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Sonntag, 24. September 2017

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The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
The Guardian
  1. Serien | Nest ohne Junge
    Das Fernsehen entdeckt den Trend zur Leihmutter. Mit überraschenden Folgen für die Familienplanung

    Auch wenn Zustände wie in der Republik Gilead aus Margaret Atwoods Romanvorlage The Handmaid’s Tale (deutsch: Der Report der Magd) noch fern sind, begegnet der Kinderwunsch immer höheren Hürden. Bedingt durch gesellschaftliche Entwicklungen und ökonomische Zwänge wird eine Schwangerschaft oft hinausgezögert, bis eine natürliche Empfängnis ausgeschlossen ist, während zugleich der finanziell gebeutelte staatliche Gesundheitsdienst in Großbritannien die Möglichkeit zur künstlichen Befruchtung einschränkt. Seit Beginn des Jahres wurden in 13 englischen Regionen entsprechende Behandlungen gekürzt oder vollständig eingestellt, und in acht weiteren Regionen wird über ähnliche Maßnahmen nachgedacht. Vor diesem Hintergrund sprang die Anzahl der in Großbritannien von Leihmüttern ausgetragenen Babys zwischen 2011 und 2015 von 117 auf 331. Für 2016 wird von mehr als 400 derartigen Geburten ausgegangen, wobei viele Paare sich für kostspielige ausländische Angebote entscheiden (für 2015 führt die Statistik insgesamt 57 unterschiedliche Länder auf).

    Mithin verwundert es nicht, dass im Zentrum von zwei der herausragenden Fernsehserien des Jahres die Möglichkeit der Fremdgeburt steht. Die Rede ist von The Handmaid’s Tale und Top of the Lake: China Girl, beide mit Elisabeth Moss. Die eine Serie entwirft ein dystopisches Zukunftsbild der USA, die andere spielt im Sydney der Gegenwart, doch beiden ist gemein, dass eine privilegierte Klasse von der Geißel der Zeugungsunfähigkeit geplagt wird, als deren alles andere als einfache Kur die Leihmutterschaft erscheint.

    Schwangere Teenager

    Dagegen ging es früher in Serien durchaus noch amüsant zu, wenn die Familienplanung ein wenig unkonventionell verlief. Als etwa in Friends Phoebe für ihren getrennt von ihr aufgewachsenen Halbbruder Drillinge bekam oder die Manhattanites Monica und Chandler sich um eine einfältige schwangere Teenagerin aus dem Mittleren Westen kümmerten, war dies lediglich Stoff für die üblichen Witze. Nicht zuletzt lieferte die Problematik der Leihmutterschaft den Stoff für die Sitcom The New Normal von 2012/2013, und in Indien – wo die kommerzielle Leihmutterschaft 2002 legalisiert wurde (momentan wird allerdings ein entgegengesetztes Gesetzesvorhaben diskutiert) – ist das Thema seit langem in Soaps populär.

    Ausgebeuteten Frauen begegnen wir in Top of the Lake: China Girl, thailändischen Prostituierten, die in Sydney leben und sich wohlhabenden australischen Paaren als illegale Leihmütter zur Verfügung stellen. Das Problem der Kinderlosigkeit nimmt in der Serie breiten Raum ein, schlug in dem Zusammenhang aber auch jenseits des Bildschirms Wellen. Als Robin Griffin (Moss) von ihren drei Fehlgeburten berichtet, soll darin „eine Botschaft der Natur“ erkannt werden.

    Körper, aus Not vekauft

    Indes lebt Griffins tatsächliche Tochter, die Teenagerin Mary (gespielt von Alice Englert, der 22-jährigen Tochter Jane Campions, der Ko-Autorin und Ko-Regisseurin von TotL), als Adoptivkind bei der nicht zeugungsfähigen Julia, dargestellt von Nicole Kidman, die 2010 selbst ein Kind von einer Leihmutter austragen ließ.

    Die implizite Gleichsetzung von Leihmutterschaft und Prostitution in TotL ist keineswegs unproblematisch, zeigt jedoch das erwachende Bewusstsein der Fernsehsender für die globale politische Komponente der Fertilität. Im Wirtschaftsleben einer westlichen Stadt wie Sydney beruhen beide Gewerbe auf der „Entscheidung“ einer einzelnen Frau, ihren Körper zu verkaufen, wenngleich ihr angesichts ökonomischer Not oft keinerlei Wahl bleibt.

    Darüber hinaus dient die Unfruchtbarkeit oftmals auch als Metapher für die sich abzeichnende Umweltkatastrophe, die jeden von uns mit Sorge erfüllen sollte. Zu sehen ist dies etwa in The Handmaid’s Tale, wo dem Aufstieg des totalitären Staats eine durch Umweltverschmutzung gesunkene Geburtenrate vorangeht.

    Die neuen Serien interessieren sich allerdings weniger für die ökologischen Ursachen der Unfruchtbarkeit als vielmehr für deren emotionale Folgen. Mit besonderer Leidenschaft malen sie einen spezifisch weiblichen Körperhorror aus, man denke etwa an die wimmernden Föten in den Traumsequenzen von TotL oder daran, wie Ofglen in The Handmaid’s Tale mit bandagiertem Geschlecht aufwacht – ein ungeheures globales Unrecht erhält auf diese Weise einen zutiefst persönlichen Anstrich.

    Doch wie persönlich wird es tatsächlich? Alice Englert zumindest erklärte, dass ihre beängstigend genaue Darstellung der Grausamkeit, die Teenager bisweilen ihren Eltern zufügen (und umgekehrt), nicht auf wahren Erfahrungen gründen würde: „Glücklicherweise entspricht die Beziehung im Film nicht unserer tatsächlichen Beziehung!“ Aber auch wenn sie ihre Ko-Stars Moss und Kidman als „verdammt coole Mütter“ beschreibt, liefert TotL ein sehr viel belasteteres Bild von Mutterschaft, als es der entspannten Atmosphäre hinter den Kulissen entspricht.

    Ellen E. Jones ist freie Autorin vor allem für Film und Fernsehen beim Guardian

    Übersetzung: Sven Scheer

    Lesen Sie mehr in der aktuellen Ausgabe des Freitag.

  2. Klimapolitik | Die größte Klima-Vandalin des Planeten
    Angela Merkel genießt noch immer den Ruf, den Umweltschutz zu fördern. Dabei ist die Bilanz ihrer Umweltpolitik eine Katastrophe

    Welche lebende Person hat am meisten zur Zerstörung der Natur und des Wohlergehens der Menschheit beigetragen? Donald Trump wird schon bald die richtige Antwort sein, wenn die volle Wucht seiner zerstörerischen Politik zu spüren sein wird. Doch für den Augenblick würde ich auf diese Frage noch einen anderen Namen nennen: Angela Merkel.

    Was? Habe ich den Verstand verloren? Angela Merkel, die „Klimakanzlerin“? Die Person, die als deutsche Umweltministerin durch bloße Willenskraft das erste UN-Klimaabkommen ausgehandelt hat? Die Kanzlerin, die die Regierungschefs der G7 dazu überredet hat, bis zum Ende dieses Jahrhunderts schrittweise aus der Nutzung fossiler Brennstoffe auszusteigen? Die Architektin der deutschen Energiewende? Ja, genau die.

