfen. Hier standen 40.000 Daesh-Kämpfer. Haben wir 40.000 getötet? Nein. Wo sind sie?“ Taha sagt: „Statt in Mossul zu bleiben, sollten wir nach Bagdad fahren und in der Grünen Zone wiederholen, was wir mit den Daesh gemacht haben. Erst dann wird der Irak Frieden finden.“

    Ghaith Abdul-Ahad ist Reporter und hat für den Guardian unter anderem aus Syrien, Libyen und dem Irak berichtet

    Übersetzung: Holger Hutt

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