    Anders als Trump hegt sie keine böswilligen Absichten. Sie hat nicht wirklich geplant, die Vereinbarungen zunichte zu machen, die mit ihrer Hilfe zustande gekommen sind. Doch der Planet Erde reagiert nicht auf Leitlinien, Absichtserklärungen, Reden oder Ziele. Er reagiert auf harte Fakten. Was zählt, ist, was Merkel tut und nicht das, was sie sagt. Und wenn man sie danach beurteilt, hat sie eine Katastrophe von planetarischen Ausmaßen zu verantworten.

    Politischer Vorteil vor ethischen Vorstellungen

    Merkel hat eine fatale Schwäche: eine Schwäche für die Lobbyisten der deutschen Wirtschaft. Wann immer ein wichtiges Thema zur Entscheidung ansteht, wägt sie ihre ethischen Vorstellungen mit dem politischen Vorteil ab – und entscheidet sich für den Vorteil. Dies ist, zum großen Teil, der Grund dafür, dass Europa in einer Wolke aus Diesel-Abgasen erstickt.

    Die Entscheidung der EU, Benzin-Motoren durch Diesel-Modelle zu ersetzen, wurde zwar auch von der deutschen Automobilindustrie vorangetrieben – das lag aber vor Merkels Kanzlerschaft. Es handelte sich dabei um eine klassische EU-Mogelpackung: den Versuch, einen Systemwandel zu vermeiden, gleichzeitig aber den Eindruck zu vermitteln, man würde etwas unternehmen. Das Ganze basierte auf der Behauptung (die sich jetzt als falsch herausstellt), Dieselmotoren würden weniger Kohlendioxid erzeugen als Benziner. Als Angela Merkel dann aber Kanzlerin wurde, nutze sie jedes nur erdenkliche Mittel, um dieses tödliche Ausweichmanöver beizubehalten.

    Der schlimmste Fall ereignete sich 2013, als die übrigen europäischen Regierungen sich nach fünfjährigen Verhandlungen schließlich auf einen neuen Standard zur Energieeffizienz für Pkw geeinigt hatten: Diese sollten im Jahr 2020 im Durchschnitt nur noch maximal 95 Gramm CO2 pro Kilometer ausstoßen. Merkel intervenierte, um die ganze Sache zu Fall zu bringen.

    Angeblich drohte sie dem irischen Premierminister Enda Kenny – damals EU-Ratspräsident – damit, die sogenannten Rettungskredite an Irland zu stoppen. Sie stellte den Niederländern und Ungarn in Aussicht, die deutschen Autowerke in deren Ländern würden geschlossen und bot David Cameron in einem schmutzigen Deal an, die Bemühungen für eine europäische Bankenregulierung zu durchkreuzen, wenn er ihr helfe, die Abgasbestimmungen zu blockieren. Mit diesen Erpressermethoden gelang es ihr, die Einigung zu Fall zu bringen. Die 700.000-Euro-Spende, die ihre Partei daraufhin von den Hauptanteilseignern von BMW erhielt, lässt nicht darauf schließen, dass man dort besonders unglücklich über das war, was Merkel erreicht hatte.

    Tausende bezahlen mit ihrem Leben

    2014 wies die Europäische Kommission die deutsche Bundesregierung in einem Schreiben darauf hin, dass die Luftverschmutzung durch Dieselmotoren weitaus höher sei als von den Herstellern behauptet. Die Regierung ignorierte die Warnung. Selbst heute, zwei Jahre nachdem der Dieselgate-Skandal öffentlich wurde, verteidigt Merkel den Diesel noch immer und erklärt, die Bundesregierung werde ihren ganzen Einfluss nutzen, um zu verhindern, dass deutsche Städte Fahrverbote für Dieselfahrzeuge erlassen und Quoten für Elektrofahrzeuge einführen. Der „Fehler“, den Diesel-Hersteller gemacht hätten, so Merkel, „gibt uns nicht das Recht, die gesamte Industrie ihrer Zukunft zu berauben“. Stattdessen beraubt ihre Politik nun tausende Menschen ihres Lebens.

    Dabei könnte das noch die kleinste der Umweltkatastrophen sein, die sie zu verantworten hat. Denn diesem tödlichen Zugeständnis an die deutsche Autoindustrie ging 2007 ein noch schlimmeres voraus. In diesem Fall zwang ihre unverblümte, von den üblichen diplomatischen Schikanen begleitete Weigerung, die vorgeschlagenen Verbesserungen der Standards bei Pkw-Motoren zu akzeptieren, die Europäische Kommission dazu, andere Mittel zu finden, um die Treibhausgase zu reduzieren. Fatalerweise entschied diese sich dafür, fossile Brennstoffe durch Biotreibstoff zu ersetzen – ein Schritt, den Merkel lautstark unterstütze.

    Biokraftstoff befördert Umweltkatastrophen

    Merkel und die Europäische Kommission ignorierten wiederholte Warnungen, dass diese Praxis mit großer Wahrscheinlichkeit zu Unterernährung und massiver Umweltzerstörung führen würde, da noch mehr Wälder gerodet und noch mehr Getreide statt für die Deckung des Nahrungsmittelbedarfs für die Produktion von Biokraftstoffen verwendet werden würde. Die europäische Biotreibstoff-Verordnung befördert massiv eine der größten Umweltkatastrophen weltweit: die Abholzung der indonesischen Regenwälder, um die so entstandenen Flächen für den Anbau von Palmöl bzw. Palmfrüchten zu nutzen.

    Dadurch wurden nicht nur große und artenreiche Ökosysteme vernichtet – einschließlich der Orang-Utans, Nilpferde, Gibbons und tausender anderer Arten, denen sie eine Heimat boten. Bei der Brandrodung der Wälder und der Oxidation von Torf kommt es auch zu wesentlich höheren Emissionen als bei der Verbrennung fossiler Treibstoffe. Was diese Geschichte besonders bitter macht, ist, dass die Richtlinie, die Merkel 2007 verhindert hat, zum ersten Mal im Jahr 1994 von einer deutschen Umweltministerin vorgeschlagen wurde. Wie war ihr Name noch gleich? Lassen Sie mich überlegen – ah ja, Angela Merkel.

    Geht es noch schlimmer? Es ist schwer, solche Verbrechen gegen die Biosphäre zu hierarchisieren. Das Peinlichste ist aber vielleicht Deutschlands erschreckendes Versagen, das Stromsystem zu dekarbonisieren – trotz Investitionen in Milliardenhöhe. Während die Treibhausgasemissionen in anderen europäischen Ländern stark reduziert werden konnte, sind sie in Deutschland mehr oder weniger gleichgeblieben.

    Merkels Deals haben reale Auswirkungen

    Der Grund dafür ist einmal mehr Merkels Willfährigkeit gegenüber den Lobbyisten der Industrie. Ihr Büro hat wiederholt die Bemühungen des Umweltministeriums blockiert, eine Deadline für den Kohleausstieg festzusetzen. Noch immer werden 40 Prozent des deutschen Stroms aus Kohle, insbesondere Braunkohle gewonnen, die mit den kanadischen Teersanden um den Titel des schmutzigsten Brennstoffs wetteifert. Da Merkel sich weigert, die Verwendung der Kohle zu beschränken, hat das Energiewende-Programm den absurden Effekt, dass der Strompreis immer weiter fällt und somit einen Wechsel von Erdgas zur billigeren Braunkohle befördert (das sogenannte Energiewende-Paradox). Aber Merkel scheint das nicht zu kümmern. Sie hat erklärt, Kohle werde noch eine ganze Zeitlang eine Säule der deutschen Energieversorgung darstellen.

    Sollte aber nicht das Emissionshandelssystem der EU dieses Problem nicht lösen, indem es Kohlestrom aus dem Markt drängt? Ja, aber das wurde 2006 von einer deutschen Politikerin sabotiert, die darauf beharrte, dass so viele Zertifikate an die Industrie ausgegeben werden, dass der Preis in den Keller rutschte. Ich denke, Sie ahnen, von wem die Rede ist.

    All dies sind reale Auswirkungen, während Merkel mithilfe von Gefälligkeiten und schmutzigen Deals, wie ich sie oben aufgeführt habe, verhindert hat, dass die Vereinbarungen, die sie auf dem Papier mit aushandelte, nie in die Tat umgesetzt wurden. Dass sie dennoch eine Aura der Unantastbarkeit umgibt, ist schon eine gewisse Leistung – für die größte Umweltvandalin des Planeten.

    George Monbiot ist Kolumnist des Guardian

    Übersetzung: Holger Hutt

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  3. Begegnung | Verlorene Linke
    In der Bühnenfassung von Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“ zeigt Nina Hoss ihre politische Seite und fragt: Warum wählen Kommunisten die extreme Rechte?

    Als Nina Hoss 2014 beim Glastonbury-Festival gemeinsam mit der walisischen Band Manic Street Preachers den Song Europa Geht Durch Mich performte, da ahnte sie nicht, dass dieses Stück bald schon wie ein Requiem klingen würde. „Damals fühlte es sich so optimistisch an“, erinnert sie sich. „Und alle haben noch mitgegröhlt.“

    Drei Jahre später, während Unterhändler von London nach Brüssel reisen, mit dem Ziel, die Personenfreizügigkeit zwischen Großbritannien und Europa einzuschränken, ist Hoss in entgegengesetzter Richtung unterwegs. Mit einem Projekt, das zeigen soll, was europäische Kreuzbestäubung bewirken kann, bevor diese Tür zuschlägt.

    Für das Manchester International Festival hat die 41-jährige Schauspielerin gemeinsam mit dem Regisseur Thomas Ostermeier von der Berliner Schaubühne und dem irischen Schauspieler, Autor und Regisseur Bush Moukarzel eine englischsprachige Inszenierung der Memoiren des französischen Soziologen Didier Eribon entwickelt. Der Theaterabend ist eine Art Gruppentherapie für linke Europäer, die von den Ereignissen der zurückliegenden zwölf Monate in tiefe Verwirrung gestürzt wurden.

    Der Trump-Effekt

    Die Idee zu dem Projekt entstand nach dem Wahlsieg Donald Trumps vergangenen November. Den erlebte Nina Hoss aus nächster Nähe mit, als sie in New York eine neue Staffel der Serie Homeland drehte (sie spielt darin die BND-Mitarbeiterin Astrid). Eigentlich sollte sie zurück nach Berlin, um in einem Stück mitzuspielen, das auf Jean Cocteaus Die menschliche Stimme basierte. Doch sie rief Ostermeier an und sagte ihm, sie könne sich nicht vorstellen, für ein Stück über eine Frau zurückzukommen, die wegen eines verlorenen Liebhabers verzweifelt. „Das interessiert mich im Augenblick überhaupt nicht“, sagte sie dem Regisseur. „Ich weiß auch gar nicht, wer sich das im Moment angucken möchte.“

    Ostermeier erzählte ihr daraufhin, er lese gerade das Buch Rückkehr nach Reims des französischen Soziologen und Foucault-Biografen Didier Eribon. Besorg dir so schnell wie möglich eine Ausgabe, sagte er. „Dieses Buch hat ganz viel in mir losgelöst“, erinnert Hoss sich, als wir uns an einem schattigen Platz vor der Schaubühne treffen. „Es versucht, alle Fragen anzusprechen, mit denen wir gerade ringen. Was ist los mit unserer Generation? Haben wir überhaupt noch Glauben an die Demokratie? Und wenn ja, wacht dieser Glaube dann gerade wieder auf oder stirbt er? Wissen wir noch, wie wir uns organisieren können, um politisch Einfluss ausüben zu können? Sind wir wirklich interessiert und geduldig genug, um uns zu engagieren – oder haben wir das in den 1990ern verlernt, weil wir dachten, dass unsere Eltern uns den Weg in den Wohlstand geebnet hätten?“

    Rückkehr nach Reims erschein 2009 in Frankreich, in Deutschland wurde es im vergangenen Jahr zum Bestseller. Nicht zuletzt, weil es Erklärungsansätze für das Brexit-Votum und die Trump-Erschütterungen lieferte, aber auch wegen des damals drohenden Albtraums einer rechtsextremen französischen Präsidentin. Das Buch erzählt die Geschichte des Autors, der nach dem Tod seines Vaters zum ersten Mal nach Jahrzehnten in seine Heimatstadt zurückkehrt und dort entdeckt, dass seine einst stramm kommunistische Familie inzwischen mehr oder weniger offen den Front National unterstützt.

    Eribon – der mit 20 Jahren nach Paris gezogen und dort zu einem Intellektuellen mit Schwerpunkt Queer Studies geworden war – hatte sich schon lange von seiner für die Arbeiterklasse typischen Erziehung distanziert: „Tatsächlich wäre die Behauptung nicht übertrieben, in meiner Entwicklung sei das Coming-out aus dem sexuellen ,Schrank‘ – das Verlangen, meine Homosexualität anzunehmen und zu bejahen – mit dem Eintritt in etwas zusammengefallen, das man den ,sozialen Schrank‘ nennen könnte.“

    Seine Entfremdung von der Arbeiterklasse, argumentiert Eribon, spiegele die der gesamten französischen Linken. Unter dem sozialistischen Präsidenten François Mitterrand sei die Solidarität in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einem „Gesellschaftsvertrag“ und einer Abwehrhaltung gegenüber Reformen gewichen: „Die linken Parteien mit ihren Partei- und Staatsintellektuellen dachten und sprachen fortan nicht mehr die Sprache der Regierten, sondern jene der Regierenden.“

    Eribons Analyse blieb unter französischen Kritikern nicht unumstritten. Einige Studien legen nahe, dass Marine Le Pens Partei mehr Unterstützung aus der Mittelschicht bezieht als von einst kommunistisch wählenden Arbeitern. Dennoch bewundert Hoss, dass Eribon sich auch dann nicht zurückhält, wenn es um seine eigene politische Kaste geht: „Er geht eben sehr stark mit der Linken ins Gericht, und mit der kann ich eben auch stark ins Gericht gehen. Wir sind hier in einem absoluten Chaos. Wir haben unseren Weg verloren.“

    Wenn Hoss in der ersten Person Plural über die Linke spricht, dann weil sie – ähnlich wie Eribon – mit linker Politik aufgewachsen ist. Ihr verstorbener Vater Willi Hoss trat mit 16 Jahren in die kommunistische Partei ein und studierte Hegel an der Uni, um dann als Schweißer bei Daimler in Stuttgart zu arbeiten, wo er eine unabhängige Gewerkschaft gründete. 1979 zählte er zu den Gründungsmitgliedern der Grünen, die er aus Protest gegen den Krieg in Afghanistan wieder verließ.

    „Ich wuchs in einem anderen sozialen Umfeld auf, als Eribon es beschreibt. Aber ich habe vieles in dem Buch wiederentdeckt, das ich aus meiner Erinnerung an Gespräche am Küchentisch kenne. Bis ich ungefähr zwölf Jahre alt war, habe ich bei den Gewerkschaftstreffen meines Vaters dabeigesessen und Bilder gemalt.“

    Ostermeiers Produktion hat die Form eines Videoessays über Eribons Reise. Hoss spricht darüber einen Live-Kommentar, der in eine Diskussion mit ihrem Regisseur übergeht, der von Bush Moukarzel gespielt wird. Für den Iren, der für die anarchischen Klassikerinszenierungen der Dubliner Theatergruppe Dead Centre bekannt ist, ist es der erste Vorstoß ins Diskurstheater.

    „Die Tragödie, die Eribon beschreibt, besteht nicht nur darin, dass das Bildungsbürgertum die Arbeiterklasse vernachlässigt hat“, sagt Hoss. „Sondern es hat dafür gesorgt, dass sie sich ihrer Herkunft schämt. Das war mal anders. Dem Neoliberalismus ist es gelungen, den Menschen eine Schutzschicht wegzunehmen und sie davon zu überzeugen, dass es nun allein ihre Schuld ist, wenn sie scheitern. Wenn es eine Linke wieder geben soll, der man glauben kann, muss sie genau diesen Raum füllen und wieder Vertrauen herstellen. Dann müssen alle zusammenarbeiten, um zu erreichen, dass die Menschen wieder Wertschätzung und Verbundenheit spüren.“

    Antworten des Theaters

    Martin Schulz, der sich schwertut, hinsichtlich der Wahlen im September eine echte Konkurrenz für Angela Merkel darzustellen, hat die Wiederherstellung der Würde der Menschen zu einem seiner Themen gemacht. Danach gefragt, ob sie – wie viele andere im Zuge des Wahlsiegs von Donald Trump – erwogen habe, einer Partei beizutreten, schüttelt Hoss mit gespielter Entrüstung den Kopf: „Ich habe ein Misstrauen Parteien gegenüber. Weil es Apparate sind. Natürlich ist es wichtig, dass es Parteien gibt, denn ohne sie gäbe es keine Demokratie. Aber ich habe immer das Gefühl, alle versuchen den Mittelweg zu gehen und dann versteht man irgendwann nicht mehr, wofür man eigentlich steht. Man kann ja auch das ganze politische System in Frage stellen. Das geht ja auch. Man kann sich zum Beispiel fragen, sind Parteien heute noch die Antwort? So weit kann man ja gehen, wieso nicht?“

    Hat das Theater bessere Antworten? Hoss lacht auf: „Natürlich nicht. Ich habe ja auch überhaupt keine Lösungen. Ich habe nur Fragen. Und doch bin ich eher immer zuversichtlich. Das Spielen ermöglicht uns die Realität zu erweitern. Wenn wir spielen, haben wir große Freiheit, um Ideen auszuloten, zu übertreiben und zuzuspitzen und so zu einer Art Erkenntnis zu gelangen. Denken und Handeln sind wichtig. Aber nur die Kunst erlaubt uns, in unserer Vorstellung Grenzen einzureißen.“

    Info

    Rückkehr nach Reims (Regie: Thomas Ostermeier) ist aktuell beim Manchester International Festival zu sehen und ab September an der Berliner Schaubühne

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  4. Wikileaks | Macht und Missbrauch
    Laura Poitras porträtierte Edward Snowden. Ihr neuer Dokumentarfilm „Risk“ erzählt nun über Julian Assange – und eine Entfremdung

    Laura Poitras ist es wichtig, eines festzustellen: Sie bewundert Julian Assange noch immer, trotz allem, was geschehen ist. Doch wie groß dieser Vorbehalt ist, wird rasch deutlich. Sechs Jahre arbeitete Poitras an Risk, ihrem Film über den WikiLeaks-Gründer. Sie wurde währenddessen von einer Assange-Anhängerin mit privilegiertem Zugang zum inneren Zirkel der Organisation zu einer geächteten Außenseiterin. In dieser Zeit nahm sie als erste Journalistin Kontakt mit dem Whistleblower Edward Snowden auf, um das weltweite Spionageprogramm der NSA zu enthüllen, und drehte den Oscar-gekrönten Dokumentarfilm Citizenfour über Snowden.

    Poitras’ Film über Snowden ist ein vielschichtiger und packender Thriller aus dem wahren Leben, ihr Assange-Film, Risk, gleicht dagegen gelegentlich eher einer schwarzen Komödie. Das war keineswegs so geplant. Ursprünglich hatte Poitras sich an Assange gewandt, weil sie von der Bedeutung seiner Arbeit überzeugt war (deren Ergebnisse in Großbritannien ebenfalls überwiegend im Guardian erschienen).

    „In meinen Augen stand WikiLeaks für jene Form des investigativen Journalismus, die nach dem 11. September lange vernachlässigt worden war. Die Mainstream-Medien entzogen sich ihrer Verantwortung und berichteten nicht über die Folgen der Besatzung für den Irak und Afghanistan. WikiLeaks leistete eine wichtige und mutige journalistische Arbeit, deren globale Auswirkungen mich interessierten. Daher ging ich ausgesprochen optimistisch an das Projekt heran“, sagt Poitras und schweigt kurz. „Und nach wie vor sehe ich viele Aspekte der Arbeit von WikiLeaks positiv und bin überzeugt von ihrer Bedeutung.“ Erneut klingt ein Vorbehalt an.

    Als 2006 mit WikiLeaks eine Internetplattform ins Leben gerufen wurde, auf der anonym bleibende Quellen geheime Informationen öffentlich machen konnten, erschien das, als würde der Journalismus neu erfunden. 2007 enthüllte die Non-Profit-Organisation, dass in Guantánamo Bay einem Teil der Gefangenen Kontakt zum Roten Kreuz verwehrt blieb. 2010 wurden der Plattform mehr als 700.000 Dokumente von US-Armee und -Außenministerium zugespielt, und unter dem Titel „Collateral Murder“ veröffentlichte sie Videoaufnahmen von Bord zweier Apache-Hubschrauber der US-Army, deren Besatzung nach der Aufforderung „Knallt sie ab!“ 15 Zivilisten tötete (darunter zwei Reuters-Journalisten) und sich über die „toten Bastarde“ lustig machte. Im vergangenen Jahr deckte WikiLeaks auf, wie die Führung der Demokratischen Partei Hillary Clinton gegenüber Bernie Sanders bevorzugte. Und das wird nicht die letzte Enthüllung gewesen sein.

    Julian Assange wurde in Australien geboren und arbeitete als Programmierer, bevor er WikiLeaks mitgründete und die redaktionelle Verantwortung übernahm. Seit 2011 ist Assange faktisch WikiLeaks, der oberste Herr der Transparenz.

    Poitras wiederum kam in Massachusetts als Tochter wohlhabender Eltern zur Welt (2007 stiftete ihre Familie 20 Millionen Dollar für das Poitras Center for Affective Disorders Research am McGovern Institute for Brain Research). Als Teenagerin träumte sie davon, Köchin zu werden, und arbeitete in einem französischen Restaurant in Boston. Ihre erwachende Leidenschaft für den Film brachte sie dazu, am San Francisco Art Institute zu studieren. 1992 ging sie nach New York, um ihre Laufbahn als Filmemacherin voranzutreiben.

    2006 wurde sie mit ihrem Dokumentarfilm My Country, My Country über das Leben im Irak unter US-amerikanischer Besatzung für den Oscar nominiert. Ihr zweiter Film, The Oath, befasste sich mit zwei Männern aus dem Jemen und den Auswirkungen des US-amerikanischen Krieges gegen den Terror auf deren Leben. Assange kannte die beiden Filme und erwartete von Poitras zweifellos ein wirklichkeitsgetreues Porträt des Helden hinter WikiLeaks’ bahnbrechender Arbeit. Genau das hat sie geschaffen. Und zugleich noch mehr.

    T-Shirt für Lady Gaga

    Wir bekommen das Bild eines Mannes mit festen Grundsätzen vorgeführt, der alles daran setzt, die verborgenen Institutionen zu entlarven, die unser Leben kontrollieren. Aber wir sehen auch einen großspurig auftretenden Assange, der verlangt, zu Hillary Clinton durchgestellt zu werden, und seinen Anruf beim US-Außenministerium als einen Gefallen darstellt; einen amüsant verblendeten Assange, der es für die perfekte Tarnung hält, sein Haar rötlich zu färben und einen Schlapphut und eine Sonnenbrille aufzusetzen; einen selbstverliebten Diktator, der sich von zwei Mitarbeitern die Haare schneiden lässt.

    Dann wieder begegnen wir einem paranoiden Assange, der Poitras zufolge seine Organisation wie einen Geheimdienst führt und sich der Leugnung und Täuschung bedient. Wir treffen einen herablassenden Assange, der seiner Kollegin Sarah Harrison erklärt, die Presse sei wie „Scheiße, die an deinen Schuhen klebt“. Und einen messianischen Assange mit selbst diagnostiziertem „Gott-Komplex“, der gegenüber Lady Gaga feststellt: „Tun wir nicht erst so, als sei ich ein normaler Mensch“, und sie dann wegen ihrer Frage nach seinem Befinden zurechtweist: „Wie es mir geht, ist völlig unerheblich ...; die Sache ist so viel größer als ich.“ Nicht zuletzt erleben wir Assange als Möchtegern-Promi, der auf Lady Gagas Bitte bereitwillig sein gewohntes Hemd gegen ein T-Shirt tauscht, um vor ihren Fans anders dazustehen.

    Poitras wusste, dass Assange schwierig sein konnte – als sie mit dem Film begann, hatte er sich bereits mit dem Guardian überworfen –, dennoch war sie überrascht, als wie schwierig der Mann sich erwies. 2010 wurde in Schweden, dem Sitz von WikiLeaks, wegen der Vergewaltigungsvorwürfe zweier Frauen Haftbefehl gegen Assange erlassen. 2012 eskalierte die Lage, als der Oberste Gerichtshof Großbritanniens die Auslieferung von Assange nach Schweden anordnete und er Zuflucht in der ecuadorianischen Botschaft suchte.

    Eine bemerkenswerte Szene des Films zeigt Assange, wie er mit der Kronanwältin Helena Kennedy sein Vorgehen angesichts der Vorwürfe berät. Wie zur eigenen Entlastung spricht Assange von einer „radikalfeministischen Verschwörung“ und diffamiert die Klägerinnen als Lesben. Als Kennedy ihm vor Augen führt, wie wenig hilfreich solche Aussagen sind, erwidert er, während er gefilmt wird: „Richtig, zumindest nicht, wenn man sie öffentlich macht.“ Kennedys verzweifelter Gesichtsausdruck ist köstlich. Anschließend legt Assange dar, weshalb die Klägerinnen kein Interesse an einem Verfahren haben könnten. „Eine Verhandlung würde verdammt hart für diese Frauen ... sie würden sich für den Rest ihres Lebens den Zorn weiter Teile der Weltbevölkerung zuziehen. Ich glaube nicht, dass sie das wollen.“

    Die Szene führte zum Bruch zwischen Poitras und Assange. Poitras hatte Assange versprochen, ihm den fertigen Film zu zeigen. Er sah ihn, kurz bevor eine erste Version von Risk in Cannes Premiere feierte, und platzte vor Wut. Poitras: „Seine Anwälte verlangten, dass wir diese Szene und eine weitere, in der er sich zu den Frauen und den Untersuchungen äußert, herausschneiden. Als wir uns weigerten, schickte er uns eine Erklärung, der Film stelle eine Gefahr für seine Freiheit dar, weswegen er entsprechende Schritte unternehmen müsse.“ Mit welchem Recht? „Ohne jedes Recht. Wir hatten ihm keine inhaltliche Mitsprache zugestanden.“

    War Poitras überrascht, als Assange Risk zu zensieren versuchte? „Allerdings, wenn man bedenkt, wofür WikiLeaks steht. Ich war auf der ideologischen Ebene überrascht: Julian hat nicht nur verlangt, dass bestimmte Dinge herausgeschnitten werden, darüber hinaus Unterlassungsforderungen an die Verleihfirmen geschickt, um zu verhindern, dass sie den Film weiter vertreiben. Er war außer sich und hat versucht, uns einzuschüchtern.“

    Poitras’ Verhältnis zu WikiLeaks wurde noch schwieriger, als 2016 herauskam, dass mit Jacob Appelbaum einem von Assanges engsten Vertrauten sexueller Missbrauch vorgeworfen wurde. Poitras gesteht, sie habe „2014 eine kurze Beziehung“ mit Appelbaum gehabt. Schließlich wurde ihr klar, dass der Film in eine ganz andere Richtung ging als ursprünglich geplant. „Die Frage von Geschlecht und Sexismus wurde immer wichtiger. Wie hätte das auch anders sein können, nachdem einer zweiten der Hauptfiguren des Films Machtmissbrauch und sexuelle Verfehlungen vorgeworfen wurden?“

    Je länger sie sich mit Assange und WikiLeaks befasste, desto kritischer wurde sie – weil bei Dokumenten Namen nicht geschwärzt und damit Menschen gefährdet wurden, wegen des Tons auf dem WikiLeaks-Twitterfeed, der Einstellung zu Frauen, den verborgenen Motiven hinter manchen Veröffentlichungen. Auch wenn Poitras kein Fan von Hillary Clinton ist, erscheint ihr der Zeitpunkt merkwürdig, zu dem die Podesta-Mails auftauchten. John Podesta war Hillary Clintons Wahlkampfmanager, und es besteht der Verdacht, dass sein Konto von Russland gehackt wurde; die E-Mails wurden kurz vor der Wahl 2016 von WikiLeaks veröffentlicht. Clinton gab der Plattform eine Mitschuld an ihrer Niederlage.

    Ich frage Poitras, ob ihr die Arbeit an Risk Spaß gemacht hat. Sie lacht. „Nein, wirklich nicht. Ein Film ist immer eine mühsame Angelegenheit, und das gilt für diesen besonders. Mir war klar, dass der Film Julian wütend machen würde, und das hat sich nicht gut angefühlt. Natürlich polarisiert Julian, aber durch sein Wirken ist er ohne Frage zu einer herausragenden Figur der Geschichte geworden und hat einen neuen Journalismus begründet. Ich glaube, dass ihm viel früher als anderen klar war, wie das Internet die Politik verändern würde.“

    Info

    Risk ist hier noch ohne Starttermin, in England im Kino, bei US-Streamingdiensten zugänglich

    Simon Hattenstone ist Autor des Guardian

    Übersetzung: Sven Scheer

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  5. Architektur | Hier baut der Internetgigant
    Apple, Facebook und Google symbolisieren ihre Macht in immer herrschaftlicheren Gebäuden. Es sind Monumente, die unser Zeitalter prägen werden

    Mittlerweile wissen wir, dass das Internet ein großer Laufstall ist, voller Spielzeug, Zerstreuung und schnellen Belohnungen – aber auch ein paar hässliche Bestien lauern hier. Die Optik – abgerundete Ecken, Kleinschreibung, Googles Primärfarben, Twitters Vögelchen, Facebooks Blautöne – verstärkt diesen Infantilismus noch. Es handelt sich Jonathan Franzen zufolge um eine Welt, „die so empfänglich für unsere Wünsche ist, dass sie faktisch eine reine Verlängerung des Ich darstellt“ – bis wir zufällig gegen die Stäbe des Laufstalls stoßen und merken, dass es Orte gibt, an die wir nicht gehen können, und dass die Erwachsenen auf der anderen Seite die Grenzen unserer Freiheit festlegen.

    Wir sprechen hier über den virtuellen Raum. Doch die Erwachsenen – also die Tech-Giganten Apple, Facebook, Google und so weiter – bauen auch in der analogen Welt milliardenteure Inseln und auch hier erschaffen sie Spaßlandschaften für ihre abertausend Angestellten, die ihnen im Gegenzug ihr Leben, ihren Körper und ihre Seele überlassen. Das geht schon eine ganze Weile so – was sich ändert, sind die Größe und Extravaganz dieser Orte.

    Die IT-Giganten sind heute in derselben Position wie die Mächtigen vor ihnen – die Bankiers der italienischen Renaissance, die Hochhausbauer des 20. Jahrhunderts, Kaiser Augustus, die viktorianischen Eisenbahngesellschaften –, und auch ihre Bauwerke werden unser Zeitalter prägen. Sie verfügen über Ressourcen, die es ihnen ermöglichen, neue Materialien erfinden zu lassen oder alte auf ganz neue Art zu nutzen. Die „Architektur“ haben sie bereits insofern verändert, als dass der Begriff sich heute sowohl auf die Strukturen von Software als auch von Hardware beziehen kann. Nun erfährt auch die herkömmliche Variante von Architektur ein Update. Ein Anzeichen für das sich verändernde Kräftegleichgewicht ist etwa die Tatsache, dass Apple mit dem Entwurf seiner Firmenzentrale das mächtige Architekturbüro Foster and Partners beauftragte, ohne dieses namentlich zu nennen. Die Marke Apple muss immer an erster Stelle stehen.

    Der größte Steuerzahler

    Die meisten Neubauten entstehen im Silicon Valley. Da ist Fosters Apple Park in Cupertino, über 260.000 Quadratmeter groß und angeblich fünf Milliarden Dollar teuer. Sein Herzstück ist der nahezu fertiggestellte, 1,6 Kilometer lange Ring aus Glas und Metall, der sogar aus dem All zu sehen ist. Facebook hat das New Yorker Büro von Rem Koolhaas’ Office for Metropolitan Architecture (OMA) engagiert, um seinen von Frank Gehry entworfenen Komplex in Menlo Park zu erweitern, der 2015 fertiggestellt wurde. Und dann sind da die geplanten Google-Zentralen in Mountain View und London der hyper-selbstbewussten und hyper-angesagten Architekten Bjarke Ingels und Thomas Heatherwick.

    Am meisten Aufsehen erregt der Apple/Foster-Ring. Zuvor war hier ein Standort des schwindenden Imperiums von Hewlett Packard – das Steve Jobs als Teenager seine erste Chance gab. Dem Magazin Wired zufolge beschäftigte Jobs der Bau in seinen letzten Monaten sehr. Im Juni 2011 erschien er sichtlich angeschlagen vor dem Stadtrat von Cupertino, um diesen von dem Entwurf zu überzeugen. Viel Mühe kostete es ihn nicht.

    Jobs sprach von 12.000 Arbeitplätzen und 6.000 Bäumen, ausgewählt von einem „führenden Baumexperten aus Stanford, der sich mit einheimischen Bäumen auskennt“. Als ein Mitglied des Stadtrats meinte, das Wort spektakulär sei „eine Untertreibung“, widersprach Jobs nicht. „Wir haben hier die Gelegenheit, das beste Bürogebäude der Welt zu bauen. Architekturstudenten werden kommen, um es sich anzusehen.“ Die vorsichtigen Fragen nach Berücksichtigung der Wünsche und Bedürfnisse der Stadt (freies WLAN, die Eröffnung eines Apple-Stores, ein Betrag zur Eindämmung des Verkehrsaufkommens) wimmelte er ab und erinnert alle Anwesenden so nett und freundlich wie nur irgend möglich daran, dass Apple der größte Steuerzahler in Cupertino sei und gerne bleiben und weiterhin seine Steuern zahlen wolle. Mit anderen Worten: Wenn die Stadt zu viel verlange, würde Apple in eine andere Gemeinde umziehen müssen.

    Der Bürgermeister wedelte mit einem iPad 2 und erklärte, wie sehr seine Tochter es liebte. „Ihre Technologien machen wirklich jeden stolz“, erklärte eine andere Stadträtin. „Vielen Dank“, antwortete Jobs, „wir sind ebenfalls sehr stolz, in Cupertino zu sein.“ „Danke“, gluckste die Dame zurück, wie ein Teenager. Wie nicht anders zu erwarten war, wurde das Projekt genehmigt.

    Kürzlich konnte der Journalist Steven Levy für Wired einen Blick in das fast fertige Gebäude werfen. Am Ende eines makellosen 230 Meter langen, mit extra entworfenen und patentierten Fliesen gekachelten Tunnels entdeckte Levy eine begrünte Welt in Weiß und Silber mit einem über 9.000 Quadratmeter großen Fitnesscenter, einem Café für 4.000 Personen und einem Auditorium mit 1.000 Sitzplätzen. Das sogenannte Steve Jobs Theatre wird von einem 50 Meter breiten Glaszylinder überragt, hier sollen künftig Apples berühmte Produktpräsentationen stattfinden.

    Das Gelände ist einem Nationalpark nachempfunden. Bäume aus der Mojave-Wüste wurden dafür verpflanzt. Für das Café wurde ein neuer Pizzakarton entwickelt, der verhindert, dass sein Inhalt pampig wird. Die Türschwellen sind flach, damit die Ingenieure nicht aus dem Tritt kommen und von ihrer Arbeit abgelenkt werden, wenn sie das Gebäude betreten – so berichtete es jedenfalls Reuters unter Berufung auf einen Bauleiter.

    Steve Jobs legte allergrößten Wert auf Details. Seine Nachfolger versuchen diesem Geist treu zu bleiben. Jobs legte sogar fest, wie und zu welcher Jahreszeit das Holz für die Vertäfelung geschlagen werden sollte, damit es möglichst wenig Saft enthält. In das Café gelangt man durch Schiebetüren aus Glas, die 26 Meter hoch sind und von denen jede fast 200 Tonnen wiegt. Sie öffnen und schließen sich mithilfe eines geräuschlosen unterirdischen Mechanismus. Apple Park verwendet die größten einzelnen Glaspaneele, die jemals in einem Gebäude verbaut wurden – mit der zusätzlichen Schwierigkeit, dass sie geschwungen sind.

    Ohne Zweifel ist es ein Wunderwerk unserer Zeit. Welchem Zweck es dienen soll, ist jedoch eine offene Frage. Foster zufolge soll das Gebäude zukünftige Apple-Mitarbeiter durch seine Perfektion und Liebe zum Detail inspirieren und so einen Standard setzen, an dem sie sich in ihrer Arbeit orientieren können. Apple-CEO Tim Cook nennt es eine „Jahrhundertentscheidung“.

    Seit der Entwurf der Öffentlichkeit präsentiert wurde, stößt er jedoch auch auf Skepsis. Der Architekturkritiker der LA Times sprach von einem „rückschrittlichen Kokon“. Inmitten üppiger Begrünung und abhängig von großen Parkflächen erinnere es merkwürdig an die Firmenzentralen der 1950er und 60er Jahre; etwas, das IBM oder Bell Labs gebaut haben könnte. Abgesehen davon ist ein Ring eine starre Form, die sich nur schwer verändern oder erweitern lässt. Es ist die Form der Unendlichkeit und Ewigkeit, von Mausoleen und Tempeln.

    Cooks Jahrhundertvision

    Viele große technologische Innovationen der jüngeren Vergangenheit wurden in provisorischen Räumen entwickelt, die leicht anpassbar waren. Es waren Garagen, Wohnzimmer und angemietete Bürotische, in und an denen Apple, Google und andere Unternehmen entstanden sind. Die herausragenden Fortschritte in Linguistik, Atomforschung, Akustik und Programmierung wurden im Building 20 gemacht, der großen Holzhütte am Massachusetts Institute of Technology. Es ist zwar unmöglich für ein Unternehmen von der Größe von Apple, in seinen Arbeitsräumen heute genau diese Atmosphäre zu schaffen. Doch alles in allem wirkt der Ring zu sehr in sich geschlossen und fertig. Zudem ist der Bau äußerst kostspielig und nur langsam realisierbar. Für Innovationen, die einem ständigen Wandel unterliegen, ist das vielleicht nicht die richtige Umgebung. Cooks Jahrhundertvision muted anmaßend an. Wie der Niedergang von Hewlett Packard zeigt, gibt es wenig Grund zu der Annahme, dass ein IT-Unternehmen 100 Jahre besteht. In diesem Fall wäre der Apple-Ring irgendwann so funktionslos wie die zerfallenden Art-Deco-Wolkenkratzer heute in Detroit.

    Ein anderer Kritikpunkt ist, dass die eingeschüchterten, steuerhungrigen Stadträte von Cupertino nicht nachdrücklich genug auf die Hilfe bestanden, die ihre Gemeinde braucht. Apples Anwesenheit sorgt für einen Boom, aber sie setzt auch den Wohnungsmarkt und die Verkehrsinfrastruktur unter Druck, sorgt für Staus und lange Pendelstrecken und treibt den mittleren Preis für eine Wohnung in Cupertino auf fast zwei Millionen Dollar. Die Design-Kritikerin Allison Arieff schrieb vor kurzem in der New York Times, das Projekt zeige „eine krasse Missachtung nicht nur der Bürger von Cupertino, sondern auch der Funktionsfähigkeit der Region“. Man hätte, meint sie, mehr Anstrengungen unternehmen müssen, um die Zentrale an das öffentliche Nahverkehrsnetz anzuschließen, und die Stadt hätte auch hartnäckiger versuchen müssen, die gesteigerte Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt anzusprechen.

    Es lohnt sich selten, gegen Apple zu wetten, doch für den Moment wirkt Apple Park wie jene Art von prächtigen Monumenten, die Weltreiche sich selbst erbauen, wenn sie ihren Zenit überschritten habe – man denke nur an die Bungalowsiedlung, die Edwin Lutyens in Delhi kurz vor dem Ende Britisch-Indiens baute oder die Wolkenkratzer, die inmitten des Crashs an der Wall Street in die Höhe ragten. Alle anderen Tech-Unternehmen versuchen jedenfalls, sich von Fosters Entwurf abzugrenzen.

    Neue Campusse für Berlin

    Internetgiganten zieht es in Berlin nach Friedrichshain-Kreuzberg; dorthin also, wo die jungen, hippen Menschen lebten, als sie es sich noch leisten konnten. Google wollte in Kreuzberg Ende des Jahres nach Tel Aviv, London, Seoul, Madrid, Warschau und São Paulo seinen weltweit siebten Google Campus eröffnen. Einen „Community Hub“, wie Google es nennt, in dem Tech-Unternehmer Ideen austauschen und Start-ups gründen. Die Umbaupläne für das ehemalige Umspannwerk am Landwehrkanal hat das Bezirksamt im April jedoch vorerst gestoppt. Begründet wurde dies unter anderem mit dem Immissionsschutz und der geplanten baulichen Dichte, wie Julian Schwarze, Fraktionsvorsitzender der Grünen in der Bezirksverordnetenversammlung, dem Neuen Deutschland sagte. Google bessert nun nach.

    Die Anwohnerinitiative Bizim-Kiez („Unser Kiez“) wehrt sich unterdessen nicht nur gegen den Google Campus, sondern auch gegen den Cuvry-Campus, den der Onlineversandhändler Zalando Ende 2019 nur einen Kilometer Luftlinie entfernt auf einer der begehrtesten Brachen der Stadt eröffnen will, vis à vis seiner neuen Firmenzentrale. Die wiederum wird Zalando-Campus heißen und aktuell am anderen Spreeufer neben der Mercedes-Benz-Arena gebaut. Der Entwurf des Berliner Architekturbüros Henn sieht von oben wie ein doppeltes X aus, Höfe nach außen sollen der Anbindung an den Kiez dienen. Die Vorfreude auf eine Zalando-City hält sich dort bisher in Grenzen. Christine Käppeler

    Die offizielle Geschichte der Zusammenarbeit zwischen Facebook und Frank Gehry lautet, dass Mark Zuckerberg wegen der Prominenz des Architekten Bedenken hatte und dieser ihn überzeugen musste, dass er mithilfe seiner firmeneigenen Software in der Lage sei, das Projekt kostengünstiger und effizienter umzusetzen als die Konkurrenz. Das kantenreiche Resultat bedient sich bei der Spielzimmeratmosphäre klassischen Tech-Headquarter-Designs, mit einem Großraumbüro für bis zu 2.800 Angestellte, dazu knallbunte Bilder lokaler Künstlerinnen und Künstler. „Das Gebäude ist schlicht und nicht extravagant. Das ist beabsichtigt“, sagt Zuckerberg. „Wir wollen, dass sich unsere Räume wie ein work in progress anfühlen. Wenn man hereinkommt, soll man spüren, wie viel es noch zu tun gibt für unsere Mission, die Welt zu verbinden.“

    Stararchitekt Frank Gehry (r.) musste Mark Zuckerberg überzeugen, dass er günstiger baut als die Konkurrenz
    Foto: Facebook/AFP

    Shohei Shigematsu ist bei OMA für Facebooks jüngste Erweiterung Willow Campus in Menlo Park zuständig. Er sagt, seine Mission sei, „nicht Ikonen zu errichten, sondern regional und sozial zu denken“. Er und sein Klient wollten „sich in das Gemeinwesen integrieren und Dinge anbieten, die die Leute vor Ort dringend brauchen“ – einen Lebensmittelladen, offenen Raum, 1.500 Wohnungen, von denen 15 Prozent unter Marktpreis angeboten werden sollen, ein Hotel, Grünflächen, Wege für Anwohner und Einkaufsstraßen. „Netzwerk hat für Facebook sowohl eine virtuelle als auch eine physische Bedeutung.“

    Shigematsu möchte einen alten Bahn-Korridor am Rande des Geländes für einen Rad- und Fußweg nutzen und für einen möglichen Facebook-Shuttle, der auch der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen soll. Er will weg von dem „festungsartigen Unternehmensansatz“, auch wenn ihm klar ist, dass ein Konzern immer Geheimnisse haben wird und ein großer Teil des Geländes nicht frei zugänglich sein wird. Die Entwürfe zeigen freundliche Parks und Straßen, wie sie kultivierte Stadtplaner seit drei Jahrzehnten hervorbringen, ohne Provokationen, Überraschungen oder Eigenheiten, die für OMA-Projekte sonst so typisch sind. Shigematsu sagt, er akzeptiere gerne „ein gewisses Maß an Banalität“ – was zähle, sei „in größeren Maßstäben zu denken“.

    Google will wieder etwas anderes. Hier hat man definitiv keine Angst vor dem Symbolträchtigen. Nachdem es mehrere Architekten – darunter Zaha Hadid – in Betracht gezogen hatte, brachte Google Thomas Heatherwick und Bjarke Ingels’ BIG dazu, das Projekt gemeinsam zu entwickeln. Die Idee ist bestechend – als würde ein Milliardär sowohl Miley Cyrus als auch Britney Spears für den 18. Geburtstag seines Nachwuchses engagieren. Heatherwick und Ingels gehören zu jener neuen Generation, die ohne die intellektuellen Skrupel der älteren Garde offensiv die neuen What-the-Fuck-Ikonen baut. Einer von beiden hätte es getan – egal für welches Projekt –, aber Unternehmen wie Google spielen nicht nach den normalen Regeln, wenn es um das Engagement von Entwicklern oder sonst irgendetwas geht.

    Hippie-Mentalität anpassen

    In Mountain View plant Google für sein neues Hauptquartier Bay View ein gigantisches, gebirgsähnliches Dach, aus dessen Fenstern man den Himmel betrachten kann. Darunter werden auf einer offenen Terrasse hunderte, wenn nicht tausende Google-Angestellte ihrer Arbeit nachgehen. Durch die Ebene darunter führt ein öffentlicher Weg, um mit den Anwohnern in Kontakt zu kommen.

    Wo Apple Park abgehoben und außerirdisch wirkt, buhlen Facebook und Google um Tuchfühlung. Es gibt aber auch Parallelen. Jeder Campus für sich ist ein in sich geschlossenes Universum, in dem alles vom Management bestimmt wird. Fehlt nur noch, dass sie ihr eigenes Wetter machen. Unter dem Google-Zelt oder im Apple-Ring gibt es kaum etwas, das nicht googlig oder applig wäre. Da ist die Vegetation, die trotz der sorgfältigen Auswahl einheimischer Pflanzen natürlich angelegt und künstlich ist. Es gibt Kunst, aber kein Werk schockiert oder verunsichert, sie dient der Zerstreuung und Beruhigung. Es gibt Architektur, aber so innovativ die Materialien sind, muten die Gebäude wie frisch aus dem Computer gezogener Digistuff an. Selbst wenn die Unternehmen auf ihre Umgebung und die Anwohner zugehen, bleibt der Rest der Welt eine dunstige, unklar definierte Sphäre – der Nebel im Hintergrund der computergenerierten Bilder.

    Diese panoptischen Welten sind einerseits der schieren Größe der Unternehmen geschuldet, sie spiegeln aber auch wider, wie diese denken. In Googles großem Dach klingen die geodätischen Kuppeln nach, die die Hippies in ihren Landkommunen aufgestellt haben. Während diese Science-Fiction überholt wirkt, ergibt sie kulturell Sinn. Wie Fred Turner in From Counterculture to Cyberculture schreibt, wurden in Kalifornien die radikalen Ideen der 1960er Jahre durch die Orientierung am Gewinn ergänzt und verändert, was zu den radikalen technischen Innovationen führte. Doch Teilhabe, Gleichheit und Freiheit haben ihre Grenzen, insbesondere wenn es um das geistige Eigentum und die Geschäftsstrategien der IT-Unternehmen geht. Ihre Architektur gibt diesen Widersprüchen eine Form, indem sie Offenheit mit Kontrolle, Freiheit mit Absperrungen vereint. Es handelt sich um perfekte Schaubilder der vermeintlichen Gleich- und tatsächlichen Ungleichheit der Technik-Sphäre, wo undurchlässige Trennwände diejenigen in den inneren Kreisen vom Rest da draußen abgrenzen.

    Wenn die Firmenzentralen großer IT-Unternehmen ins Zentrum großer Städte vorrücken, sind sie gezwungen, ihre Hippie-Kommunen-Mentalität anzupassen – ganz aufgeben tun sie diese nicht. Amazon hat sich im Zentrum von Seattle angesiedelt, wo das Unternehmen 15 bis 20 Prozent der verfügbaren Büroräume beanspruchen soll und sich damit brüstet, dass 20 Prozent der Mitarbeiter zu Fuß zur Arbeit kommen. Erst kürzlich hat es den Bürogebäuden ein urbanes Eden Project aus ineinandergreifenden Blasen hinzugefügt, in denen die Angestellten in costa-ricanischen Temperaturen tropische Wälder mit Wasserfällen durchstreifen sollen.

    In King’s Cross in London zwang der Platzmangel Google dazu, seinen Campus auf ein elfgeschossiges, fast 93.000 Quadratmeter großes Gebäude zu komprimieren. Innen gibt es eine Promenade, die an den Cafés und Sporteinrichtungen vorbei zu einer Dachlandschaft mit Feldern und Gärten führt. Die äußere Hülle passt sich der grimmigen Gleichförmigkeit der umliegenden Bürogebäude an, nach oben hin bricht die Struktur auf, als ob sie die Energie im Inneren nicht länger kontrollieren könnte.

    Für beide Büros – sowohl für BIG als auch Heatherwick – ist es einer ihrer überzeugendsten Entwürfe bisher. Das Zusammentreffen von Campus und Metropole erzeugt Druck und Spannung, Aktion und Reaktion. Das Gebäude wirkt entschlossen und hat keine Angst vor der eigenen Größe. Das tut der Gegend gut. Und doch ist es inwärts orientiert, mit einem konventionellen Büroeingang und einer Ladenzeile zur Straße hin. Hier hätte man gehofft, dass die Kraft von Google zu mehr in der Lage wäre.

    Microsoft genügte es zu seinen besten Zeiten vollkommen, in farblosen Flachdachgebäuden am Stadtrand von Seattle zu residieren. Dort hat das Unternehmen seinen Sitz bis heute. Es fällt auf, dass das Silicon Valley trotz seines weltweiten Ruhms im visuellen Bewusstsein kaum Eindruck hinterlassen hat – wer hat schon wirklich eine Vorstellung davon, wie dieser Ort aussieht? Doch so viel Macht und Geld werden sich auf Dauer nicht damit zufriedengeben, unscheinbar zu bleiben. Wir fangen gerade erst an zu sehen, wie sie das Erscheinungsbild unserer Städte verändern werden.

    Rowan Moore ist Architekturkritiker des Observer

    Übersetzung: Holger Hutt

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